Schwaikheim

Im Bankraum 50-Euro-Schein weggeschnappt

Falscher Fünfziger
Im Gerichtssaal hat der Angeklagte die gestohlenen 50 Euro an den Geschädigten zurückgegeben. © Benjamin Büttner

In einem Schwaikheimer Bankraum zählt ein Geschäftsmann Geldscheine auf dem Geldautomaten. Ein entfernter Bekannter von ihm kommt rein, schnappt sich aus dem Bündel einen 50-Euro-Schein, legt dem Bestohlenen die Hand auf die Schulter, sagt etwas und rennt davon. War Gewalt im Spiel? Oder war es einfacher Diebstahl? Mit dieser und anderen Fragen befasste sich das Schöffengericht Waiblingen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft vermutet Gewalt. Mathias Fischer als Verteidiger will diese Frage genau geklärt wissen, denn es geht um die Einordnung der Tat als Verbrechen oder Vergehen, um eine hohe oder geringere Freiheitsstrafe.

Tatzeit: 1.30 Uhr in der Nacht

Das Tatgeschehen selbst lag schon einige Zeit zurück. Der damals 44-jährige Angeklagte, so erzählte er selbst, war am 11. März des vergangenen Jahres gegen 1.30 Uhr mit seinem Bruder in Schwaikheim unterwegs. Es sei eine schlechte Woche gewesen, in deren Verlauf hatte er zwischen 8000 und 10 000 Euro aufgrund seiner Spielsucht in den Sand gesetzt. Als sie in dieser Nacht an der Volksbank vorbeifuhren, fiel ihm auf, dass davor das Auto des Geschädigten abgestellt war. Da ihm dieser von seiner Familie bekannt war, bat er seinen Bruder, in die Bank hineinzugehen und anzufragen, ob ihm der Geschädigte, ein damals 27 Jahre alter, selbstständiger Automatenaufsteller, nicht etwas Geld leihen könne, damit er nicht mit leeren Taschen heimkäme. Der Bruder genierte sich zwar zunächst, ließ sich dann aber doch überreden, ging in die Bank hinein und sprach das Opfer an, das gerade dabei war, Geldscheine, die er einzahlen wollte, auf dem Geldautomaten zu sortieren. Die nur halbherzig vorgetragene Bitte um Geld lehnte er ab.

Den Dieb auf der Straße verfolgt

Daraufhin ging der Angeklagte selbst in den Bankraum und versuchte, den Geschädigten zu überreden. Als dieser nach einigem Hin und Her die Bitte erneut zurückwies, habe der 44-Jährige sich aus dem Geldstapel mir nichts, dir nichts einen 50-Euro-Schein gegriffen. Als sein Gegenüber protestierte, habe er ihm die Hand auf die Schulter gelegt, um ihn zu beruhigen, und versprochen, das Geld bei erstbester Gelegenheit zurückzugeben. Der Bestohlene erklärte, er habe sich nicht einschüchtern lassen, wollte wegen 50 Euro aber auch keine körperliche Auseinandersetzung riskieren. Er wischte die Hand von der Schulter und forderte weiter die Herausgabe des Geldes; nachdem er die Einzahlung beendet hatte, folgte er dem Angeklagten auf die Straße. Dieser ließ sich aber weder von dem Geschädigten noch von seinem Bruder überreden, das Geld wieder herauszugeben. Daraufhin telefonierte der Geschädigte mit seinem Vater und bat diesen um Rat. Der riet ihm, sich an die Polizei zu wenden. Dies geschah noch in derselben Nacht.

Angeklagter in stabilen Verhältnissen

Es handle sich bei dem Geschehen um keine Lappalie, plädierte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, auch wenn die Anwendung von Gewalt nicht nachweisbar sei. Dass es zu keiner Eskalation gekommen war, sei ausschließlich dem besonnenen Verhalten des Geschädigten zu verdanken. Angesichts der bisher acht Vorstrafen des Angeklagten, darunter auch schwerer Raub, Körperverletzung und Betrug, müssten diesem energisch die Grenzen aufgezeigt werden. Aus diesem Grund halte er eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten durchaus für tat- und schuldangemessen. Als Bewährungsauflage für den verheirateten Mann, Vater eines achtjährigen Kindes, der in einem festen Arbeitsverhältnis, in sein soziales Umfeld eingebunden und in stabilen Familienverhältnissen lebt, schlug der Staatsanwalt das Ableisten von achtzig Stunden gemeinnütziger Arbeit sowie drei Therapiegespräche wegen der Spielsucht vor.

Der Angeklagte gibt die 50 Euro zurück

Dass es bei dem Vorfall zur Anwendung von Gewalt gekommen wäre, meinte dazu Richter Steffen Kärcher, konnte in der Beweisaufnahme nicht nachgewiesen werden. Somit bleibe als einziger Anklagepunkt einfacher Diebstahl. Auch wenn sich der Angeklagte nicht wirklich einsichtig gezeigt habe, müsse bei der Strafzumessung berücksichtigt werden, um was für einen Betrag es sich dabei handelte. Für den Angeklagten spreche, dass er die 50 Euro während der mündlichen Verhandlung an den Geschädigten zurückgab und sich für seine Tat entschuldigte. Ihm das Ableisten von gemeinnütziger Arbeit aufzuerlegen, mache wenig Sinn, da er ja in Vollzeit arbeite, eine Geldbuße sei ebenfalls nicht zielführend, da er bereits ungefähr 30.000 Euro Schulden habe und schon mit dem Bezahlen der Tagessätze, die ihm bei seiner letzten Verurteilung auferlegt wurden, nicht nachkomme. Somit bleibe lediglich, den Angeklagten zur Übernahme der Verfahrenskosten und zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten zu verurteilen, die zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Für diese Zeit werde er einem Bewährungshelfer unterstellt, der ihn nicht nur beaufsichtige, sondern ihm auch Hilfestellung anbieten werde, um sein Leben und seine Spielsucht in den Griff zu bekommen.

In einem Schwaikheimer Bankraum zählt ein Geschäftsmann Geldscheine auf dem Geldautomaten. Ein entfernter Bekannter von ihm kommt rein, schnappt sich aus dem Bündel einen 50-Euro-Schein, legt dem Bestohlenen die Hand auf die Schulter, sagt etwas und rennt davon. War Gewalt im Spiel? Oder war es einfacher Diebstahl? Mit dieser und anderen Fragen befasste sich das Schöffengericht Waiblingen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft vermutet Gewalt. Mathias Fischer als Verteidiger will diese Frage

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