Urbach

Informatik-Student entwickelt Corona-App

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Pascal Wieler hat eine Corona-App entworfen, sie aber nicht weiterentwicklet, weil kein großes Interesse daran bestand. © Privat

Wie in Deutschland langsam wieder zur viel beschworenen Normalität zurückgefunden werden kann, wird im Moment heiß debattiert. Eine Teil-Lösung sind dabei die Abstandsregeln, Masken- und Hygienevorschriften, die im Moment gelten. Trotzdem befürchten viele eine zweite Welle an Infektionen, sobald die Ausgehbeschränkungen nun wie angekündigt wieder gelockert werden und das öffentliche Leben weiter hochgefahren wird.

Um dieses Szenario abzuwenden, ist immer wieder eine Smartphone-App in der Diskussion, mit der Infektionsketten besser nachverfolgt werden könnten. Statt dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamts mühevoll recherchieren müssen, wer mit wem Kontakt hatte, könnte eine App diese Aufgabe automatisiert und effizient lösen. Zudem würden ihre Nutzer schneller darüber informiert, dass sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten, und könnten sich entsprechend isolieren. Nur wo bleibt die App?

Wo bleibt die offizielle Corona-App? 

Das hat sich auch der Urbacher Pascal Wieler gefragt. Eigentlich sollte der Masterstudent am Karlsruher Institut für Technologie bald ein Praktikum anfangen, das wurde aber coronabedingt abgesagt. Unerwartet hatte er also mehr Zeit als erwartet. „Ich habe schon aus anderen Ländern mitbekommen, dass es solche Tracing-Apps gibt“, sagt der 24-Jährige. „Da ich Zeit habe, dachte ich, ich probier einfach mal aus, eine zu entwickeln, um zu sehen, wie schwer es ist.“ Sein Fazit: „Die Grundfunktionalität ist nicht so schwer, wie ich dachte.“ Er finde es unverständlich, dass es in Deutschland so lange dauert, eine App herauszubringen.

Ursprünglich hieß es von Seiten der Bundesregierung, dass eine offizielle Corona-App schon Mitte April auf den Markt kommen könnte. Dieses Datum ist verstrichen, die App lässt auf sich warten. Eine zentrale Streitfrage, die die Entwicklung der offiziellen App verlangsamt hat, ist die Datenschutz-Problematik. Inzwischen steht fest, dass die Daten der Nutzer nicht - wie zuerst in der Regierungs-App vorgesehen - auf einer zentralen Datenbank, sondern dezentral auf den Endgeräten der Nutzer gespeichert werden sollen.

Das Gesundheitsamt muss Infektionen erst bestätigen

Die App von Pascal Wieler mit dem Namen „CoTrack“ beruht auf der zentralen Datenspeicherung, die zuerst auch von der Bundesregierung anvisiert wurde. Mit Hilfe von Bluetooth könnten Kontakte nachverfolgt werden, wenn ihre Nutzer die Funktion aktivieren. Eine Infektion freiwillig melden könnten Nutzer der App nur, wenn die Infektion vorher vom Gesundheitsamt bestätigt würde. „Sonst könnte jeder melden, dass er infiziert ist, und die App wäre unglaubwürdig“, so der Student, der während des Studiums unter anderem ein Forschungssemester im Bereich „Machine Learning“ an der Carnegie Mellon Universität und ein Praktikum bei Mercedes-Benz Research and Development am bekannten IT-Standort Silicon Valley in den Staaten absolviert hat.

„CoTrack“ erhebt laut Pascal Wieler keine personenbezogenen Daten, und die Begegnungen werden solange ausschließlich lokal auf dem Handy gespeichert, bis freiwillig eine Infektion gemeldet wird. Bei der Infektionsmeldung werden die Begegnungen dann auf den Server hochgeladen und dort ausgewertet. Betroffene App-Nutzer werden anschließend in der App benachrichtigt, dass sie einen Risikokontakt hatten, allerdings nicht, wer der Risikokontakt war.

Eine Lösung auch für Menschen, die kein Smartphone besitzen?

Bei der zentralen Datenspeicherung sieht er den Vorteil, dass sich auch Menschen beteiligen könnten, die kein Smartphone haben, etwa durch Bluetooth-Sender in Form von Schlüsselanhängern. Vielleicht sei das aber auch bei einer dezentralen Lösung möglich, meint er.

Ausgereift ist allerdings auch die App von Pascal Wieler noch nicht. Er hat sie so weit entwickelt, dass sie auf Android-Geräten funktioniert, und mit Freunden getestet. Danach wandte er sich an verschiedene Gesundheitsämter und das Robert-Koch-Institut. „Da kamen entweder allgemeine Antworten oder gar nichts zurück“, sagt der Student. Weil kein Interesse von offizieller Seite bestand, hat er aufgehört, seine App weiterzuentwickeln. „Ich dachte, vielleicht kann ich einen Beitrag leisten“, erklärt er seine Motivation für das Projekt.

„Gesellschaftliches Engagement ist auf allen Ebenen immer sinnvoll und zu begrüßen“, antwortet Leonie Ries, Sprecherin des Landratsamts Rems-Murr, auf die Nachfrage, für wie sinnvoll sie Angebote an das Gesundheitsamt wie das von Pascal Wieler hält. „Es ist schön zu sehen, dass ein Informatik-Student sein Talent dazu einsetzt, seinen Beitrag zu leisten. Umso mehr bedauern wir, dass seine Mail bei uns offenbar ,untergegangen’ ist.“ Ähnliche Anfragen haben das Landratsamt nicht erreicht.

Misstrauen gegenüber einer offiziellen Corona-App

Generell halte das Amt eine Corona-App für „sehr sinnvoll, wenn sie auf freiwilliger Basis eingesetzt wird und datenschutzrechtliche Belange ausreichend berücksichtigt werden“, gibt Leonie Ries Auskunft. „Allerdings brauchen wir bei dem Thema keine Insellösungen, sondern eine bundes- oder gar europaweite Lösung. Eine solche ist ja bereits in Arbeit.“

„Mein Umfeld hat gut auf die App reagiert“, berichtet Pascal Wieler. Als die App weitere Kreise zog und nicht nur noch seine Freunde und Bekannten sie testeten, bekam er aber auch andere Reaktionen darauf mit. „Es gab Leute, die dachten, es wäre eine Verarsche vom Staat, oder sie dachten, es wäre die offizielle App, haben aber in den Nachrichten schon gehört, dass die unsicher sei.“ Die Diskussionen der vergangenen Wochen um die App der Regierung haben zu einem Misstrauen in der Bevölkerung geführt, vermutet Pascal Wieler. Er selbst würde sie aber trotzdem verwenden. „Ich finde es sinnvoll und denke, dass man dadurch einen Beitrag leisten kann“, sagt er. „Sie sollte aber zeitnah rauskommen.“

 

Wie in Deutschland langsam wieder zur viel beschworenen Normalität zurückgefunden werden kann, wird im Moment heiß debattiert. Eine Teil-Lösung sind dabei die Abstandsregeln, Masken- und Hygienevorschriften, die im Moment gelten. Trotzdem befürchten viele eine zweite Welle an Infektionen, sobald die Ausgehbeschränkungen nun wie angekündigt wieder gelockert werden und das öffentliche Leben weiter hochgefahren wird.

Um dieses Szenario abzuwenden, ist immer wieder eine Smartphone-App in

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