Urbach

Keine Gartenschau mit Urbach?

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Bürgermeister Hetzinger: „Ich möchte die Bürgerschaft nicht spalten.“ © Danny Galm
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Die Auerbachhalle war am Donnerstagabend voll. In der ersten Reihe sitzen einige Kritiker. © Büttner / ZVW

Urbach. Die Auerbachhalle ist voll. Mindestens 400 Urbacher sind zur Einwohnerversammlung zur Remstalgartenschau 2019 erschienen. Sie sind gespannt, welche Argumente die „Alternative Gartenschau Urbach“ und die Befürworter der Urbacher Projekte nennen werden. Beide haben dafür knapp 40 Minuten Zeit. Danach werden Karteikarten mit Fragen und Anregungen der Bürger eingesammelt und mitunter diskutiert. Es wird viel geklatscht: fairer, höhnischer oder spontaner Applaus. Ein denkwürdiger Abend.

Die Begrüßung übernimmt Bürgermeister Jörg Hetzinger. „Wir haben Sie in der Vergangenheit schon oft über unsere Pläne informiert“, beginnt er – und im Publikum gibt es die ersten leisen Lacher. Nach Luft schnappen viele Besucher, als Hetzinger auf die Kosten zu sprechen kommt: 1,9 Millionen Euro.

Kosten „verantwortungsvoll abwägen“

Die Gemeinde habe viele Angebote gemacht, leider habe die Beteiligung zu wünschen übriggelassen. In Sachen Waldhaus und Gartenschau habe man nach der Einwohnerversammlung Anfang des Jahres noch ein gutes Gefühl gehabt. Dann meldeten sich im Juli die Kritiker zu Wort.

Danach stellen die Befürworter der Pläne der Verwaltung ihre Projekte vor. Gemeinderätin Monika Bruckmann, Mitglied in der Arbeitsgruppe Waldhaus, will begeistern, malt Bilder an die Wand, wie Kinder im Waldhaus oberhalb des Bergrutsches die Natur erkunden.

Wenige Bäume müssten weichen. Alles werde mit Behörden abgesprochen. Man sei auf einem guten Weg. Bis zu 50 Personen, Vereine, Schulen, Imkergruppen, Rentner, Firmen könnten dort unterkommen. Wichtig sei ein ganzjähriger Standort für Forschung, Entspannung und mehr. Ein Waldmobil sei keine Alternative. Die Kosten müsse man „verantwortungsvoll abwägen“. Aber man erhalte einen zukunftsfähigen Mehrwert für den Ort und die Region.

"Weiche Standortfaktoren"

Der Geschäftsführer der Remstal-Gartenschau, Thorsten Englert, spricht von „weichen Standortfaktoren“. Urbach habe ganz tolle Projekte. Es gebe nationale Aufmerksamkeit. Die besten Architekten planten für jede Gemeinde ein tolles Gebäude.

Er beglückwünsche Urbach zum Aussichtsturm am Gänsberg – und erntete massives Gelächter. Turm-Architekt Jan Knippers erläutert die Pläne, zeigt Fotomontagen. Und erntet Gelächter. Der Turm solle die bestehende Aussichtsplattform integrieren und überdachen.

Danach werden zwei Aussichtsplattformen am Bergrutsch vorgestellt. Der Spiel- und Grillplatz im Wald wird präsentiert, wo Kinder sich austoben können, mit Seilbahn und mehr. Danach werben die Mountainbiker für ihre Strecke. Im Anschluss wird gezeigt, welche Naturerlebnisse die Kinder auf dem zwei Kilometer langen Wald- und Erlebnispfad erwarten können. Damit endet die erste Runde.

„Die Gartenschau soll auch zu Urbach passen“

Die Vertreter der Gruppe „Alternative Gartenschau“ haben nun ebenfalls 40 Minuten Zeit. Rudolf Wrobel hebt hervor: Grundsätzlich seien sie Befürworter der Gartenschau. Sie lehnen allerdings einige Projekte der Gemeinde ab. „Die Gartenschau soll auch zu Urbach passen.“

Rolf Grass unterstellt Verwaltung und Gemeinderat mangelnde Kommunikation. Er habe schon vor zwei Jahren Bedenken geäußert. Die Zeitung agiere als Antreiber für die Verwaltung. Dann knüpft er sich die Kostensteigerung und Folgekosten des Waldhauses vor, dabei sei Urbach hoch verschuldet. Er verweist auf die letzte Haushaltsrede von Hetzinger. Er bringt ein Waldmobil ins Spiel, vielleicht auch eine Schutzhütte.

