Urbach

Urbach autofrei? Eine kontroverse Idee bei der Bürgerbeteiligung

Tempo 30
Wird es die Ortsmitte in Urbach bald autofrei geben? © Alexandra Palmizi

Wie soll Urbach 2035 aussehen? Um diese grundsätzliche Frage geht es beim Gemeindeentwicklungskonzept, das Verwaltung und Gemeinderat gemeinsam entwerfen wollen. Dazu gab es bereits eine repräsentative Bürgerbefragung, an der sich mehr als 1400 Urbacher beteiligt haben.

Kontrovers ging es jetzt bei der Vorstellung der Ergebnisse der weiteren Bürgerbeteiligung zu, die mit etwa 30 Urbachern, die im Vorfeld dabei waren, nicht ganz so repräsentativ sein dürfte. Eine Gruppe machte sich für das Prinzip „Weniger ist mehr“ stark, was zum Beispiel Baugebiete oder den Tourismus angeht. Außerdem ging es um Visionen wie ein komplett autofreies Urbach – die zu heftigen Reaktionen führten.

„Das ist für mich völliger Blödsinn“, meldete sich Gunter Fauth, Urbacher Bürger und Unternehmensberater am Saalmikrofon in der Auerbachhalle zu Wort. Joachim von Lübtow, ein anderer Bürger, hatte zuvor die Ergebnisse aus einer der Zukunftswerkstätten vorgestellt. Etwa 35 Urbacher waren zur Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstagabend in die Auerbachhalle gekommen, darunter die Mitglieder des Gemeinderates.

In dem, was von Lübtow vorstellte, ging es unter anderem um das Ziel: „Wir müssen wegkommen vom Auto.“ Die Bürgergruppe regte an, alternative Mobilitätsformen zu fördern und etwa mehr Raum für Radfahrer zu schaffen, „gegebenenfalls mit Fahrradstraßen“, außerdem die Barrierefreiheit im Ort zu verbessern und über Geschwindigkeitsbegrenzungen von 20 Stundenkilometern nachzudenken. Dies alles sei als „Denkanstöße“ zu verstehen, so von Lübtow.

„Visionär wäre es, wenn wir unseren Ort autofrei machen“

SPD-Gemeinderätin Siegrun Burkhardt fühlte sich direkt inspiriert, meldete sich zu Wort und spann die Überlegungen zum Verkehr weiter: „Visionär wäre es, wenn wir unseren Ort autofrei machen und an den Eingängen Parkhäuser bauen.“

Daraufhin ging dann Gunter Fauth ans Mikro mit seinem Urteil, das sei „Blödsinn“. Vielleicht sei es sinnvoll, einen Bereich ums Rathaus herum autofrei zu machen, meinte er, aber doch nicht die ganze Gemeinde. Er sei dafür, dass man die Zahl der Autos reduziere und den Durchgangsverkehr. Aber ganz ohne Autos? Das sei in einem Ort wie Urbach nicht möglich: „Wenn ich von Urbach Nord aus was einkaufe, muss ich mit dem Auto gehen.“

Zu viele Fremde in Urabch?

Auch davon abgesehen ging es teilweise sehr kontrovers zu in der Diskussion. Etwa beim Thema Tourismus. Eine Bürgerin berichtete, in ihrer Gruppe in der Zukunftswerkstatt sei es sehr stark darum gegangen. Es sei ja „einerseits erfreulich“, dass so viele Fremde nach Urbach kämen, seit für die Remstal-Gartenschau 2019 Attraktionen wie die Kugelbahnen und der Waldlehrpfad entstanden. „Wir haben aber einfach festgestellt, dass viele Urbacher da inzwischen ein Problem damit haben.“ Man leide unter dem Autoverkehr, es gebe Urbacher, die gehen „gar nicht mehr ins Hag hoch“. Wichtig sei, dass man die Natur und die Naherholungsgebiete für die Urbacher erhalte und nicht immer mehr für „fremde Leute“ aufwerte.

Auch das rief gleich Widerspruch bei anderen hervor. Gemeinderat Thomas Mihalek (Freie Wähler) sprach vom „St.-Florians-Prinzip“ und spitzte zu: „Ich hoffe, dass noch niemand von Ihnen in Tripsdrill oder im Schwabenpark war. Weil die nervt das auch, dass die Urbacher dorthin kommen.“ Was die Bürger-Gruppe vorgestellt habe, sei „alles eine Verlangsamung, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten.“

Daraufhin versuchte Bürgermeisterin Martina Fehrlen einzuordnen: „Das stimmt natürlich, dass wir während Corona wirklich überrollt wurden.“ Unglaublich viele Autos mit Familien aus der ganzen Region Stuttgart seien gekommen und die Hagsteige zum Wald hochgefahren. „Das war für uns alle ein großes Ärgernis, weil es viel zu viel war.“ Andererseits habe sie es auch toll gefunden, dass diese Familien Urbach entdeckt und „als tolle Gemeinde kennengelernt“ hätten. Das helfe auch in anderen Bereichen: Wenn eine Urbacher Firma eine Stelle ausgeschrieben habe, erinnere sich vielleicht jemand an seine guten Eindrücke und entscheide sich für Urbach.

