Urbach

Hohe Baupreise und drohende Kurzarbeit wegen Holzknappheit: Zimmerei Ricker und Holzbau Bogunovic schlagen Alarm

Zimmerei Ricker Urbach
Der Urbacher Zimmerer Johannes Ricker bei der Arbeit an einer Dreischichtplatte aus Fichte für einen Dachstuhl. © Gaby Schneider

Wer derzeit ein Bauvorhaben angehen möchte, bei dem Holz gebraucht wird, sei es ein Dachstuhl, ein Carport oder eine Wand, der muss sich darauf einstellen, dass er lange darauf warten muss – und dass es viel teurer wird als noch vor kurzem kalkuliert. Das liegt nicht nur am Holzpreis, aber aus der Branche schlagen Zimmerer wie Johannes Ricker aus Urbach jetzt Alarm. Er sagt: „Für uns Holzbaubetriebe hat sich die Situation in den letzten Wochen dramatisch zugespitzt.“ Material zur Verarbeitung sei schwer oder teilweise gar nicht lieferbar. Dabei sagt das Forstamt des Rems-Murr-Kreises: Rohstoff ist genug da, der Nachschub an frischem Nadelholz ist gesichert. Aber wo liegt dann das Problem?

Volle Auftragsbücher, aber leere Regale im Holzlager

„Unsere Auftragsbücher sind voll, aber die Regale im Lager leer“, sagt Johannes Ricker. Er führt in Urbach einen Zimmereibetrieb mit acht Mitarbeitern, baut Dachstühle oder Dachgauben, Terrassenüberdachungen, Carports, Fassadenverkleidungen oder Dämmungen oder gleich ganze Häuser in Holzrahmenbauweise. In einem Appell auf Facebook schreibt Ricker nun von einer dramatischen Situation in der Branche, weil das Holz, das er und seine Kollegen brauchen, so knapp geworden ist. „Betriebe müssen früher oder später ihre Mitarbeiter mangels Material in Kurzarbeit schicken“, so Ricker. Er schließt selbst mittlerweile nicht mehr aus, dass die Maßnahme der Kurzarbeit in seinem Betrieb nötig werden könnte. „Ganz so weit sind wir noch nicht. Aber wenn es so weitergeht, schon.“

Ähnlich äußert sich Stanko Bogunovic aus Plüderhausen. Auch in seinem Holzbaubetrieb sei Kurzarbeit bisher noch kein akutes Thema. Aber der stellvertretende Obermeister der Zimmerer-Innung Rems-Murr kennt andere Beispiele und meint: So eine Situation wie gerade hätten auch ältere Kollegen noch nie erlebt. „Und das, obwohl die Bauwirtschaft brummt.“

Holz habe als Material Hochkonjunktur: Ganze Wohngebiete würden rein mit Holzhäusern geplant. In Stuttgart werde verlangt, dass alle Neubauten mit bis zu zwei Vollgeschossen mit Holz gebaut werden. Das alles sei politisch gewollt, um mit dem nachwachsenden Rohstoff CO² zu sparen. Aber es sei eben schwer umzusetzen. „Und unsere grüne Landesregierung tut da gerade nicht viel.“

Stattdessen kursieren aus ganz anderer Richtung politische Forderungen, den Holzeinschlag in den Wäldern zu erhöhen, der per Gesetz beschränkt ist. Der bayrische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) fordert das zum Beispiel.

Forstamt: „Schlagen mehr ein als in normalen Jahren“

Nachfrage beim Forstamt des Rems-Murr-Kreises: Liefern die heimischen Waldbesitzer zu wenig Holz? Amtsleiterin Dagmar Wulfes sagt: „Es ist genug Holz da.“ Im Rems-Murr-Kreis komme sogar mehr auf den Markt als normal. „In Normaljahren verkaufen wir im Rems-Murr-Kreis etwa 80 000 Festmeter, im Moment eher 100 000.“ Das Kreisforstamt ist bei der Holzvermarktung Dienstleister für die Kommunen und private Waldbesitzer, knapp 17 000 Hektar Wald deckt das Amt mit seiner Arbeit ab. Die gesetzliche Einschlag-Beschränkung beim Fichtenholz spiele gar keine Rolle, sagt Dagmar Wulfes, weil so viel Holz in den Wäldern vorhanden sei, das durch Schäden anfalle. Stichwort Borkenkäfer: Was von dem Schädling befallen ist, muss gefällt werden, unabhängig von Quoten und Plänen. „Mit dem Schadholz oben drauf, werden wir wahrscheinlich auch dieses Jahr trotz Beschränkung mehr Holz einschlagen als in normalen Jahren“, so die Forstamtsleiterin. „Die Sägewerke sägen weiter im Hochbetrieb.“

