Schwaikheim

Pfarrer Gerhard Forster wechselt von Schwaikheim nach Esslingen

Pfarrer Forster
Gerhard Forster verlässt die Mauritiuskirche. Foto Habermann © Gabriel Habermann

Mit der Architektur seiner künftigen Wirkungsstätte kennt sich Gerhard Forster bereits aus. Der Pfarrer wechselt von der altehrwürdigen Mauritiuskirche in Schwaikheim in die evangelische Kirche in Sulzgries, vom spätgotischen Turmchorstil am Ende des 15. Jahrhunderts in den klassizistischen Kameralstil der Mitte des 19. Jahrhunderts. Forster beugt im Gespräch zu seinem bevorstehenden Abschied aber weiterem Fachsimpeln vor, durch ein Beispiel, mit dem Schwaikheimer wohl mehr anfangen können: Die Kirche in dem Esslinger Stadtteil sei von der Bauart her gleich wie die in Stetten.

Die feierliche Verabschiedung ist wegen Corona verschoben

Ausgezogen aus dem großen Pfarrhaus mit dem weitläufigen Garten neben der Mauritiuskirche sind Forsters mittlerweile. Die feierliche Verabschiedung von ihm in Schwaikheim ist verschoben, wegen Corona. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Forster sprich von „Tendenz vor den Sommerferien“. Noch ist ohnehin nicht alles in Schwaikheim erledigt, die Konfirmation seines Konfirmandenjahrgangs ist aus dem gleichen Grund ebenfalls verschoben, Forster hofft, dass es um Erntedank herum klappt.

Sein Dienst in Sulzgries beginnt in Kürze. Die feierliche Amtseinsetzung dort am 24. Mai erfolgt mit einer Schar handverlesener Teilnehmer. Die Investitur wird auf Video aufgenommen und kann von den Gläubigen auf der Homepage der Kirchengemeinde angeschaut werden, auch das ist der Viruskrise geschuldet. Sein Wechsel nach Esslingen ist unerwartet von Corona und ihren Auswirkungen überlagert. Das sei auch für ihn eine sehr schwierige Geschichte, so Forster. Keine Besuche, dafür: „Ich habe noch nie so viel telefoniert wie in letzter Zeit. Das ist aber kein gleichwertiger Ersatz. Auch eine Videokonferenz kann den direkten Kontakt zu Menschen nicht ersetzen.“

Schwierig derzeit: Beerdigungen und die Sterbebegleitung

Als besonders gravierend habe er die Vorschriften zu Beerdigungen, die Beschränkung der Zahl der Trauergäste empfunden. Abschied nehmen am Grab sei etwas Elementares. Hinterbliebenen Zuwendung geben zu können, dafür brauche es Nähe. Ganz schwierig sei derzeit auch die Sterbebegleitung. Da als Seelsorger nicht wirklich dabei sein zu können, jemanden womöglich alleine sterben lassen zu müssen, das schmerze. „Das lässt sich nicht über Telefon machen. So hätte es keinen Sinn.“ Forster spricht hier von der Aufgabe des Pfarrers, an den „Gelenkstellen des Lebens“ der Gläubigen für sie da zu sein.

Der gebürtige Tuttlinger ist 58 Jahre alt. Wobei er das „alt“ betont, lächelnd. Er war acht Jahre in Schwaikheim. Diese Zeitspanne sei früher in etwa der Zeitrahmen für evangelische Pfarrer auf einer Pfarrstelle gewesen, ehe sie wieder wechseln sollten. Mittlerweile sehe man das aber lockerer. Gleichwohl: In dem Alter sei für ihn die Frage gewesen, ganz, vollends bis zur Pensionierung, in Schwaikheim zu bleiben oder noch mal, wohl das letzte Mal, zu wechseln.

Eben, und warum dann, in dem Alter, noch mal ein Neustart? Wieder ein Schmunzeln. Na ja, er sei nun mal ein neugieriger Mensch, fange gerne etwas Neues an. Auf der anderen Seite seien acht Jahre in Schwaikheim Zeit genug gewesen, um dort etwas in Bewegung zu bringen. Es sei aber auch darum gegangen, das fortzuführen, was schon im Gange war, betont Forster. Er nennt dazu vor allem die Ökumene. Die sei in Schwaikheim wohl so weit entwickelt wie in kaum einer anderen Gemeinde im Rems-Murr-Kreis.

