Schwaikheim

Schwaikheim: Ein Jahr nach dem Tod von Gerhard Häuser - wie geht es der Familie?

Neujahrsempfang
Neujahrsempfang 2014: Die Familie Häuser begrüßte jeden Besucher mit Handschlag. © VLP

Wie geht es heute der Familie von Gerhard Häuser? Zunächst ist bemerkenswert, dass sie der Anfrage für ein Gespräch dazu überhaupt zustimmt, das ist nämlich keineswegs selbstverständlich. Vor einem Jahr ist der langjährige Bürgermeister gestorben, durch Suizid, mitten in seiner vierten Amtsperiode. Der 57-Jährige war in der Zeit krankgeschrieben, er hatte selbst in einer Pressemitteilung als Grund für seinen Ausfall „mentale Überlastung“ angegeben, von „Warnhinweisen seines Körpers“ geschrieben und dass sein Arzt ihm dringend geraten habe, sofort zu reagieren.

Nach der ersten Krankmeldung damals war eine weitere gekommen, für weitere vier Wochen, Häuser trat seitdem nicht mehr in der Öffentlichkeit auf – bis am 16. Juni die Nachricht von seinem überraschenden Tod sich im Ort verbreitete und für Bestürzung sorgte. Die öffentliche Gedenkfeier für den langjährigen Bürgermeister, in der seine Verdienste um Schwaikheim gewürdigt wurden, fand erst knapp elf Monate später statt, was allerdings seinen Grund vor allem in der Corona-Pandemie hatte.

Ein Jahr ist keine Zeitspanne, um über ein so schreckliches Ereignis in der eigenen Familie hinwegzukommen, wenn das überhaupt je möglich ist, das wird bei einem Gespräch zum ersten Jahrestag des Todes von Gerhard Häuser mit seiner Frau Susanne und der älteren der beiden Töchter Lisa-Marie sofort deutlich. Selbst eine so scheinbar harmlose, naheliegende Frage „Wie geht es Ihnen?“ ist da eine Grenzüberschreitung.

Ihr gehe es nicht gut, aber zu sagen "Schlecht" wäre auch nicht richtig

„Nicht gut, schlecht wäre auch nicht richtig, genauso wenig aber gut“, so die 60-Jährige freundlich, bestimmt nach kurzem Nachdenken. Gott sei Dank habe ja endlich die Gedenkfeier stattfinden können. Der Rat, nach vorne zu schauen, das sei leicht gesagt, ihn zu beherzigen aber unendlich schwer. Sie wisse, dass das Leben weitergehen müsse, auch für Schwaikheim, aber ihr sei das nun mal mit dem Tod ihres Manns ein Stück weit kaputtgegangen.

Ihre Tochter greift ein, möchte das „Thema“, wenn man so will, lieber ganz bewusst „weiten“. Aus ihrer Sicht lautet es: Depression am Arbeitsplatz. Das sei in Schwaikheim überhaupt nicht „aufgegriffen“ worden, damals und auch danach nicht. Einzig das Landratsamt habe mit der Einrichtung einer Anlaufstelle für psychisch belastete Bürgermeister reagiert. Das sei ihre große Enttäuschung, so die 27-Jährige. Das Problem sei nicht aufgearbeitet, ja nicht einmal angegangen worden. Der Umgang damit müsse ja keineswegs eine „Abrechnung“ sein, betont sie. Man könne doch sagen, ja, das ist schlecht gelaufen, was tun wir gemeinsam dagegen, dass sich so etwas möglichst nicht wiederholen kann, so Lisa-Marie Häuser. „Schon klar, dass das ein schwieriges Thema ist. Aber sich damit erst gar nicht auseinandersetzen? Es geht doch da gar nicht ums Nachkarten.“

Sie sei, immer noch, nach wie vor, sehr aufgewühlt, meldet sich ihre Mutter wieder zu Wort. Sie betont, es habe sich nicht um einen „Freitod“ gehandelt. Der Begriff sei irreführend. Dafür habe ihr Mann das Leben viel zu sehr geliebt. Es sei vielmehr ein „Suizid“ gewesen, so Susanne Häuser.

Sie bringt das Gespräch, zumindest vorerst, aber auf ein „anderes Gleis“. So gut und richtig die Gedenkveranstaltung (der Gemeinde) war, was sei das für ein Kampf, eine Anstrengung der Familie dabei gewesen. Wirklich alles an Programmpunkten habe den Gemeinderat passieren, erst von ihm abgesegnet werden müssen. Selbst um den kurzen Auftritt ihrer jüngeren Tochter Anne-Sophie – der alle Teilnehmer in der Gemeindehalle tief berührte – hätten sie ringen müssen. „Das war keineswegs alles so einfach, wie es den Besuchern erschien. Aber gut, es war eine schöne, würdige Veranstaltung.“

Ein im Ort kolportiertes Gerücht schmerzt, verletzt zutiefst

Susanne Häuser macht keinen Hehl daraus, wie tief sie und ihre Töchter das im Flecken kolportierte Gerücht nicht nur schmerzt, sondern regelrecht verletzt, der Suizid ihres Manns habe mit privaten, familiären Problemen zu tun gehabt. Das sei schlicht nicht wahr und infam auch gegenüber den Hinterbliebenen. Aber nicht nur in der Hinsicht, sondern auch angesichts dessen, was nach seinem Tod behauptet wurde, was während seiner Amtszeit so alles angeblich nicht gut gelaufen sei, weil er sich dagegen eben nicht mehr wehren könne.

