Schwaikheim

Randale in Schwaikheim: Alkohol, Drogen, Schläge - aber keine Gefängnisstrafe

Verbrechen
Dem Angeklagten Handschellen anzulegen war eine Herausforderung. © Benjamin Büttner

Auch wenn sein Mandant „Vorstrafen sammelt wie ein Eichhörnchen im Winter die Nüsse“, so Rechtsanwalt Philipp Wendel in seinem Schlussplädoyer, habe er es verdient, dass man ihm ein weiteres Mal Bewährung einräume und das Landgericht damit verschone, den ganzen Fall in der Berufungsverhandlung noch einmal von vorn aufrollen zu müssen.

Es war eine ganze Latte von Vorwürfen, denen sich der 33-jährige Angeklagte im Amtsgericht Waiblingen gegenübersah: versuchte und vollendete Körperverletzung, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Bedrohung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Und alle diese Taten geschahen zum Ausklang einer einzigen Sauftour.

Zwölf Bier, Koks am Nachmittag, später Ecstasy und Amphetamine

Der Tag im August des vergangenen Jahres habe für ihn unglücklich mit einem heftigen Streit mit seiner damaligen Lebensgefährtin und Mutter seines älteren Sohnes begonnen, so der Angeklagte. Durch den Tod seines Vaters eh aus der Bahn geworfen, sei er in alte Gewohnheiten zurückgefallen und habe sich mit „falschen Kumpeln“ getroffen, die ihn zu Alkohol und Drogen verleiteten. Im Laufe des Tages habe er zwölf Bier getrunken und bereits gegen 16 Uhr die erste Nase Koks gezogen. Gegen später seien dann noch Ecstasy und Amphetamine ins Spiel gekommen.

Gegen 20 Uhr habe er sich mit einem weiteren Kumpel und seinem Bruder in einer Schwaikheimer Kneipe getroffen. Dort kam es zum Streit. Zunächst versuchte er, sich mit einem anderen Gast anzulegen, der sich allerdings nicht auf seine Provokationen einließ und das Lokal verließ, nachdem er mit einem Klappmesser bedroht worden war. Handgreiflich wurde es dann beim Kumpel, mit dem er sich im Lokal getroffen hatte: Der Angeklagte stürzte sich auf ihn und biss ihn in den Hals-Schulter-Bereich. Als er vom Wirt aus der Kneipe verwiesen wurde, kam es mit diesem an der Theke auch noch zu einer Rangelei. Vor der Tür versuchte er noch, dem Wirt einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen – eine harmlose „Bubelei“, versuchte der Angeklagte abzuwiegeln, schließlich kenne man sich seit vielen Jahren.

Sechs Beamte und ein Diensthund bringen die Situation unter Kontrolle

Er sei daraufhin weggerannt, aber schon kurz darauf von einer mittlerweile alarmierten Polizeistreife angehalten worden. Von den Beamten habe er sich provoziert gefühlt, sie hätten ihm nicht zugehört, seien unverschämt geworden und hätten ihn beleidigt. „Ich war das Opfer!“ Er habe nur versucht, sich zu wehren, beteuerte der Angeklagte. Während die Polizisten, so versicherten drei von ihnen im Zeugenstand, sich bemühten zu deeskalieren, sei der von ihnen Kontrollierte regelrecht ausgerastet. Sechs Beamte und ein Diensthund waren am Ende notwendig, um die Situation unter Kontrolle zu bringen und dem Randalierer Handschellen anzulegen.

Der hatte sich so in Rage geredet, dass er den Beamten androhte, er werde ihnen die Nase brechen, den Schädel zertrümmern, sie zerlegen und fertigmachen. Einem der Polizisten stellte er in Aussicht, er werde ihm mit seinen Kumpeln auflauern und ihn und seine Familie vergewaltigen und umbringen. Den Hundeführer fragte er, ob sich dessen Vater bei der Zeugung einen Strumpf übergezogen hätte, und so weiter und so weiter.

Während die Polizisten den Mann ins Auto verfrachteten, beschimpfte dieser die Beamten auf der Fahrt in die Notaufnahme des Krankenhauses in einem fort und versuchte, nach ihnen zu treten und ihnen Kopfstöße zu versetzen. Dies setzte sich fort, als er in die Arrestzelle des Winnender Reviers gebracht wurde, nachdem im Krankenhaus seine Haftfähigkeit festgestellt worden war. In der Zelle selbst, räumte er ein, habe er einen epileptischen Anfall simuliert, so dass er erneut – diesmal in einem Krankenwagen – ins Krankenhaus gebracht wurde.

In der Notaufnahme skandiert der Angeklagte Nazi-Sprüche

In der Notaufnahme, so die Anklage, habe er dann laut „Sieg Heil! Deutschland den Deutschen!“ gerufen. Er wurde in ein Untersuchungszimmer gebracht und von den Polizisten in einem Bett fixiert. Es gelang ihm allerdings, sich zu befreien, eine Stange aus dem Bettgestell zu entfernen und damit die Beamten zu bedrohen. Als diese ihn erneut fixierten, schlug er wild um sich und trat einen Beamten ins Gesicht.

Nachdem ihm in der Notaufnahme ein Beruhigungsmittel verabreicht worden war, wurde er zunächst ins Klinikum für Psychiatrie überwiesen und dort später entlassen. „Ich stand unter seelischem Druck, fühlte mich ausgeliefert“, so der Gelegenheitsarbeiter. Er habe lediglich versucht, sich zu wehren. Tatsächlich sei er der Geschädigte.

Die Aussagen der Beamten wertete er als „fantasievolle Erzählungen“ und bat, den Gerichtssaal verlassen zu dürfen, um sie sich nicht weiter anhören zu müssen.

Er stand noch unter Bewährung – und muss trotzdem nicht ins Gefängnis

Das Urteil – und damit die 19. Vorstrafe für den Angeklagten – lautete auf elf Monate Freiheitsentzug, wobei die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, und dies, obwohl der Angeklagte zum Tatzeitpunkt aufgrund einer Vorverurteilung noch  unter Bewährung stand. Er hat außerdem 150 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Ihm müsse zugutegehalten werden, dass er bei den Taten unter Drogen- und Alkoholeinfluss stand und dadurch vermindert schuldfähig war, so der Richter. Zudem sei er zumindest teilweise geständig gewesen, habe sich reuig gezeigt und für seine Taten entschuldigt.

Durch den Tod des Vaters und seine Beziehungsprobleme habe er sich in der Tat in einer belastenden Situation befunden. Für eine straffreie Zukunft und Strafaussetzung spreche, so der Richter weiter, dass der Angeklagte in einer neuen Beziehung seit vier Monaten Vater sei, dass er sich in psychologischer Behandlung befinde und sich vorgenommen habe, sich als Motivationscoach (!) eine berufliche Existenz aufzubauen.

Auch wenn sein Mandant „Vorstrafen sammelt wie ein Eichhörnchen im Winter die Nüsse“, so Rechtsanwalt Philipp Wendel in seinem Schlussplädoyer, habe er es verdient, dass man ihm ein weiteres Mal Bewährung einräume und das Landgericht damit verschone, den ganzen Fall in der Berufungsverhandlung noch einmal von vorn aufrollen zu müssen.

Es war eine ganze Latte von Vorwürfen, denen sich der 33-jährige Angeklagte im Amtsgericht Waiblingen gegenübersah: versuchte und vollendete

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