Schwaikheim

Schwaikheim: Pastoralreferentin Maria Lerke und der Ruhestand als Notbremse

Pastoralreferentin Maria Lerke
Maria Lerke vor der katholischen Kirche in Schwaikheim. Sie blickt auf knapp 40 Jahre in der Seelsorgeeinheit zurück. © ALEXANDRA PALMIZI

In Schwaikheim und Winnenden, aber auch in der Umgebung ist Maria Lerke eine Institution: Hunderten von Menschen hat die Pastoralreferentin in den vergangenen Jahrzehnten in den schwierigsten Stunden als Seelsorgerin Halt gegeben. Kindern und Jugendlichen hat sie den Weg in die Gemeinde geebnet und sich für eine zeitgemäßere Struktur der Kirche (Maria 2.0) eingesetzt. Dabei ist sie auch nie einem Konflikt aus dem Weg gegangen. Nun verabschiedet sie sich in den Ruhestand.

„Ich kann einfach nicht mehr“, sagt Maria Lerke ehrlich über ihre Beweggründe, weshalb sie den Beruf, den sie so sehr liebt, zum Jahresende aufgibt. Bereits im vergangenen Jahr war sie krankgeschrieben. Diagnose: Burn-out. „Ich konnte nicht mehr richtig schlafen. Ich habe Dinge von der Arbeit mit nach Hause genommen, mir viele Gedanken gemacht. Jetzt habe ich gemerkt, dass es damit wieder anfängt. Deshalb muss ich die Notbremse ziehen“, erklärt die 65-Jährige beim Treffen mit der Zeitung. Zurück blickt sie auf fast 40 Jahre Arbeit: mal in Winnenden, mal in Schwaikheim, mal in Waiblingen. Aber überall mit voller Kraft und ganzem Herzen.

Maria Lerke: „Kein anderer Beruf hätte besser zu mir gepasst“

Nach ihrem Theologie- und Musikstudium ist die Ostälblerin 1985 nach Winnenden gekommen, hat zuvor eine zweijährige Ausbildung in der katholischen Kirchengemeinde in Aldingen absolviert. Schnell merkt sie, dass die Seelsorge genau ihr Ding ist. „Menschen in ihrer Trauer zu unterstützen, ihnen einen Halt zu geben, für sie da zu sein. Das habe ich als meine Aufgabe gesehen und ich glaube, dass kein anderer Beruf besser zu mir gepasst hätte“, sagt sie rückblickend. Als ihre drei Kinder auf der Welt sind, schaltet Lerke einen Gang zurück, arbeitet bis 2007 als Religionslehrerin an der Albertville-Realschule Winnenden sowie an der Salier-Realschule in Waiblingen. „Es war eine tolle Zeit mit der Familie“, erinnert sie sich gern zurück.

Nach dem Amoklauf kommt auch sie selbst an ihre Grenzen

Als sie die Albertville-Realschule verlässt, ahnt sich nicht, dass dort zwei Jahre später die schwierigste Aufgabe in ihrer Laufbahn auf sie wartet: gemeinsam mit Familien und Lehrern die schrecklichen Geschehnisse des Amoklaufs zu verarbeiten. „Das war ganz klar das einschneidendste Erlebnis in meiner Zeit“, sagt sie. Als sie von den Ereignissen hört, fährt sie sofort zur Schule.

Selbst stellt sie sich damals viele Fragen, zweifelt am Glauben. „Wie kann man noch ,guter Vater im Himmel sagen’ war eine davon“, erzählt sie. Ihr Gottesbild hat sich seitdem gewandelt. „Ich habe gemerkt, dass es nicht nur der liebe Gott ist, der nur hilft. Gott ist da, wo Menschen leiden. Wenn man wo hinkommt, muss man keine Angst haben. Denn Gott ist schon da“, erklärt sie.

Rückblickend sieht sie die Geschehnisse nach der Tat als eine Art Wunder an. „Es ist unglaublich, welcher Zusammenhalt zwischen allen Beteiligten entstanden ist und wie diese außergewöhnliche Zeit miteinander durchstanden wurde.“

Zu Hause verarbeitete sie die Geschehnisse damals gemeinsam mit ihrem Mann. Er war als Polizist im März 2009 ebenfalls im Einsatz. Doch Lerke wird es irgendwann zu viel. „Mich hat es zusammengehauen“, sagt sie heute. Sie besucht eine Rehaklinik, wird von einer Traumapsychologin therapiert.

Was steht bei Maria Lerke im Ruhestand an?

Maria Lerke wäre nicht Maria Lerke, wenn sie sich nicht auch aus diesem Tief herausgearbeitet hätte. Seit 2011 wirkt sie in Schwaikheim als Pastoralreferentin. Im Prinzip hat sie dort dieselben Aufgaben wie eine Pfarrerin. „Ich bin für Menschen in der Not da, in jeder Lebenslage“, sagt sie. Auch mit Kindern und Jugendlichen hat sie viel Kontakt. Die wiederum helfen ihr, wenn ihr Handy wieder mal spinnt.

Womöglich wäre Maria Lerke schon eher in den Ruhestand gegangen. Aber es gibt einfach viel zu viel zu tun und viel zu wenig Personal. „Seit Februar habe ich 300 Überstunden aufgebaut“, erzählt sie. Aber einen Menschen in der Not alleine lassen? Das kommt für die 65-Jährige nicht infrage.

Für ihren Ruhestand hat sie sich vorgenommen, dass sie sich wieder mehr der Familie widmet, vor allem ihren Enkeln. Seit neustem hat sie wieder einen Hund, der sich auch freut, wenn sie ihm Gesellschaft leistet. Und, so mancher wird es bereits ahnen, auch die Seelsorge will Lerke nicht komplett verlassen. „Ich möchte in der Trauerarbeit ehrenamtlich weitermachen“, sagt sie. Schließlich habe sie von einigen Bekannten schon „Vorbestellungen“. Wie bitte? „Die wollen sich von mir beerdigen lassen. Ich antworte ihnen dann immer, dass sie sich nicht zu beeilen brauchen“, scherzt sie. Ganz ohne die Arbeit mit Menschen kann sie eben nicht. Dafür liebt sie ihren Beruf viel zu sehr.

In Schwaikheim und Winnenden, aber auch in der Umgebung ist Maria Lerke eine Institution: Hunderten von Menschen hat die Pastoralreferentin in den vergangenen Jahrzehnten in den schwierigsten Stunden als Seelsorgerin Halt gegeben. Kindern und Jugendlichen hat sie den Weg in die Gemeinde geebnet und sich für eine zeitgemäßere Struktur der Kirche (Maria 2.0) eingesetzt. Dabei ist sie auch nie einem Konflikt aus dem Weg gegangen. Nun verabschiedet sie sich in den Ruhestand.

„Ich kann

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