Die zweite Pfarrstelle wird 2024 wohl um 50 Prozent gekürzt

Rund 3600 Mitglieder hat die evangelische Kirchengemeinde in Schwaikheim, wobei der Bezirk der Mauritiuskirche größer ist als der des Jakobushauses. Forster geht davon aus, dass entsprechend dem Pfarrplan mit ziemlicher Sicherheit 2024 die Hälfte der anderen Pfarrstelle wegfällt, der Mauritiuskirchenbezirk größer wird, die 2000er-Marke überschreitet und dass es strukturelle Veränderungen in der Kirchengemeinde geben wird, zwangsläufig mit nur noch 150 Prozent Pfarrstellenbesetzung. Seine Stelle war einmal ausgeschrieben, vergebens, es meldete sich kein Bewerber. Forster geht davon aus, dass während der Coronazeit die Neubesetzung schwierig bleibt.

 In Esslingen gibt es eine riesige Gesamtkirchengemeinde, allerdings auch Teilgemeinden mit eigenen Kirchengemeinderäten und einer ziemlichen Selbstständigkeit. Die Stadt hat knapp 100 000 Einwohner. Den Reiz einer Großstadt habe er bisher nicht gehabt, so Forster, der vor seiner Schwaikheimer Zeit in Winnenden Pfarrer war. Dass die historische Esslinger Altstadt schön ist, weiß er natürlich. Und die Lebensqualität, sage man zumindest, in der einstigen Freien Reichsstadt am Neckar hoch.

Fürs ständige Auf und Ab ein E-Bike angeschafft

Sulzgries ist ein alter Stadtteil, der aber, so Forster, eigentlich mehr über Mettingen als über Esslingen liegt, „überm Hügel drüben“, und von wo er vom ersten Stock im Pfarrhaus einen Blick auf und über die Stadt, aufs Neckartal und bis zur Alb hat. Das heißt aber auch: ständig bergauf, bergab. Er hat sich dafür ein E-Bike angeschafft. Eine Gemeinsamkeit: Wie in Schwaikheim ist dort die Kirchengemeinde aufgeteilt und im anderen Bezirk gibt es eine Pfarrerin. Und auch in Sulzgries soll die zweite Stelle, also nicht seine, 2024 halbiert werden.

Was hat eigentlich die Familie zu seinem Wunsch, noch mal etwas Neues zu wagen, gesagt? Na ja, die drei Söhne sind längst erwachsen und Forsters Frau arbeitet an der Schule der Paulinenpflege am Jakobsweg in Winnenden. Klar ist Schwaikheim als Wohnort damit bislang „g’schickter“ für sie, aber Esslingen wiederum nicht so weit weg, dass auch sie wechseln müsste.

Noch mal blickt Forster zurück. Er sei ja schon so gut wie weg und doch noch nicht wirklich weg. Es fehle der Fixpunkt des richtigen Abschlusses. Er fühle sich im Schwebezustand, „man hängt gefühlt a bissle in der Luft, das ist irgendwie seltsam“. Zum Glück sei aber die Strecke von und nach Esslingen gut machbar. Bei einer Stelle etwa im Allgäu sähe es anders aus.

Sorge um die „Bindewirkung der örtlichen Faktoren“

Noch etwas zum Thema Ökumene, deren Wirkung für einen kleinen Ort wie Schwaikheim, wo man sich kenne. Er beobachte, dass, bei allem was auch die Vereine nach wie vor leisten, die Bindungswirkung örtlicher Faktoren nachlasse, sie deutlich an Kraft verloren hätten. Die Menschen lebten zunehmend in „Filterblasen“, in denen ausschließlich Gleichgesinnte zusammenkommen, auch die sozialen Medien beförderten dies. Das mache es aber im Gegensatz zu einem „Dorf“ immer schwieriger, Konflikte zwischen Nichtgleichdenkenden, die es zwangläufig nach wie vor gebe, zu bewältigen, auszutragen, Unterschiedlichkeiten auszuhalten. Forster, der sonst ein heiteres Gemüt hat, wirkt bei diesen Sätzen sehr nachdenklich.

Mit der Architektur seiner künftigen Wirkungsstätte kennt sich Gerhard Forster bereits aus. Der Pfarrer wechselt von der altehrwürdigen Mauritiuskirche in Schwaikheim in die evangelische Kirche in Sulzgries, vom spätgotischen Turmchorstil am Ende des 15. Jahrhunderts in den klassizistischen Kameralstil der Mitte des 19. Jahrhunderts. Forster beugt im Gespräch zu seinem bevorstehenden Abschied aber weiterem Fachsimpeln vor, durch ein Beispiel, mit dem Schwaikheimer wohl mehr anfangen können:

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