Schwaikheim

Förderpreis für eine noch nicht gehaltene Rede: Jona Dörr hat zum Wettbewerb des Landtags einen Beitrag zum Thema Gleichberechtigung verfasst

JonaDoerrPreis
Jona, 15, besucht das evangelische Seminar in Maulbronn. © Gaby Schneider

Sechs von insgesamt rund 2200 eingereichten Beiträgen zum 63. Schülerwettbewerb des Landtags haben einen Förderpreis bekommen, sind also so herausragend, dass sie aus den verliehenen ersten Preisen noch herausstechen. Einer ist von der Schwaikheimerin Jona Dörr.

Der Wettbewerb soll die politische Bildung fördern. Jonas Beitrag fällt auch unter denen, die einen Förderpreis bekommen haben, auf, von der Form her: Sie hat nämlich eine Rede verfasst. „Feminismus – eine überholte Bewegung?“, diese Frage stellt sie dort und beantwortet sie natürlich auch, als 15-Jährige.

Es ist eine Rede, die bislang nicht gehalten wurde, zumindest nicht vor denen, an die sie adressiert ist, nämlich die Abgeordneten des Landtags. Aber vielleicht wird das ja noch nachgeholt, wenn Corona endlich vorbei ist. Es würde sich lohnen für die Parlamentarier, mindestens für so manchen der männlichen Vertreter unter ihnen. Wie es sich gehört, wird in der Rede zuerst die Landtagspräsidentin begrüßt. Immerhin die hat Jona mittlerweile am Sitz des Landesparlaments getroffen. Aras Muhterem hat den Förderpreisträgern ihre Urkunden und Medaillen persönlich übergeben.

Jona geht auf die 10. Klasse, aber nicht eines hiesigen Gymnasiums, wie man es wohl erwarten würde, sondern im evangelischen Seminar in Maulbronn. Sie war zwar zunächst auf dem Winnender Lessing, wollte aber mal Theologie studieren (mittlerweile aber nicht mehr) und sah in dieser Zeit eine Anzeige des Seminars. Sie lockte vor allem an, dass man dort Altgriechisch und Hebräisch lernen kann. Sie ist an Sprachen interessiert und damit ist nicht nur Englisch gemeint, sondern etwa auch Spanisch. Kurzum, sie schaute sich das mal vor Ort mit ihren Eltern an. Altgriechisch hat sie tatsächlich nun als Pflichtfach, Hebräisch ginge in einer AG, sie hat sich aber da für Französisch entschieden.

Sie will Politik studieren und Politikerin werden

Statt Theologie will sie nun Politikwissenschaften studieren, es aber nicht bei der Theorie belassen, sondern das Gelernte praktisch umsetzen, nämlich Politikerin werden. Vielleicht war ja ihre Rede vor diesem Hintergrund so eine Art Bewerbungsschreiben. Gegen rechts und für Emanzipation, so beschreibt sie ihr Programm. „Ich will aber nicht nur reden, sondern was bewegen, dafür dabei sein“, so die kämpferische Ansage der Heranwachsenden, die im Gespräch nichtsdestotrotz eher zurückhaltend wirkt. Noch ist sie nicht in die Politik „eingestiegen“, aber sie schaut sich gerade die Jugendorganisationen der Parteien an und macht mit bei „Jugend wählt“, eine vor allem digitale Bewegung, die sich für die Absenkung des Wahlalters auf 16 einsetzt, was in Baden-Württemberg zumindest oder nur, je nachdem, auf Kommunalebene seit 2014 gilt.

Maulbronn ist von Schwaikheim aus zwar keine Weltreise, aber auch nicht gerade ums Eck, wie läuft es bei ihr mit der Pendelei? Also, sie ist nur an jedem zweiten Wochenende daheim, weil in dem Seminar, man könnte auch Internat dazu sagen, auch jeden zweiten Samstagvormittag Unterricht ist. Dafür gehe der Unterricht unter der Woche nicht so lange, nämlich bis 16 Uhr, sie setzt „nur“ dahinter, klärt aber gleich auf, damit ja nicht der Eindruck entsteht, es handle sich dort um eine Ansammlung ehrgeiziger Streber in einer Kaderschmiede. Es gehe dort ganz locker zu, klar gebe es genaue Tagesabläufe mit festgelegten Zeiten, wann gelernt wird. Klar gebe es auch Freizeit, Instrumentalunterricht zum Beispiel, sie spielt selbst Cello oder verschiedene AGs, etwa Theater, Sport, Schach, Chor (Pflicht) und auch Politik.

Wie kam sie auf die Idee, bei dem Wettbewerb mitzumachen? Na ja, sie habe der Langeweile in den Sommerferien vorbeugen wollen, deshalb in der Zeit viel gelesen, und zwar eben über den Feminismus. Da sei ihr die Idee mit der Rede gekommen, also eine Art Erörterung zu dem Thema zu verfassen. Text zu schreiben, sei sie ja gewohnt, etwa für Andachten oder Gebete im Seminar, auch, diese vorzutragen. In der Größe wie ihre Rede sei es allerdings zum ersten Mal gewesen (ausgedruckt sind es in kleiner Schrift und eng beschrieben immerhin acht Seiten). Und sie hat sie tatsächlich schon mal gehalten, daheim, vor ihrer Familie. Und wie kam sie an? Na ja, die habe es nicht glauben können, was sie da hörte. Der Papa sei sehr stolz auf sie.

Etwa 60 Bücher zu dem Thema gewälzt

Ihr sei es ja gar nicht um einen Preis, geschweige denn Förderpreis, gegangen, eine Teilnehmerurkunde hätte ihr eigentlich gereicht. Aber wo hat sie dieses ganze „Material“ her, das in der Rede „verarbeitet“ wird? Okay, sie habe etwa 60 Bücher zu dem Thema gewälzt und Hilfe von ihrer Mutter bekommen. Die hat sie nämlich mit einer Freundin von ihr zusammengebracht, die in Magdeburg Gleichstellungsbeauftragte ist. Außerdem „zapfte“ sie Influencerinnen auf Youtube an. Sie hat die ganzen Ferien dran gearbeitet und sie hat Lehrer drüberschauen lassen. „Vom Thema waren ja nicht alle so begeistert“, verrät sie. Das Pro und Kontra dazu sei ziemlich entlang der Geschlechterlinie verlaufen. Einer habe versucht, mit ihr über die Definition von „sexuellem Übergriff“ zu diskutieren. Aber dazu sagt sie kategorisch: Das entscheiden doch die Frauen selbst, ob sie etwas als übergriffig empfinden. Und wenn ja, dann war es nun mal ein Übergriff.

Sexueller Übergriff: Es reiche doch, dass eine Frau es so empfindet

Sie berichtet in ihrer Rede, dass sie selbst in der Vergangenheit das mehrmals erlebt habe. Darüber sprechen will sie in dem Interview nicht, will sich auch hier nicht auf eine mögliche Diskussion einlassen, was einen Übergriff ausmacht, „ab wann“ man von einem sprechen kann. Sie habe damals, als das passierte, selbst nicht gewusst, dass es einer war, heute sei es ihr aber bewusst: „Es reicht doch völlig aus, wenn ich das heute so empfinde.“ Ihre Mutter unterstützt ihre strikte Haltung, verweist darauf, dass es ja nach wie vor alltäglichen Sexismus gebe, dass Frauen ihn ständig erlebten.

Zurück ins Seminar. Klarer Fall, dass sie dort in der Politik-AG ist, „wenn sie denn stattfindet“. Tut sie aber derzeit nicht, wegen Corona, auch nicht online. Im Sommer hätte sie eine Woche lang ein Praktikum im Bundestag absolviert, auch das fällt aber aus, wieder coronabedingt und ersatzlos. Wie hält sie sich auf dem Laufenden, was das politische Geschehen angeht? Klar, Tagesschau ist Pflicht, auf Instagram gibt es auch „Insta Politik“, im Februar hat sie dort ein digitales Praktikum gemacht. Und sie will, wenn schon Politik, dann in einer größeren Stadt studieren, am besten gleich im „Zentrum der Macht“, also Berlin ist ihr Wunsch. Die Mama hat keine Einwände: „Wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hat ...“

In Schwaikheim engagiert sich Jona im CVJM und sie hat dort natürlich auch Home-Schooling, das war schon so komplett von März vergangenen Jahres bis zu den Sommerferien, dann folgte bis kurz vor Weihnachten wieder Präsenzunterricht in Maulbronn, und seit Januar eben erneut Fernunterricht, über die Videochatplattform „Moodle“ und die Lernplattform „Schulcloud“. Das Einzugsgebiet des Seminars ist ohnehin europaweit. Sie sind in ihrer Klasse nur 14. Das ganze Seminar hat nur rund 70 Schüler, man kann erst in der 9. Klasse dorthin wechseln. Wenn man die dreitägige Aufnahmeprüfung dort vorher bestanden hat. Jona hat die sogar so gut absolviert, dass sie ein Vollstipendium hat.

Was Simone de Beauvoir dazu 1968 sagte, gelte auch 2021 noch

Hat ihr in der Vor-Corona-Zeit dort unter der Woche nicht die Familie gefehlt? Ja, am Anfang schon, aber mittlerweile sei sie es gewohnt. Man sei ja, abgesehen von den Viererzimmern, ohnehin dort nie alleine, sondern ständig mit den Klassenkameraden und auch den Lehrern zusammen, unternehme alles gemeinsam. Also, sie erkennen bei ihrer früher ziemlich in sich gekehrten Tochter doch einen deutlichen Entwicklungsschub, seit sie das Seminar besuche. Jona sei reifer, erwachsener geworden, ergänzt ihre Mutter.

Jona hat ihre Rede ja mit einer Frage überschrieben, bei ihrer Antwort darauf zitiert sie ihre berühmte Vorkämpferin Simone de Beauvoir. Die sagte 1968, der Feminismus sei weit davon entfernt, überholt zu sein. Jona Dörr sagt 2021: „Die Forderung von damals nach Gleichberechtigung ist heute leider immer noch weit davon entfernt, umgesetzt zu sein.“ Also, die Antwort auf die Frage, ob der Feminismus denn überholt sei, lautet aus ihrer Sicht eindeutig „Nein!“.

Sechs von insgesamt rund 2200 eingereichten Beiträgen zum 63. Schülerwettbewerb des Landtags haben einen Förderpreis bekommen, sind also so herausragend, dass sie aus den verliehenen ersten Preisen noch herausstechen. Einer ist von der Schwaikheimerin Jona Dörr.

Der Wettbewerb soll die politische Bildung fördern. Jonas Beitrag fällt auch unter denen, die einen Förderpreis bekommen haben, auf, von der Form her: Sie hat nämlich eine Rede verfasst. „Feminismus – eine überholte

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