Schwaikheim

Schwaikheim: Wie der TSV-Wirt durch Zufall an ukrainische Mitarbeiterinnen kam

Trattoria Ukrainerinnen
Die Halbschwestern hat Scorca beim Messecenter in Frankfurt getroffen und sie gleich auf Schwaikheim neugierig gemacht. © Gabriel Habermann

Wer sind denn diese beiden jungen Frauen, die seit kurzem bei dir mitarbeiten? Das werde er immer wieder gefragt, berichtet Anthoni Scorza, der Wirt der TSV-Gaststätte, schmunzelnd. Vor allem der Stammtisch sei ziemlich neugierig. Der Apulier, der dem Lokal bei seiner Übernahme gleich mal den in deutschen Ohren wohlklingenden Titel Trattoria verpasste, allerdings es nicht nur bei einem neuen Namen beließ, sondern das Restaurant wirklich von Grund auf umkrempelte, geht damit ganz offen um. Warum die Leute nicht gleich über die Lokalpresse aufklären, so sein löblicher Ansatz – meint die Zeitung.

Also denn und damit endlich zu den beiden Hauptfiguren, dem Anlass des Artikels: Olena Atsekhivska, 27, und Daiana Pomeluiko, 24. Ja, richtig vermutet, die beiden sind Ukrainerinnen, stammen aus Mykolajiw und Odessa, beide Städte liegen im Süden und ja, damit mittlerweile auch im Visier der russischen Invasion. Das Problem für die beiden Stiefschwestern, das man ihnen auch im Interview deutlich anmerkt: Ihre Verwandten sind noch dort. Über Telefon und Messenger halten sie täglich und so gut es geht Kontakt. Die Nachrichten, die sie direkt von dort bekommen, sind, milde formuliert, nicht ganz gut. Der Krieg ist angekommen. Wohnhäuser sind zerstört, es habe lange Zeit kein Trinkwasser mehr gegeben, weil das Versorgungsnetz über Wochen nicht funktionierte, die Internetverbindung reiße immer wieder ab, die Städte lägen unter Beschuss, in den letzten Tagen hätten vor allem die nächtlichen Angriffe zugenommen. Sie machen sich nicht nur Sorgen um ihre Familie, auch ihre Freunde sind noch dort.

 Das alles erzählt die Jüngere in passablem Englisch, die Ältere sitzt weitestgehend stumm daneben, sie ist noch nicht so weit. Aber auch Daiana ist die innere Bewegung, die Erschütterung über das, was in ihrer Heimat passiert, deutlich anzumerken, sie ist emotional an der Grenze, wie man so sagt, reißt sich aber tapfer zusammen.

Mit dem Zug nach Lwiw, von Krakau mit dem Flugzeug nach Deutschland

Sie sind von Odessa mit dem Zug aufgebrochen nach Lwiw, dem früheren Lemberg, an der westlichen Grenze zu Polen, dem Fluchtpunkt vieler ihrer Landsleute. Über Krakau ging es mit dem Flugzeug weiter nach Frankfurt. Dort kamen sie nach einigen Tagen im Hotel in die Sammelunterkunft im Messecenter, wo sie Scorza über den Weg liefen. Es war der pure Zufall. Er besuchte nämlich einen Kumpel, der in der Nähe ebenfalls ein Restaurant betreibt. Sie waren gerade draußen mit Silva, ihrer Chihuahua-Hündin. Er sprach sie wegen dieser an, sie kamen ins Gespräch, Small Talk unter jungen Leuten, wer seid ihr, wo kommt ihr her, was macht ihr hier und so weiter.

So, und dann packte er die Chance beim Schopf. Ihm fehlt nämlich Personal. Er machte ihnen das Angebot, nach Schwaikheim zu kommen, bei ihm zu arbeiten, samt Wohnung. Die beiden haben etwas Erfahrung in der Gastronomie, in Bars gejobbt. Eine Woche später waren sie da, kamen mit dem Zug, wollten sich erst mal alles anschauen. Was sie sahen, hat ihnen so gefallen, dass sie geblieben sind. Sie wohnen in einem Haus mit zwei Betriebswohnungen im Industriegebiet, die Scorza fürs Personal gemietet hat, haben dort ihren eigenen Bereich. Sie sind auch angemeldet, arbeiten also ganz legal, versichert ihr Chef. Der sich aber eher als Art Patron sieht: „Wir sind ein Team.“ Bei den beiden neuen Mitarbeiterinnen gilt das vielleicht noch mehr, denn sie machen alles zusammen, nehmen auch alle Mahlzeiten gemeinsam ein.

