Schwaikheim

Nach fast 42 Jahren verlässt Brigitte Röger den Schwaikheimer Gemeinderat

Brigitte Röger
Immer voll dabei und meist frei heraus: Brigitte Röger. © Alexandra Palmizi

Warum? Sie lacht. Irgendwann sei halt Zeit aufzuhören. „Ich bin fast 42 Jahre dabei gewesen.“ Brigitte Röger scheidet aus dem Gemeinderat aus. Erstmals wurde sie 1980 gewählt, hatte schon bei der Wahl vorher kandidiert. Sie weiß noch, dass ihr damals nur 26 Stimmen fehlten. Gutes Gedächtnis? Na ja, sie hat sich zum bevorstehenden Abschied noch mal damit beschäftigt. Neunmal wurde sie gewählt. Wie oft war sie Stimmenkönigin? Das sei nicht so wichtig, aber bitte: viermal. CDU-FB-Fraktionsvorsitzende wurde sie 2014, löste Peter Langer ab, Nachfolger von Helmut Dürr.

Brigitte Röger lässt die Amtsblätter binden, als Jahrgänge, seit 1994, zum Nachlesen, auch für ihren Mann, der ebenfalls seit vielen Jahren ehrenamtlich aktiv ist im Flecken. Die Bände liegen im Keller, vor einigen Jahren hat sie etwas ausgemistet, die vergangenen 15 Jahre haben überlebt. Dass die Beratungsunterlagen für die Sitzungen längst digital sind, sei besser zum Nachschauen. Sie ordnet chronologisch nach den jeweiligen Nummern, bei Großprojekten wie der Neuen Ortsmitte thematisch.

Die Gemeinde habe sich positiv entwickelt, „auch wenn manche immer schimpfen“

Wie sieht sie die Entwicklung des Orts über diese lange Zeitspanne hinweg? „Also ich sage, es hat sich sehr viel getan. Dass es weniger Einkaufsmöglichkeiten als früher gibt, ist nicht nur in Schwaikheim so.“ Fehlende Umsätze von Geschäften hätten auch was mit sich veränderendem Einkaufsverhalten zu tun, Stichwort Internet. Ja, Schwaikheim habe sich zum Positiven entwickelt, „auch wenn manche immer schimpfen“. Bau der Fritz-Ulrich-Halle, Kinderbetreuung, Schule sind Beispiele, die ihr spontan einfallen. Oder Haus Elim, mit seinen Pflegeplätzen für Ältere vor Ort. Oder die Wohngebiete Grundwiesen, Kürräcker, Heiße Klinge, das Gewerbegebiet Klingwiesen. Wie steht sie zum nächsten geplanten Gebiet, Leimtelle? Klar sei das Problem der Abstand zum benachbarten landwirtschaftlichen Betrieb. Auf der einen Seite werde verlangt, dass alles den Vorschriften entspreche, auf der anderen werde geklagt, es fehlten Wohnungen, ein Widerspruch aus ihrer Sicht. Eine weitere Sporthalle? „Ich finde, die müsste sein.“

Sie verweist auf den Ausbau an Betreuungsplätzen. Einst sei darüber diskutiert worden, ob die Angebote nachmittags nicht reduziert werden sollten, weil kaum Kinder in der Zeit da waren. Heute seien die meisten Mütter ganztags berufstätig. Die weiterführende Schule vor Ort sei gesichert worden und auf Wachstumskurs. „Wir haben richtig Glück gehabt mit der neuen Schulleitung.“ Nur, ob man nach dem jetzigen Neubau gleich einen weiteren brauche, dahinter macht sie ein Fragezeichen. Auch die Schule selbst brauche wohl eine Atempause. Der Ort sei kontinuierlich vorwärtsgekommen, „möglicherweise war das halt dem einen oder anderen nicht schnell genug“. Sie kenne aber Zugezogene, die die Kinderbetreuungssituation vor Ort im Vergleich mit der, wo sie herkommen, loben, zum Beispiel, dass man tageweise buchen kann: „Ich glaube, dass die das objektiver sehen.“

Sie hat gerade ihre letzte Fraktionssitzung hinter sich, das sei schon ein „komisches Gefühl“ gewesen, „aber auch irgendwie befreiend“. Aber bitte: Es sei eine sehr schöne Zeit gewesen, auch wenn es anstrengende, ja belastende Phasen gegeben habe. „Ich bin halt immer mit ganzem Herzen dabei“, sagt sie entschuldigend. Freilich habe es viele schöne Erlebnisse gegeben, „sonst wäre ich ja nicht so lange dabeigeblieben.“ Doch nun könne und wolle sie „Habe fertig“ sagen. Aber nicht „Ich bin dann mal weg“. Schwaikheim werde sie nie loslassen, aber irgendwann müsse man auch mal sagen können „Jetzt isch gut“.

