Schwaikheim

Ein Radunfall mit furchtbaren Folgen - Amtsgericht Waiblingen untersucht die Schuld einer 20-Jährigen

Pedelec - zusammenstoß
Ein Schritt zwischen geparkten Autos auf die Straße führte zu einem Unfall mit einem E-Biker mit furchtbaren Folgen. © Adobestock/Marcin Kilarski

Zwischen Abitur und Studienbeginn wollte eine 20-Jährige mit einem Ferienjob etwas Geld verdienen, sich etwas finanziellen Spielraum und Unabhängigkeit verschaffen und ihre Eltern, bei denen sie mit den drei Geschwistern lebt, entlasten. So weit, so normal. Doch während des Ferienjobs passierte etwas, das ihr Leben und das eines Mannes schlagartig ändern sollte. Und nun führte eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung die junge Frau vor das Amtsgericht in Waiblingen.

E-Bike kam lautlos, aber mit hoher Geschwindigkeit daher

Am 27. August des vergangenen Jahres war die junge Frau in Schwaikheim als Postzustellerin unterwegs. Sie hatte ihre Tour nahezu beendet, rekapitulierte sie vor Gericht. Sie wollte gerade noch die Straße überqueren, das Bündel Briefe in der Hand. Da der Straßenrand mit Autos zugeparkt war, habe sie vorsichtig die Fahrbahn betreten und nach links geschaut, um sich zu vergewissern, ob dies auch gefahrlos möglich sei. In diesem Moment sei von rechts ein Fahrrad mit hoher Geschwindigkeit angefahren gekommen. Es habe sich um ein E-Bike gehandelt, das sie weder gehört und wegen der durch die parkenden Autos eingeschränkten Sicht auch nicht sehen konnte.

Nach dem Sturz ist der Radfahrer ein Pflegefall höchsten Grades

Die 20-Jährige berichtet weiter, dass sie erschrocken und zurückgesprungen sei und der Radfahrer versucht habe auszuweichen, indem er ruckartig die Lenkstange bewegte. Dennoch fuhr er sie am Ellenbogen und am Knie an, wodurch sie sich Prellungen zuzog. Er selbst jedoch verlor die Kontrolle über sein Rad und stürzte über das Lenkrad.

Die Folgen des Unfalls hätten fast nicht schlimmer sein können: Der Mann erlitt eine Hirnblutung und ein Trauma des Brustkorbs (Thorax). Seine Verletzungen führten nicht nur dazu, dass er sechs Monate lang, bis zum 1. März, im Krankenhaus behandelt werden musste, sondern dass er seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in einem Pflegeheim untergebracht ist. Sein Pflegegrad 5 lässt auf die ungeheure Schwere seiner Beeinträchtigungen schließen.

Staatsanwalt fordert gemeinnützige Arbeitsstunden

Den Vorwurf eines fahrlässigen Verhaltens der jungen Frau sah der Vertreter der Staatsanwaltschaft durch die Beweisaufnahme in der Verhandlung bestätigt. Der Unfall, so seine Einschätzung, hätte verhindert werden können. Er räumte allerdings ein, dass die Angeklagte durch dessen Folgen stark belastet sei. Er empfahl, zur Urteilsfindung das Jugendstrafrecht anzuwenden, da sie sich aufgrund des bisherigen Lebenslaufs und auch ihres Auftretens vor Gericht „insgesamt mehr als Jugendliche, eher nicht als Erwachsene darstellt“. Als Erinnerung, damit sich die junge Frau in Zukunft im Straßenverkehr noch vorsichtiger verhalte, empfahl er dem Gericht, ihr gemeinnützige Arbeitsstunden als Buße aufzuerlegen.

Gericht entscheidet sich gegen ein Gutachten und stellt das Verfahren ein

Rechtsanwalt Arnd Müller, der Verteidiger der 20-Jährigen, die inzwischen in Stuttgart studiert und einen bruchlosen, tadellosen Lebenslauf vorweisen kann, bestritt, dass seine Mandantin überhaupt eine Schuld treffe. Er argumentierte, dass gegebenenfalls durch ein Gutachten geklärt werden müsste, ob sie wegen der geparkten Autos überhaupt den Radfahrer sehen konnte, der zudem auf der falschen Straßenseite unterwegs gewesen sei. Dessen erhebliches Mitverschulden müsste vom Gericht herausgearbeitet werden. Er gab außerdem zu bedenken, dass die Verhandlung allein schon äußerst belastend und Strafe genug für seine Mandantin sei.

Richter Armin Blattner griff die Argumente auf. Für „ganz schuldlos“ halte er die 20-Jährige zwar nicht, sagte er. Gleichwohl stimmten er und der Staatsanwalt dem Vorschlag des Verteidigers zu, das Verfahren einzustellen. Weil sich Schuld und Mitschuld im Nachhinein nicht mehr aufklären lassen, erging kein Urteil, die Frau bekommt keinerlei Strafe.

Auch die Anwältin des Geschädigten als Nebenkläger stimmte der Einstellung des Verfahrens zu.

Zwischen Abitur und Studienbeginn wollte eine 20-Jährige mit einem Ferienjob etwas Geld verdienen, sich etwas finanziellen Spielraum und Unabhängigkeit verschaffen und ihre Eltern, bei denen sie mit den drei Geschwistern lebt, entlasten. So weit, so normal. Doch während des Ferienjobs passierte etwas, das ihr Leben und das eines Mannes schlagartig ändern sollte. Und nun führte eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung die junge Frau vor das Amtsgericht in Waiblingen.

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