Schwaikheim

Warum eine Familie die vor Jahren erstellte Hütte auf ihrem Stückle zurückbauen muss

Gartengrundstück Dreher
Zu schön, um erlaubt zu sein. Nein, Pardon: Zu groß, viel zu groß. © Benjamin Büttner

Schon am schmiedeeisernen Eingangstor die Vorahnung: „Das kann gar nicht gutgehen.“ Und so kommt’s denn auch. Weitab vom Schuss, im Gewann Horgenbach, irgendwo zwischen den Straßen nach Weiler zum Stein und Bittenfeld liegt ein Traum von einem Baumgrundstückle. Auf dem steht und liegt alles, was sich man sich für ein Wochenendparadies nur wünschen kann – und auch so ziemlich alles, was dort halt nicht erlaubt ist.

Nur ein Geräteschuppen für alle Eigentümer erlaubt

Im Februar werden es 50 Jahre, dass sich das Ehepaar Dreher das Stückle gekauft hat. In den vielen Jahren seither wurde es gepflegt, ja geradezu gehätschelt, immer noch schöner und für seine Nutzer angenehmer gemacht. Ihr Mann ist längst verstorben und so war der Schock für Ilse Dreher und ihren Sohn Oliver umso größer, was sie  erst vor einigen Wochen erfahren haben. Bei ihrem neun Ar großen Stückle und den benachbarten handelt es sich, amtlich, grundbuchmäßig gesehen, um ein einziges Flurstück. Was bedeutet, dass für alle Eigentümer zusammen gerade mal ein Geräteschuppen erlaubt ist. Die Realität sieht, vorsichtig formuliert, etwas anders aus.

Aber warum haben sie das überhaupt erst jetzt, nach so vielen Jahren, erfahren und warum ist das plötzlich wichtig? Drehers berichten, dass vor zwei, drei Jahren ein Grundstück in dem Gewann verkauft wurde. Zunächst habe sich unter dem neuen Besitzer dort nichts getan, außer dass dort ab und zu gemäht worden sei. Dann auf einmal sei dort aber alles Mögliche hingeschafft und gelagert worden, bis hin zu Baumaterial. Sie befürchteten: „Das wird nicht mehr lange gutgehen“. Tatsächlich, im vergangenen Oktober bekamen sie Post mit Fotos vom „Saustall“ dort. Das habe ihnen aber zunächst keine Sorge gemacht. „Wir dachten, das geht uns nichts an.“ Der Brief von der Baurechtsbehörde des Gemeindeverwaltungsverbands enthielt allerdings auch einen Flyer mit einer Liste, was so alles auf einem Baumgrundstück nicht erlaubt ist. Der „Fall“, die Verstöße dagegen, war angezeigt worden.

Dann, vor etwa einem Monat, bekamen sie erneut Post und die ging sie sehr wohl was an. Denn darin stand „knallhart“, wie sie sagen, was sie selbst „zurückbauen“ sollten, und zwar bis Ende Oktober. Der Schock war groß, auch wenn sie zuvor jemanden beobachtet hatten, der Bilder gemacht und ausgemessen hatte. Die Frist war aus ihrer Sicht unmöglich einzuhalten, sie schafften es, das Ultimatum auf Jahresende zu verlängern.

Wenn ihr Mann noch leben würde, Ilse Dreher mag es sich gar nicht ausmalen, was da los wäre: „Der Garten war sein Ein und Alles“. Da tröstet auch nicht, dass sie im Tribergle, also nicht gerade die Arme-Leute-Gegend von Schwaikheim, ein schmuckes Haus mit großem Garten drumrum haben. Die Balken der Blockhütte hat ihr Mann aus Grab besorgt und eigenhändig Stück für Stück selbst bearbeitet. Die Schmiedeeisenstäbe des Zauntors stammen von einem alten Schmied aus Steinenberg. Und und und. Die Liste hört kaum auf. Wie viel Arbeit, ja Liebe, steckt wohl in diesem Schmuckstück? „Wir sind halt nun mal Gartenfans“, sagt ihr Sohn fast schon entschuldigend, den der Kummer seiner Mutter nicht kaltlässt.