Der Übergang im Fraktionswechsel und damit der Generationswechsel sei geglückt, das sei auch der Grund gewesen, bei der Wahl 2019 noch mal anzutreten. Ob sie während der Amtsperiode ausscheiden würde, das habe sie sich offengelassen „und nun eben entschieden, dass es reicht“. Die meisten Gemeinderäte könnten vom Alter her ihre Kinder sein, „ich werde ja bald 73“. Ja sicher, es habe auch Phasen gegeben, wo sie hätte „hinschmeißen“ können. Die Namen dazu möchte sie aber nicht in der Zeitung lesen. Sie widerspricht Munkeleien im Ort zu ihrem Ausscheiden: „Es gibt keine gesundheitlichen Gründe. Mir geht’s gut!“ Aber sie habe immer gesagt, sie wolle aus freien Stücken entscheiden, also solange sie das noch kann. „Bin halt ein Widder!“ Hat sie nicht doch auch „ein bisschen die Schnauze voll“? Sie überlegt lange, widerspricht aber nicht. Hat sie Hoffnung, dass es mit der neuen Bürgermeisterin besser wird? „Ich wünsche es mir.“ „Was war“ hätte irgendwann mal innerhalb des Gemeinderats besprochen gehört – wenn möglich aufgearbeitet, „aber nicht, um sich gegenseitig Vorwürfe um die Ohren zu hauen“. Trotzdem, bei so mancher Entscheidung habe sie nicht verstanden, warum es da Gegenstimmen gab. „Aber gut, ich bin selbst auch kein Engel gewesen.“

Wie geht sie mit dem Suizid des damaligen Bürgermeisters Gerhard Häuser vor einem Dreivierteljahr um? Sie überlegt lange, muss sich sammeln, ist bewegt, angefasst, die Augen schimmern feucht. Sie habe, um dieses Unglück bewältigen zu können, sich Hilfe gesucht, habe zu Häuser stets ein gutes Verhältnis gehabt, ihm auch gesagt, wenn ihr etwas nicht gepasst habe, aber eben direkt und nicht laut. Sie habe ihr Amt immer so verstanden, gemeinsam nach dem Besten zu schauen, „ich unterstelle aber niemandem, dass es bei dem nicht so war oder ist. Und ich bin sicher, dass alle unter dem, was geschah, gelitten haben.“  Wird ihr der Gemeinderat fehlen? Sie lacht herzhaft. Künftig habe sie halt dienstags frei, lese gerne historische Romane, werde ihre Kultur-Abo-Karten nicht mehr wegen Sitzungen an andere weitergeben müssen und bei privaten Feiern aus dem gleichen Grund nicht erst auftauchen, wenn die anderen sich schon verabschieden. Da sind auch noch zwei Töchter samt einem Enkele, in Leipzig und am Bodensee. „Ich kann also künftig spontan sagen, ich pack mein Zeug und wir fahren dorthin.“

Ab jetzt mehr Zeit für Kultur, ihre Teddybären und ihre Töchter

„Ich habe in der Zeit auf vieles verzichtet, aber gerne, weil das Amt mir Freude gemacht hat.“ Es muss sich also niemand sorgen, dass sie fortan nichts mit sich anzufangen weiß. Zumal es auch noch eine Teddybären-Sammlung gibt, die zu pflegen ist, aber nicht mehr zu vergrößern, mangels Platz dafür, weder daheim noch im Heimatmuseum, ihr Mann hat schon abgewunken. Sie kommt auf Helmut Dürr zurück. Der sei ein väterlicher Freund gewesen, mit dem sie viele gute Gespräche hatte, als fast direkter Nachbar am Gartenzaun. Sie schmunzelt bei der Erinnerung, wie Altbürgermeister Lothar Krüger eingangs von Sitzungen oft begrüßte: „Frau Röger und meine Herren“. Aber, betont sie, sie war damals nicht die erste Frau im Gremium und auch nur zeitweise die einzige. Ja, früher sei es einfacher gewesen, sich auszusprechen, hinterher, wenn es zuvor in der Sitzung hochhergegangen war. Als es darum ging, ob Schwaikheim ein Hallenbad bekommt, da kam sie früher aus dem Urlaub zurück, um bei der Abstimmung dabei zu sein, mit ihrer Neinstimme und den Folgekosten als Begründung. Aus heutiger Sicht: Gott sei Dank, für Schwaikheim, war sie bei der Mehrheit.

Warum? Sie lacht. Irgendwann sei halt Zeit aufzuhören. „Ich bin fast 42 Jahre dabei gewesen.“ Brigitte Röger scheidet aus dem Gemeinderat aus. Erstmals wurde sie 1980 gewählt, hatte schon bei der Wahl vorher kandidiert. Sie weiß noch, dass ihr damals nur 26 Stimmen fehlten. Gutes Gedächtnis? Na ja, sie hat sich zum bevorstehenden Abschied noch mal damit beschäftigt. Neunmal wurde sie gewählt. Wie oft war sie Stimmenkönigin? Das sei nicht so wichtig, aber bitte: viermal.

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