Aber genau dort, in der Holzindustrie, liege die Schnittstelle, die für die Verknappung verantwortlich sei, sagt die Forstamtsleiterin. „Die Sägewerke bekommen momentan von Kunden in Amerika mehr Geld als von örtlichen. Deswegen exportieren die das Schnittholz.“ Tatsächlich zahlten Abnehmer aus den USA zuletzt offenbar teilweise bis zu 60 Prozent mehr als die aus Deutschland. Der Grund für die große Nachfrage aus den Vereinigten Staaten sind verschiedene Entwicklungen dort, etwa die Einflüsse der Corona-Pandemie auf die eigene Holzindustrie sowie ein Handelsstreit mit Kanada, dem größten Holzproduzenten der Welt. Aber auch China ist auf dem deutschen Markt in letzter Zeit sehr aktiv.

Eine „Marktverschiebung“ hin zum Export

„Der Staat und die Kommunen, auch die privaten Waldbesitzer haben genug Holzeinschlag gemacht“, sagt auch Wolfgang Hildner. Er ist Besitzer eines Sägewerks und eines Abbund-Betriebs in Adelberg. „Eine Holzknappheit gibt es eigentlich nicht“, ordnet er ein. „Es ist eine Marktverschiebung.“ Die „Großen“ in der Holzindustrie hätten sich aufgrund der hohen zu erzielenden Preise weg vom Heimatmarkt orientiert.

Seine eigene Produktion, sagt Hildner, sei dafür viel zu klein, er könne gar nicht die Mengen liefern, die zum Beispiel Großabnehmer aus Übersee wollten. Zwölf Mitarbeiter beschäftigt er im Sägewerk, acht im Abbund. „Wir arbeiten im Sägewerk am Anschlag.“ Mit dem, was er produziert, beliefert er regionale Zimmereien, vor allem die Stammkundschaft. Dazu zählen auch Holzbau Bogunovic und Johannes Ricker, der sich dadurch in einer vergleichsweise „glücklichen Lage“ sieht.

Der Urbacher Zimmerer weiß natürlich, wie es läuft. In seinem Hilferuf auf Facebook schreibt er: „Bitte appellieren Sie an die „großen“ Holzlieferanten, den heimischen Markt mit ausreichend Holz zu versorgen!!!“ Auf Nachfrage betont er: Er mache den Holzproduzenten gar keinen Vorwurf. „Das ist eine freie Marktwirtschaft.“

Innungsmeister Bogunovic: Staatliches Handeln gefordert

Stanko Bogunovic fordert auf einem Transparent der Zimmerer-Innung, das außen an seinem Betrieb in Plüderhausen hängt: „Stoppt den Holzexport!“ Er ist der Ansicht, dass politisch durchaus etwas möglich sein müsste. Er denkt an einen Ausfuhrstopp, eine Regulierung in dem Sinne, dass erst der heimische Markt bedient werden müsse. So habe es Schweden jetzt gemacht. Außerdem ist er der Ansicht, dass das Land, das mit seinem Staatsforst in Baden-Württemberg der größte Waldbesitzer ist, Einfluss nehmen könnte. „Die könnten beim Verkauf, wenn große Mengen ausgeschrieben werden, festlegen, dass das Holz für den heimischen Markt ist.“

Getroffen werde ja nicht nur das Zimmerei-Gewerbe selbst. Die hohen Preise müsse man weitergeben an die Endkunden. So könne es passieren, dass eine Familie bei der Planung des Eigenheims plötzlich vor Kostensteigerungen von 15 Prozent gegenüber der ursprünglichen Kalkulation stehe, sagt Stanko Bogunovic.

Er sieht auch noch ein Missverhältnis auf anderer Ebene: „Einerseits fordert die Landesregierung nachhaltiges Bauen.“ Auf der anderen Seite werde das Holz aus den heimischen Wäldern derzeit im großen Stil verschifft, weil man da gutes Geld verdienen könne. Klimaneutral sei das nicht. „Wenn das unsere Großväter wüssten, die mal die Bäume gepflanzt haben, die würden sich im Grab rumdrehen.“

Wer derzeit ein Bauvorhaben angehen möchte, bei dem Holz gebraucht wird, sei es ein Dachstuhl, ein Carport oder eine Wand, der muss sich darauf einstellen, dass er lange darauf warten muss – und dass es viel teurer wird als noch vor kurzem kalkuliert. Das liegt nicht nur am Holzpreis, aber aus der Branche schlagen Zimmerer wie Johannes Ricker aus Urbach jetzt Alarm. Er sagt: „Für uns Holzbaubetriebe hat sich die Situation in den letzten Wochen dramatisch zugespitzt.“ Material zur

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