Schwaikheim

"Komplettversagen der Gemeinschaftsschule"? Schulleiterinnen widersprechen

Erweiterungsneubau
In Schwaikheim (Foto) sind jüngst, in Leutenbach in den vergangenen Jahren, Millionen Euro in den Ausbau der Gemeinschaftsschule investiert worden, die Anmeldezahlen steigen, die Gemeinden sind überzeugt von dieser Schulform. © ALEXANDRA PALMIZI

„Achtklässler in Gemeinschaftsschulen sehr schwach“ lautete jüngst die Überschrift eines Artikels, der sich aufs gesamte Ländle bezog. Die Leistungsdefizite im Rechtschreiben und Rechnen seien in diesem Schulbereich besonders ausgeprägt. Zeuge für diese Aussagen ist der Philologenverband. Der macht seine Kritik an den Ergebnissen der Vergleichsarbeiten (VERA) dieser Klassenstufe fest.

Die Gemeinschaftsschüler hätten „noch“ schlechter abgeschnitten als die auf Gymnasien, Real- und Werkrealschulen (heißt also, die haben auch schlecht abgeschnitten). Die sieben Prozent der Gemeinschaftsschulschüler, die auf Gymnasialniveau unterrichtet würden, hätten ein „klar schwächeres Level erreicht“ als Schüler an Gymnasien. Ähnlich sehe es bei den 41 Prozent der Schüler dort aus, die auf Realschulniveau unterrichtet werden. Auch auf dem untersten Niveau schnitten die Gemeinschaftsschüler „etwas schlechter“ ab als Jugendliche auf Real- und Werkrealschulen. Ralf Scholl, Landeschef des Philologenverbands, fasste das in einem Totalverriss zusammen, er wird mit dem Satz zitiert: „In meinen Augen ist das ein Komplettversagen der Schulart Gemeinschaftsschule.“

Was sagen eigentlich die Gemeinschaftsschulen in Schwaikheim und Leutenbach dazu, zu diesem offensichtlichen Gegeneinanderausspielen der verschiedenen Schularten? „Ich hätte fast auf den Tisch gehauen, als ich das las“, so die Schwaikheimer Rektorin Heike Hömseder. Sie frage sich, wie der Philologenverband überhaupt zu diesen Ergebnissen komme. Die Arbeiten seien von den Schulen anonymisiert eingereicht worden, es könne bei ihrer Auswertung erst mal gar nicht rückgeschlossen werden, von welchen Schularten, von welchen Schulen die jeweils sind. Das sei also gar nicht „rauslesbar“ beziehungsweise erst wieder, wenn die Ergebnisse an die jeweiligen Schulen zurückkommen.

Der Verband habe das Thema verfehlt

Inhaltlich, wenn man so will, findet Heike Hömseder, habe der Verband aber ohnehin das Thema verfehlt. Wenn das unter einem Aufsatz steht, gibt es dann nicht die Note 6? Das eigentliche Thema müsse aus ihrer Sicht nämlich sein, welche Chancen die Gemeinschaftsschule Haupt- und Werkrealschülern biete, da gebe es nämlich viele, die in dieser, wegen dieser „eine ganz tolle Entwicklung“ genommen hätten. Völlig unter den Tisch fallen lasse der Verband, dass die Achtklässler genau der Jahrgang gewesen seien, der unter der Corona-Pandemie am meisten gelitten habe, der als Letztes aus dem Lockdown an die Schule (zum Präsenzunterricht) zurückgeholt wurde. Angesichts dessen sei diese Kritik also nicht fair, sondern „ein Tritt vors Schienbein“.

 Heike Hömseder verweist auch darauf, dass es an der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule in diesem Jahrgang überhaupt keinen Schüler gibt, der durchgängig, in allen Fächern, auf dem Gymnasialniveau unterrichtet wird, nur einige, die in einigen Fächern dieses Level haben. Insofern fehle, um da intern vergleichen zu können, sozusagen die Referenz.

Fakt ist gleichwohl, dass der Jahrgang schwächer ist als vorherige und dass unter ihm relativ gesehen mehr Schüler sind, die in der fünften Klasse mit einer Hauptschul- oder Werkrealschulempfehlung angemeldet wurden. Die Frage ist allerdings, warum der Verband sich nun diesen „herauspickt“, um die Gemeinschaftsschule in ihrer Gesamtheit „in die Tonne zu treten“. Was treibt ihn dabei an?

Da würden Äpfel mit Birnen verglichen

Für Heike Hömseder setzt der Verband ohnehin falsch an, führt die falsche Diskussion. Der Fokus müsse eigentlich darauf gerichtet werden, dass und wie es die Gemeinschaftsschule schaffe, dass Schüler, die mit einer Werkreal- oder Hauptschulempfehlung gekommen sind, den Realschulabschluss schaffen. Die seien also „nach oben“ gefördert worden, das sei doch die eigentliche Leistung der Gemeinschaftsschule, die Anerkennung verdiene. Geredet werde aber vor allem über die, die überfordert seien, die vom Gymnasium oder von der Realschule „runter“ müssen. Aus Sicht von Heike Hömseder vergleiche der Philologenverband aber ohnehin „Äpfel mit Birnen“, weil er Schulen mit sehr unterschiedlichem sozialen Milieu, Herkunft der Schüler, über einen Kamm schere. Man könne, dürfe nicht Schüler etwa aus Tübingen mit Schülern aus bestimmten Stuttgarter Stadtvierteln in einen Topf werfen.

Gut, einverstanden, aber was sollen die Eltern denken, wenn sie so einen Rundumschlag lesen, vor allem die Eltern von Viertklässlern, die sich Gedanken machen, auf welche Schule sie ihren Nachwuchs im kommenden Schuljahr schicken sollen, vor dieser frühen und immer noch entscheidenden Weichenstellung? Oder müssen Eltern, die ihre Kinder zur Gemeinschaftsschule gebracht haben, nun nicht denken „Oh weh, da haben wir aber wohl einen schweren Fehler gemacht“? Jetzt wird Heike Hömseder, die sich bislang merklich zurückgehalten, ihre Kritik am Philologenverband diplomatisch formuliert hat, energisch: „Eindeutig nein! Haben sie nicht!“ Es gehe im vorliegenden Fall um einen ganz speziellen Jahrgang, dessen Leistungen aus erklärbaren und vor allem entschuldbaren Gründen schwächer seien als die davor und danach, ein Jahrgang, der, ja, das müsse man so sagen, von oben „verlassen“ worden sei.

Völlig vernachlässigt, wie heterogen die Schülerschaft sei

„Das trifft uns, wir sind empört“, so die Leutenbacher Konrektorin Renate Kollek auf die gleiche Nachfrage, „weil es die Arbeit der Lehrer und auch der Schulleitungen zunichtemacht.“ Man nehme die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten ernst, schaue die sich genau an. Aber der Vergleich Gymnasien – Gemeinschaftsschulen, der vom Philologenverband angestellt wird, sei alleine schon sehr schlecht, eben weil auch in Leutenbach in diesem Jahrgang kein Schüler durchgängig, in allen Fächern, auf dem E-Niveau sei. Völlig vernachlässigt werde bei diesem Pauschalurteil auch, wie heterogen die Schülerschaft an Gemeinschaftsschulen sei, die Herkunft, die soziale Umgebung sei sehr unterschiedlich. „Wir haben natürlich eine andere Schülerschaft als ein Gymnasium, aber das ist ja gerade das Interessante.“

Der Achter-Jahrgang wurde von der Pandemie besonders gebeutelt

Auch sie verweist darauf, dass der Achter-Jahrgang von den Auswirkungen der Pandemie besonders gebeutelt gewesen sei. Sie wirft dem Verband vor, eine Momentaufnahme zu verallgemeinern. Die Schüler entwickelten sich schließlich von Jahr zu Jahr und man müsse eben die Entwicklung sehen, in den Vordergrund stellen. Natürlich spiele da auch Corona eine Rolle. „Das hat doch mit den Kindern etwas gemacht. Ich finde, bevor man hier nur über die Leistungen urteilt, sollte man sich erst mal damit befassen. Die Jugendlichen haben nach wie vor große Schwierigkeiten, überhaupt wieder Fuß zu fassen. Der Lockdown war gerade für diesen Jahrgang sehr lang.“

Die Aussage des Verbands vom „Komplettversagen der Schulart Gemeinschaftsschule“ könne man also so nicht stehenlassen, so Renate Kollrek: „Das ist schließlich ein Prozess, wir sind immer noch eine neue Schulart, uns gibt es hier seit acht Jahren, das ist eine vergleichsweise kurze Zeit, wenn man bedenkt, wie lange es Gymnasien und Realschulen gibt.“ Vor diesem Hintergrund könne man mit der Entwicklung sehr zufrieden sein.

Sie verweist darauf, dass es bei den diesjährigen Zehntklässlern, die im Sommer den Realschulabschluss geschafft haben, viele Preise und Belobigungen gab, dieser Jahrgang sei sehr stark gewesen. „Ja, man kann eigentlich nur staunen, wie gut die gewesen sind, das spiegelt doch unsere Arbeit wider.“ Alle, wirklich alle Lehrer im Kollegium seien voll überzeugt von der Gemeinschaftsschule, versichert Renate Kollrek. Vielleicht nimmt ja auch der Philologenverband das zur Kenntnis.

„Achtklässler in Gemeinschaftsschulen sehr schwach“ lautete jüngst die Überschrift eines Artikels, der sich aufs gesamte Ländle bezog. Die Leistungsdefizite im Rechtschreiben und Rechnen seien in diesem Schulbereich besonders ausgeprägt. Zeuge für diese Aussagen ist der Philologenverband. Der macht seine Kritik an den Ergebnissen der Vergleichsarbeiten (VERA) dieser Klassenstufe fest.

Die Gemeinschaftsschüler hätten „noch“ schlechter abgeschnitten als die auf Gymnasien, Real- und

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