In Gedanken oft beider Familie und den Freunden in der Heimat

Noch haben sie Schwaikheim nicht erkundet, aber was sie bisher gesehen haben, da könne man schon „a very beautiful place with friendly people“ sagen, formuliert es Daiana charmant. Trotzdem: Die Sorge um die Lieben zu Hause, das ist, was sie und ihre Halbschwester vor allem derzeit kümmert. Auch ihn lasse das nicht kalt, er merke ja, dass die beiden oft in Gedanken dort seien, so Scorza, der aber mit seiner zupackenden und zugleich freundlichen Art in dieser Lage offensichtlich genau „passt“. Er ist mit ihnen erst mal shoppen, Klamotten kaufen, gegangen und sagt selbst: „Mit denen kann man nicht so umgehen wie mit den Leuten von hier, mit denen muss man anders reden als mit uns Schwaben. Die haben eine ganz andere Mentalität.“

Die beiden haben schon einige deutsche Brocken aufgeschnappt, und sie trauen sich auch, selbst wenn die Aussprache nicht hundertprozentig stimmt, sie auszuprobieren. Aber im Wesentlichen läuft die Verständigung auf Englisch. Wobei Scorza sie noch nicht direkt bei den Gästen arbeiten lässt, sie noch nicht als Bedienungen an den Tischen einsetzt, dafür sei es eindeutig noch zu früh, sondern vor allem hinter der Theke und beim Vorbereiten. „Die müssen erst die Basics lernen, man muss sie langsam ranführen. Aber das ist bei uns kein Problem, weil das Teamwork zählt.“ Das braucht er auch selbst, denn alleine könnte er ein Wochenende wie jüngst mit vier Familienfeiern auf keinen Fall stemmen: „Ich bin froh, dass die beiden hier Vollzeit arbeiten. Sie sind sehr verlässlich. Die hauen nicht von einem auf den andern Tag ab.“ Daina, offensichtlich sehr pfiffig, bekommt mit, über was er gerade spricht. „Oh yes, work, work, work, this was a hard time“, bestätigt sie lachend.

Hündin Silva ist im Freizeitzentrum aufgeblüht, regelrecht verjüngt

Ihre ältere Halbschwester ist eigentlich eine professionelle Tänzerin, hat aber auch schon in Barbershops gearbeitet, beide auch in Cafés. Ach ja, und ihr Hund. Also für den sei nach der drangvollen Enge in der Sammelunterkunft in Frankfurt das weitläufige Freizeitzentrum in Schwaikheim, mit viel Grün, Auslauffläche, das reinste Paradies, der sei hier regelrecht aufgeblüht, ja, obwohl schon zwölf Jahre alt, habe der sich regelrecht verjüngt. Für Silva wurde gemeinsam auch erst mal ein Hundebett besorgt.

Aber wie geht es für sie weiter? Eine heikle Frage, ein offenbar wunder Punkt. Daina weicht aus: „Now we stay here in Germany. But we love our country. So, in the moment, we don't look too much in the future.“ Noch hatten sie in Schwaikheim keinen Kontakt mit Landsleuten, es sind ja noch andere ukrainische Flüchtlinge hier, keine Zeit bislang dafür, sie sind mit der Arbeit, die auch ablenkt von den Sorgen, ausgefüllt.

Sie sind aber froh und auch dankbar, dass sie aus der Messehalle raus sind, die Bedingungen dort, viele Leute auf engem Raum, keine Privatsphäre, seien für sie schwer gewesen. Na, man müsse eben die Umstände auch sehen, es gehe dort ja vor allem um eine Übergangszeit, relativiert Scorza: „Natürlich ist das hart dort, wenn man es mit dem vergleicht, wie sie vorher gelebt haben.“ Vom Stammtisch seien übrigens nicht nur neugierige Fragen gekommen, sondern auch Tipps und Trinkgeld für die beiden. Angesichts der nicht funktionierenden Infrastruktur daheim gehen die beiden davon aus, dass es derzeit keinen Sinn mache, Geld dorthin zu schicken. Außerdem: Die Supermärkte hätten zwar offen, aber alles sei dreimal so teuer wie vorher.

Bilder von zerstörten Wohnhäusern auf den Handys

Immer wieder kommen im Gespräch traurige Momente auf, wo Melancholie durchbricht, auch jetzt wieder. Scorza beschwichtigt: „Das Gute ist ja, dass bislang der Familie dort nichts passiert ist. Das wäre sehr schwer auch für mich.“ Daiana lässt sich davon aber nicht wirklich trösten. Sie haben auf ihren Smartphones Bilder von nach Einschlägen zerstörten Häusern, auch ganz in der Nähe der Wohnung ihrer Familie. Sie halten sich zudem über Social Media, vor allem Facebook, auf dem Laufenden. Dass die russische Angriffsarmee offenbar Wohngebiete, unbeteiligte Zivilisten, nicht verschont, und dass auf Video auch ständig Alarmsirenen zu hören sind, macht auch über 2000 Kilometer entfernt davon Angst.

Wer sind denn diese beiden jungen Frauen, die seit kurzem bei dir mitarbeiten? Das werde er immer wieder gefragt, berichtet Anthoni Scorza, der Wirt der TSV-Gaststätte, schmunzelnd. Vor allem der Stammtisch sei ziemlich neugierig. Der Apulier, der dem Lokal bei seiner Übernahme gleich mal den in deutschen Ohren wohlklingenden Titel Trattoria verpasste, allerdings es nicht nur bei einem neuen Namen beließ, sondern das Restaurant wirklich von Grund auf umkrempelte, geht damit ganz offen um.

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