Dank Bergrutsch bleibe die Schau trotzdem attraktiv. Durch den Ort, vorbei an der Urbacher Mitte II und den alten Gebäuden, müsse ein Weg dorthin führen. Den Obstbau-Lehrpfad am Linsenberg könne man nutzen. Sein Plädoyer: Macht die Gartenschau näher an der Rems, „man muss es nur wollen“. Die Befürworter sollten einfach mal die Leute fragen. Viel Applaus.

Kritiker sprechen sich gegen Aussichtsturm und Waldhaus aus

Eberhard Schlotz, „wir sind die Gemeinde“, wirbt für den Naturschutz, für den 2016 weltweit 200 Menschen gestorben seien. Er kritisierte, dass Verwaltungen natur- und artenschutzrechtliche Gesetze scheinbar willkürlich durch Ausnahmegenehmigungen umgehen könnten. Er fragte ebenfalls, ob Waldhaus, Mountainbike-Strecke und mehr genehmigungsfähig seien.

Vize-Landrat Michael Kretschmar betont später, wäre das Waldhaus dort unmöglich, hätten die Behörden das bereits signalisiert. Waldbox oder Waldmobil seien für 50 000 Euro günstige Alternativen, so Schlotz. Der geplante Turm stünde im Landschaftsschutzgebiet. Seine Forderung: Investitionen in die nachhaltige Streuobstwiesenpflege.

„Geben Sie den Bürgern die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen“

Rolf Bertsche schätzt die Waldhauskosten auf 600 000 und die Folgekosten auf 70 000 Euro. Ein waldpädagogisches Konzept sei sinnvoll, „aber nicht um jeden Preis“. Insgesamt müssten die Anwohner vor Ort mehr Lärm und Verkehr ertragen.

Die Gemeinde gebe Gelder aus, die sie für Infrastrukturmaßnahmen verweigere. Anscheinend könnten Gemeinderat und Verwaltung nicht mit Steuergeldern umgehen. Sie müssten die Nahversorgung, Stichwort Bonus-Markt, im Blick haben.

„Geben Sie den Bürgern die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen.“ Applaus. Bürgerentscheide seien nötig. Entscheide sich der Rat für Turm und Waldhaus, werde man „alle gerichtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“, kündigte er an. Urbach gebe zwei Millionen für die Gartenschau aus. Das große Schorndorf lediglich 2,5.

Die Bürger seien verunsichert, teils zerstritten

Thorsten Englert korrigiert ihn später. 2,5 Millionen plane die Daimlerstadt lediglich für Veranstaltungen und Bürgerprojekte et cetera ein. Hetzinger gibt an, mit Zuschüssen reduzierten sich die Kosten für Urbach auf 1,5 Millionen Euro. Bertsche deutlich: Urbach ziehe keinen Nutzen aus der Gartenschau. Urbach müsse auf Turm und Waldhaus verzichten. Viel Applaus.

Rudolf Wrobel nennt die Alternativvorschläge: bestehende Lehrpfade reaktivieren, Rems und Urbacher Mitte verbinden, den Urbach teils renaturieren, ein Wasserspielplatz. Eine Mountainbike-Strecke sei unter Umständen möglich, aber woanders.

Das Hochwasserrückhaltebecken könne integriert werden. Für mehr Miteinander sollen gemeinsame Gärten angelegt werden, Dinge ohne große Folgekosten. Die Bürger seien verunsichert, teils zerstritten. Der Gemeinderat müsse die Pläne ändern. Wenn nicht, den Weg frei für einen Bürgerentscheid machen. Es gehe darum, den wirklichen Willen der Urbacher festzustellen.

„Ich möchte die Bürgerschaft nicht spalten“

Hetzingers Schlusswort: Er spricht davon, man wolle die Waldhaus-Kosten auf 365 000 Euro reduzieren. Er kündigte an, die Kritik auszuwerten. „Ich möchte die Bürgerschaft nicht spalten“, sagt er. Gibt es eine Mehrheit gegen die Gartenschau-Projekte, werde man es nicht machen.

Aber: Die Vorschläge der Kritiker seien nicht konkret. „Dann lieber gar nicht und wir steigen aus“, hält er fest – ganz oder gar nicht. Er frage sich, wer hinter sich die Mehrheit habe, wenn viele Jüngere an diesem Abend fehlten. Er habe Enkel, sei Streuobstwiesenbesitzer.

Wo, wenn nicht in einem Waldhaus, sollen Kinder für Natur begeistert werden, damit sie später die Pflege der Wiesen übernehmen, fragte er später, den Tränen nahe. Das emotionale Schlusswort eines denkwürdigen Abends, an dem noch viele Gespräche geführt wurden.


Was sich Hetzinger von der Schau verspricht

  • Jörg Hetzinger: Urbach werde bekannter, Gastronomie und Einzelhandel würden profitieren, wieder Lacher im Publikum. Alle Altersgruppen würden durch das Angebot „Wald und Natur“ profitieren, vor allem Familien, aber auch Großeltern mit Enkeln, versucht er einen großen Teil der Besucher anzusprechen.
  • Das Waldhaus spiele eine zentrale Rolle. Dort und neben dem Bergrutsch sollen sich die Projekte konzentrieren. Tourismus und Naturschutz gelte es in Einklang zu bringen. Gibt es ein Veto von Naturschutzvertretern, müsse man umplanen.
  • Die Gartenschau sei positiv für das Remstal, eine Region, die bekannter werden will, auch um Fachkräfte anlocken zu können. Die Naherholungsfunktion soll gestärkt werden. Es soll einen Wanderweg zum Bergrutsch geben, durch Gemeinde und Urbacher Mitte. Viele Zuschüsse für Radwege könne man nur über die Schau erhalten. 100 000 Euro stehen für Bürgerprojekte bereit. Die „rote Linie“ liege bei 1,9 Millionen Euro.

Die Urbacher konnten auf Karten Fragen, Ideen, Anregungen und Kritik aufschreiben. Alle Punkte werden dem Gemeinderat vorgelegt. Moderatorin Ute Kinn ordnete ein: Der Stapel der Kritikpunkte sei größer als der mit Lob. Der Stapel gegen den Aussichtsturm sei besonders dick.

Ohne Gartenschau keine Zuschüsse

Auch wurde mehr Kritik am Waldhaus geäußert, aber es habe auch viele positive Meldungen gegeben. Dick sei der Kosten-Stapel. Dann wurden Fragen beantwortet. Hetzinger betonte, Verwaltung, Reinigung und Betrieb des Waldhauses kosteten die Gemeinde jährlich rund 17 200 Euro.

In die 45 000 Euro seien Verzinsung und Abschreibung eingerechnet. Ohne die Gartenschau werde es keine Zuschüsse für Radwege und Brücke im Wohngebiet Urbacher Mitte II geben. Hetzinger sprach von 400 000 Euro. Thema Schulden: Rolf Bertsche sprach von 1200 Euro pro Einwohner.

„Unsere Enkel werden es uns danken“

Dazu Hetzinger: „Das tut mir weh, das sind einfach Unwahrheiten.“ Applaus. Urbach liege bei der Pro-Kopf-Verschuldung knapp unter Landesdurchschnitt bei mehr als 700 Euro. Der Turm werde die Gemeinde knapp 50 000 Euro kosten.

Thorsten Englert wandte sich an die Urbacher: „Wenn Sie wollen, dass Besucher kommen, müssen Sie etwas bieten“ – oder ein Stoppschild an der B 29 aufstellen, ging er auf Konfrontationskurs. Wenn Urbach bei Projekten wie der Remscard dabei sein will, brauche es ein entsprechendes Angebot.

Er habe nun einige graue Haare mehr, verwies auf genannte Unwahrheiten. Sein Rat: „Überlegen Sie sich das gut mit einem Bürgerentscheid“. Die Kritiker seien zu spät dran. Rudolf Wrobel sprach von „Selbstbeschränkung auf das, was man braucht“. Schade, dass Urbach nicht das Thema Streuobstwiesen aufgreife. „Unsere Enkel werden es uns danken“, sagte er, wenn sich die Kritiker durchsetzten.


Ein Meinungsartikel von Redakteur Christian Siekmann

Der „Jubelperser“ und Demokratieverächter, der besser in Erdogans Türkei arbeiten sollte, und dem auch nahegelegt worden war, besser mit Bodyguards zu erscheinen, erschien mit Kugelschreiber und ohne Personenschützer, aber mit dem flauen Gefühl im Magen, dass dieser Abend nur Verlierer kennen wird.

Einer, der viele Ideen, schon viele Kommunen begeistert hat, sprach von „Fremdschämen“. So etwas habe er noch nie erlebt, meinte er das Verhalten einiger Kritiker und jener, die mit höhnischem Applaus und Gelächter das Geschehen kommentierten. Immerhin gibt es einen Gewinner: Bürgermeister Hetzinger.

Klatschten viele oder nur die Kritiker?

Bis zu seinem emotionalen Schlusssatz wirkte er schlagfertig und kämpferisch. Auch die Zeitung hatte im Vorfeld Kritik am Gartenschau-Manager Hetzinger geäußert, aber nicht die Leistungen des Schultes für Urbach infrage gestellt. Dass er voll hinter der Gartenschau steht, sich voll für die Gemeinde einsetzt, wurde am Donnerstag deutlich.

Er signalisierte, dass man kein Waldhaus bauen werde, wenn dies von der Mehrheit abgelehnt werde. Doch wer die Mehrheit stellt, konnte später niemand genau sagen. Klatschten viele oder nur die Kritiker? Würden die Familien, von denen viele am Donnerstagabend fehlten, sich für ein Waldhaus aussprechen?

Ein unfairer Vorwurf

Urbach ist gespalten. Da sind die Kritiker, die der Verwaltung quasi absprechen, das Gemeinwohl im Blick zu haben. Dieser Vorwurf ist unfair. Es ist doch nicht zu bestreiten, dass Verwaltung und Rat das Optimum für Urbach und das Remstal herausholen wollen und nicht mit Geld um sich werfen. Hier kämpfen haupt- und ehrenamtliche Urbacher für die Gemeinde – und werden für ihr Engagement höhnisch belächelt, ausgelacht.

Mangelnde Bürgerbeteiligung zu beklagen, darauf zu achten, dass die Gemeinde nicht mehr Geld ausgibt, als sie hat – das ist völlig legitim und demokratisch. Einige Alternativ-Vorschläge sind okay wie die „Urbacher Gärten“, Wasserspielplatz und Waldmobil. Aber ohne Turm und Waldhaus ist das für eine interkommunale Remstal-Gartenschau viel zu wenig. Das hat Thorsten Englert deutlich gemacht.

Der emotionale Ausbruch des Schultes

Jene Urbacher, die teils zynisch über Verwaltung und Engagierte lachten, gemein waren, haben ihre Gemeinde an diesem Abend vor den externen Besuchern blamiert, das bestätigten viele Beobachter. Das war mitunter schlechter Stil. Nur deswegen kam es am Ende zum emotionalen Ausbruch des Schultes. Es gibt auch Urbacher, die über den Tellerrand schauen, sagt eine Frau später. „Nicht alle Urbacher sind so!“

Es ist der Gemeinde zu wünschen, dass die Kritiker die mit einer Engelsgeduld ausgestreckte Hand der Verwaltung ergreifen und die Sache nun noch zu einem halbwegs guten Ende bringen. Ein Moderator könnte weitere Treffen leiten, Schnittmengen ausloten, die vorgebrachte Kritik ernst nehmen. Fest steht: Eine alternative Gartenschau der Kritiker in Urbach wäre günstiger.

Kehrt jetzt Ruhe ein?

Aber die Skeptiker überzeugten nicht mit einem tollen Gegenvorschlag, sondern mit reaktivierten Angeboten, plus Waldbox und Gartenidee. Dann könnten die Urbacher auch dem pointierten Vorschlag Englerts folgen. Der hatte zugespitzt: Urbach könne 2019 Stopp-Schilder aufstellen, Motto: Fremde unerwünscht.

Vielleicht haben jetzt alle Dampf abgelassen und es kehrt Ruhe ein, Vorbild könnte der beherzte Auftritt von Rätin Monika Bruckmann sein. Doch wer auf Hetzingers Vorschlag, er verwies auf Gmünd, wo Bürger Pflegepatenschaften für Gartenschauprojekte wie die Murmelbahn übernommen haben, wieder nur höhnisch lacht, hat nicht verstanden, was eine tolle Gemeinde, eine Gemeinschaft vor Ort ausmacht. Schade.

Trotzdem: Wenn beide Seiten das Beste für Urbach wollen, muss doch etwas Gutes entstehen.