Ja, es fehle nach wie vor an wirklicher Würdigung der Verdienste von ihm um Schwaikheim, überhaupt an Respekt, „unabhängig davon, dass das mein Papa ist, so kann man einfach nicht mit einem Menschen umgehen“, bekräftigt die Tochter.

Dass sie nach wie vor leidet, ist Susanne Häuser anzusehen und anzuhören. Hat sie sich denn auch „externe“ Hilfe, Unterstützung gesucht? Sie winkt ab, ja, sie war ein paar Mal bei einem Gesprächstherapeuten, in einer Selbsthilfegruppe Trauernder. Aber „ihr Fall“ sei eben „ganz anders“, „so speziell, weil er öffentlich ist, das kann man mit nichts anderem vergleichen“.

Weggehen komme nicht infrage, sie sei hier verwurzelt, habe hier ihre Heimat

Das Schlimme sei der Umgang damit, unabhängig davon, wie schlimm das sei, was passiert ist. „Das ist eigentlich die volle Katastrophe, kommt zu allem hinzu, was eh schon schlimm ist.“ Aber: Es gebe in Schwaikheim ja auch ganz viele nette Menschen, die lieb zu ihrer Familie seien, allerdings eben auch Berührungsängste bei einem Suizid. Sie selbst habe ja ihren Mann und ihren Job verloren, „das war doch 27 Jahre lang auch mein Beruf. Ich bin nach wie vor sehr interessiert an dem, was hier in Schwaikheim passiert, bin dort verwurzelt.“ Sie müsse sich da nur vor Augen halten, was sie über all die lange Zeit an Emotionen in den Ort investiert habe. Habe ihren Beruf seinerzeit aufgegeben.

In ihrem Alter wäre es schwierig, noch einmal etwas anderes zu bekommen. „Mir fehlt der Lebensinhalt, ich bin gottfroh, dass ich die Mädle habe, und froh, wenn ich jeden Tag einigermaßen rumkrieg’.“ Und ein Neustart, woanders, wo vielleicht nicht die Erinnerungen ständig wiederkehren? Sie schüttelt energisch den Kopf: „Das ist unsere Heimat!“ Sie habe ja doch gar keinen Hader mit Schwaikheim, geschweige denn, dass sie den Ort hasse, „kein bisschen“, betont Susanne Häuser.

Sie selbst habe einen großen Kreis von Freunden im Ort, sei in dem viel unterwegs, Therapie sei eigentlich nicht das Thema für ihre Familie, meint die Tochter. „Ich habe ja auch relativ bald danach wieder mit dem Handball angefangen.“

Die Tochter unterscheidet zwischen Schuld und Verantwortung

Sie wird wieder allgemein, geht weg vom Persönlichen. Es gebe ja einen Unterschied zwischen „Schuld“ und „Verantwortung“. Zweites zu übernehmen, dafür einstehen, darum gehe es. Und dass das niemand mache, das verstehe sie einfach nicht. Nur so könne doch aus etwas Schlechtem schließlich noch etwas Gutes werden. Wenn sie von „Verantwortung“ spreche, beziehe sich das auch nicht unbedingt auf Einzelne, verstehe sie es nicht persönlich, sondern gemeinschaftlich, nämlich sich miteinander und gegenseitig zu fragen „Wo haben wir hier zusammen versagt?“ Das stehe nach wie vor aus, so Lisa-Marie Häuser.

Der Tod ihres Manns sei sinnlos und hätte vermieden werden können, so Susanne Häusers bitteres Fazit. Davon sei sie überzeugt, das treibe sie um und das mache ihr den Umgang mit dieser ganzen Situation so schwer bis unmöglich.

Wie geht es heute der Familie von Gerhard Häuser? Zunächst ist bemerkenswert, dass sie der Anfrage für ein Gespräch dazu überhaupt zustimmt, das ist nämlich keineswegs selbstverständlich. Vor einem Jahr ist der langjährige Bürgermeister gestorben, durch Suizid, mitten in seiner vierten Amtsperiode. Der 57-Jährige war in der Zeit krankgeschrieben, er hatte selbst in einer Pressemitteilung als Grund für seinen Ausfall „mentale Überlastung“ angegeben, von „Warnhinweisen seines Körpers“

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