Fehrlen geht aber auch davon aus, dass die „Massen“, die während der Lockdown-Phasen, als alle Freizeiteinrichtungen geschlossen waren, in den Urbacher Wald kamen, so nicht mehr kommen werden. Das sei ein „Corona-Thema“. Außerdem baue man ja eine Schranke an der Hagsteige

Urbach muss wachsen, um die Einwohnerzahl zu halten

Die Grenzen des Wachstums und das Motto „Weniger ist mehr“ zogen sich wie ein roter Faden durch mehrere Themen, so auch bei der Entwicklung von Neubaugebieten. Auch hier war es Gunter Fauth, der die Position vertrat: Der Trend sei einfach so, dass die Leute aus der Stadt aufs Land ziehen, deswegen müsse Urbach Wohnraum anbieten und das Wachstum anpacken und vernünftig gestalten. Roland Köhler vom Büro Reschl Stadtentwicklung, der die Veranstaltung moderierte, erklärte: Um die Einwohnerzahl auch nur zu halten, müsse eine Gemeinde ganz einfach in die Fläche wachsen, weil auf der gleichen Quadratmeterzahl heute weniger Menschen wohnen als früher.

Von den Bürgern kamen aber auch ganz konkrete Vorschläge und Ideen für Urbach, die nicht gleich kontroverse Meinungsäußerungen nach sich zogen. So zum Beispiel die Schaffung eines „Hauses des Einzelhandels“ für Urbach Nord, in dem auch Ärzte Platz finden könnten, die Erarbeitung einer Spielplatzkonzeption oder die Einrichtung eines Hauses oder Platzes der Begegnung, das ein Ort oder Treffpunkt für alle Generationen sein könnte.

Wunsch nach mehr Mülleimern

Hier überschnitten sich die Wünsche der erwachsenen und älteren Urbacher Bürger auch mit denen der Kinder und Jugendlichen, die ebenfalls in Gruppen aus dem Jugendhaus, aus Kirche und Vereinen und aus dem Kreis der Schülersprecher zusammengekommen waren und ihre Ideen, Gedanken und Wünsche für die Gemeindeentwicklung hatten äußern können. Das war auch zum Beispiel beim Wunsch nach mehr Mülleimern so, der von Jüngeren wie Älteren kam. Die Jugendlichen wünschen sich außerdem mehr Treffpunkte und eine bessere Ausstattung der vorhandenen, mit Sitzbänken oder auch Überdachungen, damit sie dort bei Regen sitzen können.

Dabei benannten die Jugendlichen auch ihre Lieblingsorte und die, an denen sie nicht gerne sind. Auf der Negativseite tauchte da zum Beispiel der Bahnhof auf, bei einer Gruppe aber auch der Grillplatz an der Rems, weil dieser oft sehr vermüllt sei. Außerdem stand das Freibad auf der Liste, weil die Jugendlichen bemängeln, dass dieses wenig Raum für ihre Bedürfnisse bietet und es vor allem für Familien mit kleineren Kindern attraktiv ist. Beim Thema Treffpunkte und Aufenthaltsplätze kristallisierte sich heraus, dass es den Jugendlichen weniger um Abend oder Nacht geht, sondern Orte, wo sie sich tagsüber treffen können.

Bessere Taktung der Busse

Außerdem ein Thema: die Verbesserung der Taktung der Busse. Oft, so berichteten die Jugendlichen in der Auerbachhalle, müssten Unterrichtsstunden früher beendet werden, damit Schüler ihren Bus kriegen.

Die Jugendbeteiligung, wie sie jetzt stattgefunden hat, will die Gemeinde verstetigen, also regelmäßig die Belange und Bedürfnisse der jungen Urbacher hören und mitnehmen.

Auch insgesamt soll die Bürgerbeteiligung fortgeführt werden. Im Sommer sollen vielleicht jetzt auch noch „Expertengespräche“ mit der Gruppe der Migranten und der Unternehmer geführt werden.

Was kann sich die Gemeinde finanziell leisten?

Als Fazit sagte Bürgermeisterin Martina Fehrlen am Donnerstagabend: „Es ist wichtig, dass wir die verschiedenen Meinungen aufgreifen und dass sie Gehör finden.“ Man werde aber immer auch im Blick haben müssen, was die Gemeinde sich finanziell leisten könne. „Kümmerer“ in der Verwaltung für verschiedene Themen seien zum Beispiel ein Wunsch der Bürger aus den Zukunftswerkstätten, der Geld koste, das dann vielleicht an anderer Stelle eingespart werden müsse. „Wir dürfen die Verwaltung nicht überfrachten“, so Fehrlen, die auch die Vereine gefragt sieht.

Die Bürgermeisterin betonte auch: „Das Gremium, das die Entscheidung trifft, ist in einer repräsentativen Demokratie der Gemeinderat.“ Dort, im Gemeinderat, soll im Herbst und Winter 2021 das Gemeindeentwicklungskonzept 2035 erarbeitet werden. Die Ergebnisse der Bürgerbefragung und der Bürgerbeteiligung sollen dabei eine wichtige Grundlage sein. Im Frühjahr, so das Ziel, soll der Gemeinderat das Konzept beschließen. Dann wird das Planwerk, das wichtige Entwicklungslinien und Ziele für Urbach und die kommunalpolitischen Entscheidungen festschreibt, auch öffentlich vorgestellt werden.

Wie soll Urbach 2035 aussehen? Um diese grundsätzliche Frage geht es beim Gemeindeentwicklungskonzept, das Verwaltung und Gemeinderat gemeinsam entwerfen wollen. Dazu gab es bereits eine repräsentative Bürgerbefragung, an der sich mehr als 1400 Urbacher beteiligt haben.

Kontrovers ging es jetzt bei der Vorstellung der Ergebnisse der weiteren Bürgerbeteiligung zu, die mit etwa 30 Urbachern, die im Vorfeld dabei waren, nicht ganz so repräsentativ sein dürfte. Eine Gruppe machte sich für

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper