Schwaikheim

Die Schwaikheimer Pastoralreferentin Maria Lerke über ihre Erfahrungen in der Coronazeit

Maria Lerke
Maria Lerke. Foto: Habermann © Gabriel Habermann

Maria Lerke ist tief berührt. In einem Artikel der „Zeit“ hat die Pastoralreferentin gerade eine Liste gelesen mit Namen, Wirkungsstätten und dem jeweiligen Datum, an dem italienische Priester während der Corona-Zeit gestorben sind, weil sie bei „ihren“ Kranken blieben und sich bis zu deren Tod sich um sie kümmerten. Das war noch ganz am Anfang der Pandemie, die Liste dürfte in der Zwischenzeit noch viel länger sein.

Maria Lerke fällt zu der Liste Karl Borromäus ein, der Namenspatron der katholischen Kirche in Winnenden. Der, im 16. Jahrhundert lebend, Kardinal und Erzbischof von Mailand, setzte sich für an der Pest Erkrankte ein, was seiner eigenen Gesundheit abträglich war. Er starb mit 46 Jahren und wurde bereits 1610 heiliggesprochen, ist Schutzpatron der Seelsorger und wird bei Pestepedemien um Beistand angerufen. Maria Lerke fühlt sich noch an einen Weiteren erinnert, der für andere litt und darin bis zum Äußersten ging: Jesus.

Aber sie stellt auch gleich, wohl um jedem Heiligenschein des Märtyrers vorzubeugen, klar, dass die heutigen Seelsorger vom Bischof aufgerufen sind, sehr wohl auf sich selbst zu achten, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Doch, ein Beispiel, die Kommunion zu geben ohne direkten Kontakt, die Liturgie zu halten ohne die Kommunion zu empfangen, bislang nur ein „Vorschlag von oben“ sei schwierig. Dazu bestehe Gesprächsbedarf mit dem „Kirchenvolk“ und dem Liturgieausschuss.

Begegnungen, die Umarmungen, der tröstende Händedruck fehlten

Ihr zweites Beispiel dafür, wie schwierig es sei, das Verbot des direkten Kontakts einzuhalten: das Gottesdienstgebot der Katholischen Kirche. Das sei ja nun mal ein Zeichen des Glaubens. Ebenso wie Begegnungen und tröstende Umarmungen: „Von jetzt auf nachher zu sagen, das geht jetzt nicht, das war für mich bislang undenkbar.“ Als geradezu unerträglich empfand sie es, als ein Mann gestorben war, und die Witwe – das Paar hatte keine Kinder – nur mit ganz wenigen anderen bei der Beerdigung war und hinterher nach der Trauerfeier alleine heim musste. „Sie nicht in den Arm nehmen zu können, das war ganz schlimm.“ Am Anfang sei es ohnehin geradezu grausam gewesen, bis man ausgemacht habe, die eigentlichen Gedenkfeiern später nachzuholen. Noch ein Fall geht ihr nach: der Tod einer jüngeren Frau mit drei Kindern. „Wenn da selbst nur ein Händedruck als Zeichen der Anteilnahme fehlt, bist du auf das Allernötigste beschränkt: eine Kerze anzuzünden.“ Aber in dieser schwierigen Zeit merke man eben auch, was das Wesentliche des Glaubens ist, „gute Gedanken, zu wissen, dass jemand an einen denkt, dass jemand für einen betet, also eben nicht das ganze Drumherum.“

Ist denn der Gottesdienst wesentlich oder „drumherum“? Die Frage sei fies, sie zögert, überlegt. „Also wir können ja derzeit manches nicht feiern wie sonst, und wenn, nur in ganz kleinem Kreis, völlig reduziert. Aber ja, das war eben auch schön.“ Ihr Beispiel: die Osternacht. Deren „Zeichenhaftigkeit“ sei unwahrscheinlich stark, ja elementar: „Da wird einem bewusst, dass man ,mehr’ ist. Ich habe das selbst dieses Jahr, in dieser gottesdienstlosen Zeit, ganz stark gespürt.“ Ihre Erfahrung sei, dass gerade da viel mehr möglich sei als sonst, wo man mit viel Oberflächlichem beschäftigt sei.