1972 gekauft, für 7000 Mark: „Das ist unsere zweite Heimat“

Als sie das Stückle kauften 1972, für 7000 Mark, sie weiß es noch heute, war ihr Sohn vier Jahre alt, ihr Mann 28, sie selbst 22. „Das ist unsere zweite Heimat“, sagt Ilse Dreher. Im Sommer seien sie jedes Wochenende hier. „Aber auch zum Pflegen, man muss halt immer was machen“, ergänzt ihr Sohn. Derjenige, der vor einiger Zeit ihr Stückle angeschaut hat, der habe ihnen direkt ins Gesicht gesagt, so einen schönen Garten habe er noch nie gesehen. Die Sitzgruppe im Freien soll weg, selbst die Mädlefigur, die mühsam verlegten Platten durch den Rasen und auf der Terrasse, die Pergola, der Grill ... Sie haben sogar nach hinten ein Toilettenhäuschen gebaut und die Kloschüssel dafür ist nicht gerade aus dem Baumarkt. Es gibt auch nicht nur einen Geräteschuppen.

Die Blockhütte ist nach den Vorschriften viel zu groß, sie muss auf etwa die Hälfte verkleinert werden, wie das gehen soll, ohne dass sie ihre Funktion einbüßt, ist ihnen ein Rätsel. Ilse Dreher beharrt: Als Blockhütte passe sie doch ideal in die Landschaft. Ihr Sohn meint dagegen: „Ich sehe es ein, dass sie so nicht zu erhalten ist.“ Aber gut, sie hingen nun mal vor allem an dem.

Beide sagen, sie wissen, dass sie am kürzeren Hebel sitzen. Trotzdem sind sie sauer und vor allem sie ist wütend. Mit dem Wildwuchs auf dem Stückle vorne sei alles ins Rollen geraten, jetzt säßen alle anderen hier in einem Boot und würden auch sie in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Hoffnung ist, dass das Flurstück irgendwie geteilt wird, dann wäre noch manches vielleicht zu retten. Auf den Brief aus Winnenden hin waren sie dort im Rathaus, wurden „aufgeklärt“, wie sie sagen und bekamen immerhin die Fristverlängerung. Aber ihr Argwohn bleibt, dass irgendjemand die Behörde gezielt auf ihr Stückle aufmerksam gemacht, sie angezeigt haben müsse, erst so sei Winnenden überhaupt auf die Spur gebracht worden, anders könnten sie es sich nicht erklären. Denn auf allen Stückle hier sähe es doch annähernd aus wie bei ihnen: „Also warum ausgerechnet jetzt und bei uns?“ Ihr Groll richtet sich weniger gegen die zuständige Mitarbeiterin im Rathaus. Mit der könne man schwätzen, die habe sich nicht unmenschlich gezeigt und der seien wohl die Hände gebunden.

„Nach 50 Jahren mit so etwas daherkommen, das ist der Hammer“

Oliver Dreher hat bereits resigniert, er werde den Rückbau Schritt für Schritt angehen, in Etappen sich von hinten nach vorne arbeiten. Der Zorn seiner Mutter ist noch längst nicht verraucht: „Ich war so wütend, als dieser Brief kam. Ich hab’ gesagt, gut, wenn das so ist, dann verschenken wir es halt.“ Nach 50 Jahren „mit so etwas daherkommen“, das sei „schon der Hammer“, meint allerdings auch ihr Sohn. Aber sie seien keine Querulanten, liefen nicht Sturm. „Falsch gebaut auf dem falschen Platz“, lautet sein bitteres Fazit, so sei’s halt nun mal: „Man kann ja auch nicht im Tribergle ein Hochhaus hinsetzen.“ Seine Hoffnung ist, dass man in Winnenden bei dem einen oder anderen ein Auge zudrückt, „wenn sie sehen, dass wir es ja einsehen.“ 

Schon am schmiedeeisernen Eingangstor die Vorahnung: „Das kann gar nicht gutgehen.“ Und so kommt’s denn auch. Weitab vom Schuss, im Gewann Horgenbach, irgendwo zwischen den Straßen nach Weiler zum Stein und Bittenfeld liegt ein Traum von einem Baumgrundstückle. Auf dem steht und liegt alles, was sich man sich für ein Wochenendparadies nur wünschen kann – und auch so ziemlich alles, was dort halt nicht erlaubt ist.

Nur ein Geräteschuppen für alle Eigentümer erlaubt

Im Februar

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper