Urbach

Corona-Folgen an der Wittumschule Urbach: Schülern fällt Organisation schwerer

RiegerWittumschule
Matthias Rieger sichert zu, dass seine Schule innerhalb kürzester Zeit wieder auf Fernunterricht umstellen könnte. © Gaby Schneider

Aktuell ist das Zeichen aus der Politik: Die Schulen sollen so lange wie möglich offen gehalten werden. Baden-Württemberg setzt dafür auf ein verstärktes Testen nach den Weihnachtsferien. Trotzdem: So ganz vom Tisch scheint das Thema Fernunterricht noch nicht. Aber was für eine Auswirkung haben Home-Schooling und der Unterricht unter Pandemie-Bedingungen auf Kinder und Jugendliche? Darüber haben wir mit Matthias Rieger, dem Leiter der Urbacher Wittumschule, und Schulsozialarbeiterin Dorothee Geuppert gesprochen.

„Obwohl wir gut aufgestellt sind, was den Fernunterricht angeht, bin ich überhaupt kein Freund von Schulschließungen“, sagt Matthias Rieger. Er habe gemerkt, dass das manche Kinder und Jugendliche durchaus negativ beeinflusse. „Zwar nicht alle, aber es häufen sich die Einzelfälle.“ In mehreren Klassen sei aufgefallen, dass es Schülerinnen und Schülern schwerfalle, sich nach Zeiten des Fernunterrichts zu organisieren. „Schule ist ja auch soziales Lernen“, sagt der Rektor.

„Wir fangen oft wieder da an, wo wir in der fünften Klasse angefangen haben“

Gerade in der Pubertät, so Rieger, falle manchen ein strukturierter Tagesablauf sowieso schwer, der Fernunterricht könne dann zusätzlich kontraproduktiv wirken. Ohnehin sei es nach Ferienzeiten häufig vorgekommen, dass die jungen Menschen etwas unorganisierter waren als davor, nun spiegele sich das aber deutlich massiver wider. Auch pünktlich zu sein falle manchen schwerer. „Wir fangen oft wieder da an, wo wir in der fünften Klasse angefangen haben“, so Rieger.

Auffällig sei auch, dass die Selbstmotivation der Schülerinnen und Schülern leide. „Hier vor Ort haben wir vollen Zugriff, aber im Fernunterricht geht das deutlich schlechter“, sagt Matthias Rieger. Die Übungszeiten, so sein Eindruck, werden von manchen Schülerinnen und Schülern zu Hause nicht so gut genutzt wie in der Schule. „Das blieb beim Home-Schooling auf der Strecke meinem Gefühl nach“, sagt der Schulleiter. Das falle dann zum Beispiel im Matheunterricht auf, wenn eine Theorie zwar erläutert wurde, den Schülerinnen und Schülern aber das Lösen der Aufgaben schwerfalle. Ein Faktor sei sicher auch, dass die Bedingungen im Fernunterricht zu Hause sehr unterschiedlich sind.

Motivations- statt Technikprobleme

Bei den ersten zwei Schulschließungen sei das große Thema gewesen, dass nicht in jedem Haushalt genug Endgeräte für den Fernunterricht vorhanden gewesen seien. Deshalb habe die Wittumschule auch relativ viele Endgeräte angeschafft, die die Familien sich ausleihen konnten. Inzwischen kann der Schulleiter sagen: „Die Technik war dann irgendwann nicht mehr das Problem, sondern die Motivation.“ Und auch nicht bei allen Schülerinnen und Schülern seien Eltern zu Hause und verfügbar, die intensiv mit ihnen üben könnten.

Fachlich sind die Lehrer laut Rieger insgesamt im Fernunterricht aber gut mit ihrem Stoff durchgekommen. Und sollten doch Schulschließungen kommen, könne die Schule im Prinzip vom einen auf den anderen Tag wieder umstellen. „Mir persönlich ist das soziale Lernen wichtig, aber ich will auch nicht die Augen vor gesundheitlich gefährlichen Situationen verschließen“, sagt Matthias Rieger auf die Frage, ob er Schulschließungen unter bestimmten Bedingungen doch sinnvoll fände.

Schulsozialarbeit online schwierig

Für Schulsozialarbeiterin Dorothee Geuppert wäre das kein Neuland. Sie hat ihre Stelle an der Wittumschule angefangen, als die Schule gerade im Fernunterricht war. Einen Vergleich zur Vor-Corona-Zeit zu ziehen fällt ihr deshalb schwer, sie wisse aber von Lehrerinnen und Lehrern, dass diese negative Veränderungen bei den Kindern durch die Pandemiezeit bemerkt hätten, zum Beispiel im Bereich der Team- oder bei der Konzentrationsfähigkeit.

„Meine Arbeit basiert grundsätzlich auf Beziehungen“, sagt Dorothee Geuppert. Beim Start ihrer Tätigkeit sei es deshalb nicht möglich gewesen, viel mit den Schülerinnen und Schülern online zu agieren. Erst danach konnte sie sich den verschiedenen Klassen vorstellen. Sollten die Schulen jetzt noch einmal geschlossen werden, könnte die Online-Arbeit aber besser funktionieren, da sie einige von ihnen inzwischen kennt. Momentan arbeitet Dorothee Geuppert mit den Klassen an der Wittumschule daran, ihre Kooperationsfähigkeit und den Teamgeist zu stärken. Die Kinder lernen zum Beispiel, dass das Wir-Gefühl schrumpft, wenn sie sich gegenseitig beleidigen oder auslachen, es aber wächst, wenn sie zusammen Dinge erleben und sich gegenseitig eine Freude machen.

Probleme in Klassenchatgruppen

„Herausforderungen gibt es auf jeden Fall auch im Bereich Whatsapp- oder Klassenchatgruppen“, sagt Dorothee Geuppert. Auch weil solche Chats während der Pandemie und besonders in Zeiten des Fernunterrichts manchmal die einzige Kontaktmöglichkeit untereinander seien. Es habe Auseinandersetzungen gegeben, und die Schülerinnen und Schüler verbreiteten teilweise Gerüchte oder machten sich gegenseitig lächerlich. „Da haben wir mit einigen Klassen dran gearbeitet und versucht, gemeinsame Regeln zu finden“, so Geuppert. Zum Beispiel, dass nur zu bestimmten Zeiten in die Gruppe geschrieben werden darf.

Wie Rektor Matthias Rieger stellt auch die Schulsozialarbeiterin Probleme mit der Motivation fest, besonders bei Schülerinnen oder Schülern, die unter ihrer familiären Situation zu Hause leiden. Sie versucht dann, die jungen Menschen dazu zu bringen, sich wieder selbst zu motivieren, und ihre Stärken mit ihnen herauszuarbeiten. „Ich finde meinen Beruf toll, weil ich sehe, dass man wirklich etwas bewegen kann“, sagt sie.

Aktuell ist das Zeichen aus der Politik: Die Schulen sollen so lange wie möglich offen gehalten werden. Baden-Württemberg setzt dafür auf ein verstärktes Testen nach den Weihnachtsferien. Trotzdem: So ganz vom Tisch scheint das Thema Fernunterricht noch nicht. Aber was für eine Auswirkung haben Home-Schooling und der Unterricht unter Pandemie-Bedingungen auf Kinder und Jugendliche? Darüber haben wir mit Matthias Rieger, dem Leiter der Urbacher Wittumschule, und Schulsozialarbeiterin Dorothee

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