Das Angebot in die offene Kirche zu kommen, wurde rege angenommen

Was sie auch gestärkt hat: Die Kirchen seien ja die ganze Zeit offen gewesen und das sei von ganz vielen dankbar angenommen worden. Sie schmunzelt: Die „Sonntagspflicht“, lange ausgesetzt, ein Begriff, der fast vergessen gewesen sei, sei wieder auferstanden. Weitere Lichtblicke in düsterer Zeit: Die Nachstellung des Osterwegs, zusammen mit Brigitte Schäfer für die Kinderkirche, unter Corona-Bedingungen, der gehaltene Kontakt zu den Erstkommunionskindern über Whatsappvideochat und Youtube, die Links dorthin auf der Gemeindehomepage, sieben kleine Filme wurden verschickt, mit großer Hilfe der Oberministrantin erstellt, der wöchentliche Brief an die Gemeindeglieder, die Palmbüschel heuer als Postkarte verschickt. „Oder die wunderbare Osterkerze dieses Jahr, die mich begeistert hat.“ Oder dass bei der Seelsorge auch telefonisch einiges möglich ist. „Das habe ich alleine aber nicht geschafft.“ Unterstützt wurden sie dabei vom Freitagskreis. Oder „Schwaikheim bringt’s“, das Angebot für andere, die nicht aus dem Haus durften, konnten oder wollten, einzukaufen, dass alle religiösen Gemeinschaften vor Ort sich daran beteiligten. Dass es für die letztlich doch wenige Anfragen so viele Helfer gab, die sich anboten und wodurch immer sehr schnell reagiert werden konnte. Oder das interreligiöse Friedensgebet.

Kein Besuch im Haus Elim, das war ganz hart

In Schwaikheim gibt es ein Pflegeheim, Haus Elim, lange Zeit durfte keine Bewohner raus, kein Angehöriger rein. Wie hat sie das erlebt als Seelsorgerin? Das sei ganz hart, heftig gewesen, auch für die Ehrenamtlichen des Besuchsdiensts. Schließlich sei sie sonst zusammen mit Schülern dort regelmäßig zu Besuch, zum Kaffeenachmittag, zum gemeinsamen Basteln. Sie hätten das Angebot gemacht, als „Ersatz“ dort anzurufen, das sei aber nicht so angenommen worden, eher allerdings die Briefe, die sie schrieben, Bilder, die Kinder malten. Immerhin seien die Gottesdienste im Haus, sonst zwei im Monat, im Wechsel mit der evangelischen Kirche, wegen Corona natürlich ebenfalls entfallen, durch die beiden Hausgeistlichen aufgefangen worden, die sich rührend gekümmert hätten. „Und es wurde gefensterlt.“ Ganz engagiert sei auch Doktor Pluta gewesen: „Der ist ja schon lange im Ruhestand. Ich hatte aber den Eindruck, der schafft noch mehr als früher.“

Das einfache Gottvertrauen sei doch das eigentlich Wesentliche

Trotzdem: Es gab Sterbende im Krankenhaus, wo anfangs nicht einmal die engsten Angehörigen rein durften, wo diese ihre Mutter oder ihren Vater zum letzten Mal sahen, als sie sie „abgaben“. Gleichwohl, gerade in solch schwierigen Situation entstünden sehr berührende Dinge, die es sonst nicht geben würde, so Maria Lerke. Sie erinnert auch an die Zeit nach dem Winnender Amoklauf, die Erfahrungen damals, die Besinnung auf das, was das Leben ausmache, der Ganzheitlichkeit des Glaubens, die einem durch die Beschränkungen noch deutlicher geworden sei, aber auch Ohnmachtserfahrung: „Das Schlimmste ist, nicht helfen zu können.“ Und doch gebe es da Trost im „Volksglauben“, im ganz einfachen Gottvertrauen: „Das wurde früher belächelt, aber eigentlich ist das doch das Wesentliche.“

Maria Lerke ist tief berührt. In einem Artikel der „Zeit“ hat die Pastoralreferentin gerade eine Liste gelesen mit Namen, Wirkungsstätten und dem jeweiligen Datum, an dem italienische Priester während der Corona-Zeit gestorben sind, weil sie bei „ihren“ Kranken blieben und sich bis zu deren Tod sich um sie kümmerten. Das war noch ganz am Anfang der Pandemie, die Liste dürfte in der Zwischenzeit noch viel länger sein.

Maria Lerke fällt zu der Liste Karl Borromäus ein, der Namenspatron

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