Schwaikheim

Gedichte und Musik der 20er und 30er Jahre  in der Reihe "Kultur mit Biss"

Kultur mit Biss
Ulrike-Kirsten Hanne trug Gedichte von Mascha Kaléko, Tucholsky, Ringelnatz und Kästner vor, begleitet am Akkordeon von Elke Knötzele.  Foto Palmizi © Alexandra Palmizi

Escher-Wein, Akkordeonklänge, Berlin, die 20er und 30er Jahre dort, Gedichte der Großmeisterlästerer Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und Erich Kästner, all dies ist „geboten“ gewesen beim Saisonauftakt von „Kultur mit Biss“, der gleichzeitig auch ein „Nachholspiel“ war. Denn der Auftritt der Schauspielerin Ulrike-Kirsten Hanne und Elke Knötzele vom Musiktheater Zumhof, im Frühjahr geplant, war damals wegen Corona ausgefallen, auf den Herbst verschoben worden.

Zum zweiten Mal nun war gezwungenermaßen, ebenfalls wegen der Pandemie, die Gemeindehalle die Spielstätte statt des Rathaussitzungssaals und erneut erwies sie sich als viel zu groß und damit nicht gerade stimmungsfördernd für die Kleinkunstreihe. Gerade mal für 60 Leute war bestuhlt, pärchenweise. Selbst mit großen Abständen zwischen den Doppel-Sitzplätzen und trotz reichlich verbleibendem Platz an den „Seitenlinien“ war damit die Halle kaum zur Hälfte „möbliert“.

Aber es geht nun mal nicht anders und es wird zumindest in der Herbst-Saison dabei bleiben, wie Susanne Haag, die verantwortliche Fachbereichsleiterin der veranstaltenden Volkshochschule, auf Nachfrage betonte. Die Hoffnungen ruhen also darauf, dass spätestens im nächsten Frühjahr alles anders wird, einer Rückkehr ins Rathaus nichts mehr im Wege steht. Ziemlich wehmütig dürften sich die Stammgäste daran erinnert haben, wie dort in den Vorjahren oft genug die Stimmung hochkochte und jede(r) sich beglückt, beseelt vom genüsslichen Abend dort hinterher auf den Heimweg machte.

Trotz Tonprofi „kratzte“ es nicht nur einmal

Susanne Haag berichtete auch, dass man eigens einen Tontechniker engagiert hatte, um „alles nur Mögliche an Akustik aus der Halle herauszuholen. Ohne den würde es gar nicht gehen.“ Trotz Profi und dem Geld für diesen und sein ganzes Equipment: Es „kratzte“ an diesem Abend leider nicht nur einmal, auch die beiden auf der Bühne irritierend. Immerhin: Beim „Biss“ und beim „Schluck“ ist alles wie bisher. Die beiden einheimischen Weingüter und die bewirtenden Naturfreunde halten weiter zur Stange. Ebenso ist nicht nur die VHS weiterhin Veranstalter, sondern auch die Gemeinde, ebenso wie Gastgeber.

Man ist mittlerweile gemeinsam in der elften Saison, Susanne Haag erinnerte zur Begrüßung an den runden Geburtstag im Vorjahr und an die Unterstützung über alle die Jahre hinweg durch den mittlerweile verstorbenen Bürgermeister Gerhard Häuser. Seine Nachfolgerin, frisch gewählt, war zum Saisonauftakt da, „aus reinem Interesse“, wie Astrid Loff betonte, also als Privatperson, hielt sich denn auch betont zurück, schließlich hat sie ihr Amt noch nicht angetreten. Mangels Anwesenheit eines Vertreters der Gemeinde begrüßte Susanne Haag die Besucher also auch in deren Namen.

Tja, was erwartete diese denn nun zur „blauen Stunde“, so der Titel der Veranstaltung, auch wenn zu der Zeit die Sonne schon ein Weilchen untergegangen war? Zunächst vor allem die Bekanntschaft mit einer weit weniger berühmten, aber nicht weniger gewitzten Reimeschmiedin: Mascha Kaléko. Für die meisten in der Halle dürfte sie eine Neuentdeckung gewesen sein, die Kostproben, die Ulrike-Kirsten Hanne von ihr gab, machten auf jeden Fall neugierig, mehr von ihr zu erfahren, zu lesen, zu hören.

Die Schauspielerin verband dies gekonnt mit biografischen Häppchen zum Leben dieser außergewöhnlichen Frau, wie sie es später auch bei Tucholsky, Ringelnatz und Kästner tat. So erfuhr man auch, dass keiner von all ihnen ein „einfaches“ Leben hatte -  aber wer hatte das schon in dieser Zeit -, dass aber wohl vor allem diese Erfahrungen ihnen die Sinne und vor allem die Zunge und die Feder schärften.

„Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein“

Erst recht musste Kaléko kämpfen. Ihr war alles andere „in die Wiege gelegt“ worden, als berühmt zu werden. Vielleich war sie gerade deshalb aber so besonders aufsässig, keck. „Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein“, sagte sie selbst später herrlich selbstironisch im Rückblick. Ulrike- Kirsten Hanne gelang es speziell bei ihr besonders gut, den zuschauenden Zuhörern die Faszination dieser Frau nahezubringen, ihren von ihrer Heimat, dem früheren Galizien, das einstige Zentrum des ostjüdischen Geisteslebens, geprägten Witz, der die Berliner Zeit überstand, aber auch zu der passte.

 Apropos Berlin: Für den frechen, frivolen „Ton“ der damaligen Zeit dort eignet sich das vermeintlich „schwermütige“ Akkordeon sehr wohl, wie Elke Knötzele vorführte und ihre Schauspiel-Kollegin vortanzte. Den berühmten und angeblich allen längst weitestgehend bekannten „Tucho“ zeigte sie von einer anderen Seite, nicht als polemischen Satiriker, sondern als einfühlsamen Dichter, dem nichts Menschliches fremd war, auch als tragischen Frauenheld, der die, die er unbedingt wollte, zunächst nicht bekam und dann, mit ihr, doch nicht glücklich wurde. Ringelnatz, lyrisch vermeintlich für viele ein Leichtgewicht, wurde als Weiser entpuppt, der uns aber nicht in Vorträgen lehrt, sondern in Versen, nicht in Reden, sondern in Reimen.

All das weht uns Heutige aus 100 Jahren Entfernung an und ist doch so was von überhaupt nicht „gestrig“. Schließlich Kästner, der überaus erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautor, der im „Märchen vom Glück“ eine Parabel voller Lebensweisheit erzählt und den Besuchern dieses Saisonauftakts von „Kultur mit Biss“ durch Ulrike-Kirsten Hanne das Schwere so leicht erzählt. Und wenn nicht noch Corona wäre, so hätte die als Zugabe, zur Akkordeon-Instrumental-Fassung von „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ über die Gäste nein, nicht Rosen, aber Rosenblätter verstreut. Schön wär’s g’wesen.

Escher-Wein, Akkordeonklänge, Berlin, die 20er und 30er Jahre dort, Gedichte der Großmeisterlästerer Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und Erich Kästner, all dies ist „geboten“ gewesen beim Saisonauftakt von „Kultur mit Biss“, der gleichzeitig auch ein „Nachholspiel“ war. Denn der Auftritt der Schauspielerin Ulrike-Kirsten Hanne und Elke Knötzele vom Musiktheater Zumhof, im Frühjahr geplant, war damals wegen Corona ausgefallen, auf den Herbst verschoben worden.

Zum zweiten Mal nun

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