Schwaikheim

Vom Sprayer zum bezahlten Künstler: Wie Frederik Merkt Schwaikheim verschönert

Kunst Unterführung
Frederik Merkt ist schon oft von Passanten angesprochen worden, deren Feedback sei ausschließlich positiv. © Gabriel Habermann

Regelmäßig, geschätzt alle halbe Jahr, ist die Unterführung am Bahnhof Gesprächsthema im Gemeinderat gewesen, wobei die Klagen der Bürgervertreter da durchaus „Volkes Stimme“ wiedergaben: düster, kahl und auch vom Geruch her kein Vergnügen, da durchzugehen. Der Bahnhof ist eine Visitenkarte für den Ort, in dem Fall aber nicht zum Vorzeigen.

Nun tut sich endlich was, die Bahn lässt Hand anlegen, zumindest an dem Teil, für den sie zuständig ist. Das Skurrile daran: Passanten können nun umso besser sehen, dass die Bahn eben nicht alleine für alles verantwortlich ist. Die Trennlinie ist haarscharf, verläuft exakt am Ende des Treppenauf- beziehungsweise -abgangs zum vorderen Bahngleis (Fahrtrichtung Stuttgart). Denn dort endet der Auftrag der Bahn für Frederik Merkt. Für den Bereich davor, vom Ort her gesehen, ist die Gemeinde zuständig, und dort bleibt es vorerst weiterhin kahl, wobei auf Nachfrage aus dem Rathaus zu hören ist, dass es Interesse seitens der Ludwig-Uhland-Schule gibt, für ein Kunstprojekt dort. Es gibt also auch dort Hoffnung.

Man sei seit einigen Jahren dran, die Bahnhöfe in der Region in der Hinsicht auf Vordermann zu bringen, berichtet bei einem Vor-Ort-Termin Taylan Ayik vom Stuttgarter Bahnhofsmanagement der Bahn, das immerhin 93 Bahnhöfe betreut, alle Halte der S-Bahn sowie die an der sogenannten Schuster- und Gäubahn. Ayik wohnt selbst in Schwaikheim, in fußläufiger Entfernung zum dortigen Bahnhof, den und seine Leidensgeschichte kennt er also.

Bahn lässt den Künstlern vollen Freiraum, macht ihnen keine Vorgaben

Ja, es gebe ein grundsätzliches Graffiti-Problem in den Unterführungen, das sie mit Künstlern aus der Region angingen, zuletzt sei die S-Bahn-Station Favoritepark in Ludwigsburg neu gestaltet worden, so Ayik. Auch die Stationen in Fellbach, Grunbach und Geradstetten kämen dieses Jahr noch dran. Die Bahn lasse dabei den jeweiligen Künstlern vollen Freiraum, schreibe ihnen nichts vor. Es gehe durchaus um die Förderung von Kunst, in der Hoffnung freilich, dass die „Schmierfinken“ der gegenüber künftig Respekt aufbringen. Aber wirklich „sicher“ seien die Bemalungen natürlich vor denen nicht, die „ganz Verrückten“ machten sich auch an denen zu schaffen. Aber der Unterschied sei eben, dass leere, „freie“ Wände da viel verlockender seien.

Die Werke der von ihnen beauftragten Künstler hätten oft einen Bezug zum Ort, „das überlassen wir aber denen, das entscheiden die selbst. Wir sind Eisenbahner, verstehen von Kunst eigentlich zu wenig“, so Ayik. Dass Bahnhofsgelände und damit auch Unterführungen sowohl der Bahn als auch der jeweiligen Gemeinde gehören, sei oft so, also keine Schwaikheimer Besonderheit. Er kennt die Klagen vor Ort, man habe hier aber einen guten Draht zur Gemeinde, stehe in Kontakt zum Rathaus, versichert er.

Alleine mit der Bemalung der Unterführung ist es nicht getan. Die Unterführung hat auch eine neue Beleuchtung (LED) bekommen, ist seither deutlich heller. Die Treppen in den Auf- und Abgängen sind saniert, neu beschichtet worden und die (behindertengerechten) Handläufe sind neu. Es werden auch noch „Duftspender“ installiert, um das Problem Wildpinkler wenigstens abzumildern, verspricht Ayik. Auch eine neue Wegleitung, sprich neue Hinweisschilder mit einer besseren Orientierung für Ortsunkundige als bisher, komme noch. Außerdem wurden die Wände vor Beginn des Kunstprojekts komplett gestrichen. Dass der vordere Bereich, wenn ihn die Schüler bemalen, möglicherweise ganz anders aussehen wird als der hintere, den Merkt gerade neu gestaltet, schreckt Ayik nicht ab. Trotzdem beziehungsweise so oder so werde es eine Aufwertung. „Die Schmierfinken scheuen sich, wenn schon bemalt ist, egal wie, das ist auch eine Frage der Ehre bei denen.“ Was kostet eigentlich das Ganze? Das sei von Künstler zu Künstler unterschiedlich, aber der Richtwert sei etwa 100 Euro pro Quadratmeter.

Merkt stammt selber aus der Sprayer-Szene

Merkt hat bis vor kurzem im nahen Remseck-Hochdorf gewohnt. Der 44-Jährige hat einst Grafik-Design studiert. Als Beruf gibt er Objekt- und Fassadengestalter an, er sei aber nach wie vor auch als Grafikdesigner tätig und an zwei Tagen in der Woche in der mobilen Jugendarbeit. Zu der ist er eben über Graffiti-Workshops gekommen. Klarer Fall also, er war selbst mal Sprayer. Mittlerweile aber schafft er, wie er sagt, vor allem mit der Walze und Wandfarbe, weniger mit der Sprühdose. Die Schwaikheimer Unterführung beschäftigt ihn zwei, drei Wochen, allerdings mit einer Unterbrechung zwischendrin. Sein Stil ist, sagen wir mal, deutlich grafisch, nicht konkret-gegenständlich. Örtlichen Bezug gibt es gleichwohl. Er spielt, wenn man so will, nämlich mit dem Namenszug der Gemeinde, verwendet dessen Buchstaben. Wo sich diese überlagern, ändern sich die Farben. Er hat mit Kreide vorgezeichnet, war dafür vorher da und hat sich alles mal angeschaut. Er hat aber keinen fertigen Plan im Kopf, geschweige denn eine Skizze, nach der er eins zu eins arbeitet. Vor allem die Übergänge sind oft erst beim Malen selbst entstanden.

Kunst im öffentlichen Raum sei nun mal vergänglich

Wie ist denn sein Verhältnis heute zu den Sprayern, mit bald 30 Jahren eigener Sprayer-Geschichte? Er überlegt, gibt sich aber sehr entspannt. Also es gebe da schon Unterschiede unter denen, welche mit Qualität, andere dagegen gänzlich frei davon. Wäre er sauer, wenn sein Werk übersprayt würde? „Nein, aber es wäre schon ärgerlich.“ Man sei hier jedoch im öffentlichen Raum, wo das schon mal passieren könne. Überhaupt sei Gestaltung im Außenraum immer vergänglich, verändere sich laufend, verschwinde allmählich von ganz alleine, gibt er zu bedenken: „Kunst ist kein wirklicher Schutz für ein Objekt. Von diesem Gedanken muss man sich trennen.“ Seine Erfahrung ist, dass kleine Bahnhöfe oft von einheimischen Graffitisprayern heimgesucht werden: „Es wird sicher kaum einer dafür von Stuttgart extra nach Schwaikheim kommen.“

„Da bekommt man schon mal ein süßes Stückle gebracht“

Welche Erfahrungen hat er denn mit den Schwaikheimern bislang gemacht, der eine oder andere Passant wird ihn doch sicher gefragt haben, was er da macht? „Oh ja, ich werde dauernd angesprochen und das Feedback ist ausschließlich positiv. Alle freuen sich, dass etwas geschieht, finden es schön und hoffen, dass es nicht wieder überschmiert wird.“ Er habe viele nette Gespräche gehabt, „da bekommt man schon auch mal ein süßes Stückle gebracht“. Ein Bahnhof sei ja immer ein Ort der Begegnung und damit der Kommunikation. „Die Leute haben Redebedarf und das macht auch mir Spaß.“

Er schmunzelt: Natürlich bekomme er sonst auch mal zu hören „Oh, das ist mir zu bunt, zu farbig“. Aber man könne eben nicht jeden „abholen“, wobei er selbst ja sonst auch eher „ruhige“ Farbtöne bevorzuge. Hier aber bedient er sich einer richtig „knalligen“ Farbpalette, eben weil es eine Unterführung ist, die Buntheit brauche. Er wird aber nicht alles übermalen, einige graue Flächen bleiben, ebenso bleibt der neue Anstrich der Decke. Bei Unterführungen müsse man sich immer ein Stück weit mit den Gegebenheiten abfinden, arrangieren, so Merkt, der die neue Beleuchtung lobt. Er sei ja das erste Mal hier gewesen, als die „alten Funzeln“ noch da waren. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht zu damals.“

Regelmäßig, geschätzt alle halbe Jahr, ist die Unterführung am Bahnhof Gesprächsthema im Gemeinderat gewesen, wobei die Klagen der Bürgervertreter da durchaus „Volkes Stimme“ wiedergaben: düster, kahl und auch vom Geruch her kein Vergnügen, da durchzugehen. Der Bahnhof ist eine Visitenkarte für den Ort, in dem Fall aber nicht zum Vorzeigen.

Nun tut sich endlich was, die Bahn lässt Hand anlegen, zumindest an dem Teil, für den sie zuständig ist. Das Skurrile daran: Passanten können nun

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper