Schwaikheim

Unter Drogen hat er geklaut und geschlagen und ist schwarzgefahren - warum ein 40-Jähriger nun mehr als drei Jahre ins Gefängnis soll

Blaulicht Diebstahl Ladendiebstahl Parfum Symbol Symbolfoto
Symbolfoto. © ZVW/Gabriel Habermann

Er habe eigentlich bisher stets ein gutes, ordentliches Leben geführt, wandte sich ein 40-Jähriger in der mündlichen Verhandlung entschuldigend an seine Frau und die ältere Tochter, habe bis zu seiner Inhaftierung stets gearbeitet: „Mein Problem sind der Alkohol und die Drogen, und ich hoffe nun, dass ich davon loskomme.“

Die Drogenkarriere habe vor etwa 15 Jahren begonnen und sich zu einem Heroin-Kokain-Cocktail von einem halben bis einem Gramm hochgeschaukelt, den er sich jeden Tag intravenös verabreichte. Seit rund 14 Jahren nehme er auch an einem Substitutionsprogramm teil, für bisher sechs Entgiftungen sei er während seines Urlaubs jeweils drei Wochen stationär in Behandlung gewesen. Vor seiner Inhaftierung betrug sein täglicher Konsum zwischen 200 und 400 Milligramm Substitol, dazu 300 bis 600 Milligramm Lyrica und zur Dämpfung von Entzugserscheinungen zehn Liter Bier und mehrere Dosen Jacky-Cola.

Zwei geklaute Whisky-Cola-Dosen und eine Schwarzfahrt mit der Bahn

Vordergründig hatte das Schöffengericht des Amtsgerichts Waiblingen über den Diebstahl von zwei Dosen Whisky-Cola im Gesamtwert von 6,30 Euro in einem Schwaikheimer Supermarkt und Monate später eine Schwarzfahrt in der S-Bahnlinie 3 zu urteilen. Tatsächlich aber ging es um das Schicksal eines 40-jährigen Familienvaters, dessen Leben von Drogen- und Alkoholabhängigkeit geprägt ist und - waren sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung einig - bei dem die Hauptsorge den zahlreichen Vorstrafen und der sich beschleunigenden Rückfallgeschwindigkeit gilt, die auch nicht davon beeinflusst wurde, dass der Täter bei seinen jüngsten Straftaten unter Bewährung stand.

Ladendetektiv fällt verdächtiges Verhalten des Mannes auf

Im Juli des vergangenen Jahres hatte der Angeklagte in einem Schwaikheimer Supermarkt zwei Dosen Whisky-Cola in den Innentaschen seiner Jeansjacke verschwinden lassen. Der Ladendetektiv berichtete im Zeugenstand, der Kunde habe sich verdächtig verhalten und sei ihm sofort zwischen den Regalen aufgefallen. Als er ihn in der Kassenzone zusammen mit der Marktleiterin ansprach, habe er zunächst geleugnet und behauptet, er habe die Dosen in einer nahen Tankstelle gekauft und von dort mitgebracht. Daraufhin habe er in die Jackentasche des ertappten Ladendiebs gegriffen, so der selbst nur gebrochen Deutsch sprechende Detektiv, eine der Dosen herausgeholt und darauf hingewiesen, dass diese Dose eiskalt sei, somit direkt aus der Kühltruhe des Ladens stamme.

Losgerissen und mit einem Fahrrad abgehauen

Daraufhin sei der Mann zunächst verbal aggressiv geworden und habe erklärt, dass er den Laden verlassen wolle, da die Anschuldigungen grundlos wären. Als der Detektiv den Angeklagten festhalten wollte, sei es zunächst zu einem Gerangel gekommen, dann habe dieser ihm ansatzlos gezielt mindestens einen Faustschlag ins Gesicht versetzt, habe sich losgerissen, sei aus dem Laden gerannt und mit seinem davor abgestellten Fahrrad davongefahren. Er habe daraufhin den Polizeiposten aufgesucht und den Täter anhand von Fotos, die ihm dort vorgelegt wurden, identifiziert. Der Angeklagte räumte die Tat dem Gericht gegenüber ein, entschuldigte sich damit, dass er an diesem Tag bereits vier Flaschen Bier und vier Dosen Jacky-Cola sowie 600 Milligramm des Substitutionsmedikaments Lyrica zu sich genommen.

Eine Dröhnung von sieben Milligramm Methadon, 450 Milligramm Lyrica, vier oder fünf Dosen Jacky-Cola und zwei Flaschen Bier will der Angeklagte auch an einem Dezembertag gegen 12 Uhr in sich gehabt haben, als er zwischen Winnenden und Nellmersbach in der S-Bahn ohne Fahrschein angetroffen wurde. Er habe behauptet, dass er keinen Ausweis bei sich habe, so der ebenfalls nur gebrochen Deutsch sprechende Fahrkartenkontrolleur als Zeuge.

Der Schwarzfahrer habe dann den üblichen Auskunftsbogen ausgefüllt, dabei aber - wie sich hinterher herausstellte - eine falsche Adresse und einen Fantasienamen angegeben. Er sei aggressiv, laut, beleidigend und leicht angetrunken gewesen, erinnerte sich der Kontrolleur, nachdem ihm Amtsgerichtsdirektor Kirbach zur Erinnerung seine von der Polizei protokollierte Aussage vorlas.

Bundespolizei stellt 1,16 Promille fest

Der Angeklagte habe ihn mit dem Ellenbogen vor die Brust gestoßen und versucht, das Erste-Klasse-Abteil zu verlassen. Daraufhin habe er ihn zurück geschubst, während seine Kollegin den Zugführer alarmierte, der daraufhin die Türen blockierte, so dass der Täter in Backnang von der Bundespolizei in Empfang genommen werden konnte. Ein Atemalkoholtest ergab eine Alkoholkonzentration von 0,58 Milligramm pro Liter, was 1,16 Promille entspricht.

Bereits wegen Beihilfe zum Einbruch verurteilt

Das Gericht sollte nun für diese beiden Fälle, die für sich genommen minderschwer sind, zu einem schuld- und tatangemessenen Urteil kommen. Doch in die zu verhängende Strafe musste es noch ein Urteil des Landgerichts München einbinden, das den Angeklagten wegen Beihilfe zu Wohnungseinbruch in drei Fällen und einem versuchten Einbruch zu zwei Jahren und sieben Monaten Freiheitsentzug verurteilt hatte. Ebenfalls mit einzubeziehen war ein Strafbefehl des Amtsgerichts Stuttgart-Bad Cannstatt wegen Diebstahls. Eine juristische Herausforderung.

Amtsgerichtsdirektor empfiehlt eine Drogentherapie

Dies alles zusammen summierte sich also zu diesem Urteil: Drei Jahren und sechs Monate Haft, 1500 Euro Strafe plus Zahlung der Verfahrenskosten. „Mit diesem Urteil haben wir Ihnen ein ordentliches Paket aufgegeben“, wandte sich der vorsitzende Richter in seiner mündlichen Begründung an den Angeklagten. „Sie sind seit vergangenem Januar in Stuttgart in Haft und werden nun noch einige Zeit im Gefängnis verbringen“, so Amtsgerichtsdirektor Michael Kirbach. Er legte dem Verurteilten nahe, die Zeit der Haft zu nutzen und sich gründlich zu überlegen, wie es in seinem Leben weitergehen solle. Dafür empfahl er ihm, sich um eine Drogentherapie zu bemühen, aber auch, mit seiner Anwältin in aller Ruhe zu besprechen, ob er das Urteil annehmen oder Berufung dagegen einlegen soll. Insbesondere legte er ihm nahe, sich auch darüber Gedanken zu machen, ob er nicht die sogenannte „Halbstrafenregelung“ in Anspruch nehmen wolle, also das Angebot an ausländische Straftäter, dass sie die halbe Haftstrafe geschenkt bekommen, wenn sie Deutschland verlassen.

Er habe eigentlich bisher stets ein gutes, ordentliches Leben geführt, wandte sich ein 40-Jähriger in der mündlichen Verhandlung entschuldigend an seine Frau und die ältere Tochter, habe bis zu seiner Inhaftierung stets gearbeitet: „Mein Problem sind der Alkohol und die Drogen, und ich hoffe nun, dass ich davon loskomme.“

Die Drogenkarriere habe vor etwa 15 Jahren begonnen und sich zu einem Heroin-Kokain-Cocktail von einem halben bis einem Gramm hochgeschaukelt, den er sich jeden Tag

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper