Waiblingen

Ärztehäuser ersetzen kleine Arztpraxen - Corona macht deutlich, wie wichtig die medizinische Versorgung ist

Urlaubsrückkehrer Hesky
Der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky wünscht sich ein Ärztehaus in Waiblingen. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Verlust des Krankenhauses hat sich auf die ambulante medizinische Versorgung in Waiblingen „nicht so sehr ausgewirkt“. Das stellt Oberbürgermeister Andreas Hesky im Interview fest. Dennoch sei die Stadt gefordert, aus eigenem Antrieb die medizinische Versorgung der Bevölkerung in Zukunft zu sichern. Das betrifft vor allem die an den ländlichen Randzonen. Ein zentrales Ärztehaus wäre für den Rathauschef die besondere Krönung in der Versorgung.

Waiblingen hat sein Krankenhaus verloren. Der Plan ist gescheitert, ein Ärztehaus als Ersatz zu etablieren. Wie steht es um die medizinische Versorgung aus Ihrer Sicht als Oberbürgermeister?

Die ärztliche Versorgung in Waiblingen ist sehr gut. Viele Fachärzte und Allgemeinärzte sichern die ambulante medizinische Versorgung. Dies ist aber kein Ruhekissen, sondern ein Ansporn, mitzuhelfen, dass dies so bleibt.

Aber wie ist es um die Zukunft bestellt?

Aus Gesprächen mit der Ärzteschaft ist bekannt, dass in Waiblingen, wie in so gut wie allen anderen Städten und Gemeinden im Land, die ambulante medizinische Versorgung vor einem strukturellen Wandel steht. Ältere Ärztinnen und Ärzte suchen eine Nachfolge, junge Mediziner suchen nach Niederlassungsmöglichkeiten. Daher entwickelt sich die medizinische Landschaft dynamisch. Es wird Veränderungen geben, auf die es sich einzustellen und proaktiv tätig zu werden gilt. Bedacht werden muss auch, das bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung, dass es nicht immer ganz einfach ist, eine Nachfolge für die Praxis zu finden.

Das heißt, nicht nur auf dem Land, sondern auch in Städten droht Ärztemangel?

So manche Ärztin und so mancher Arzt streben eher ein Angestelltenverhältnis statt der Selbstständigkeit an. Das war in der Vergangenheit nicht so stark ausgeprägt. Darüber hinaus werden Teilzeitarbeitsverhältnisse immer beliebter, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. All diese Entwicklungen werden sich auswirken. Es werden mehr Ärzte benötigt, um die Lücken zu schließen, Einzelpraxen werden vermutlich schwerer nachzubesetzen sein, und der Trend zu Ärztehäusern und Medizinischen Versorgungszentren wird sich verstärken.

Wie ist die Situation in den ländlichen Randgebieten der Stadt - beispielsweise in Bittenfeld?

In unserem Stadtentwicklungsplan haben wir uns zum Ziel gesetzt, dass auch die Stadt mit dafür sorgen soll, die ärztliche Versorgung in den Ortschaften sichern zu helfen. Daher wurden vor rund einem Jahr Räumlichkeiten für eine Arztpraxis im Neubaugebiet Berg-Bürg erworben, die an die in Bittenfeld praktizierende Ärztin vermietet wurden. Deren heutige Räumlichkeiten reichen nicht aus. Sie plant, weitere Mediziner anzustellen. Das sind gute Signale für Bittenfeld. Klar ist, dass auch in anderen Ortschaften, sollte es notwendig sein, sich die Stadt engagieren wird. Es kann und wird aber vermutlich andere Formen ärztlicher Versorgung geben, sei es Gemeinschaftspraxen, Zweigpraxen oder der Ausbau telemedizinischer Angebote.

Kann die Stadt auf den Strukturwandel überhaupt Einfluss nehmen?

Die ärztliche Versorgung ist ein wichtiges Thema der kommunalen Infrastruktur und der Stadtentwicklung. Der Verlust des Krankenhauses hat sich auf die ambulante medizinische Versorgung nicht so sehr ausgewirkt. Wir haben viele Arztpraxen in der Stadt, die wichtige Frequenzbringer sind und hohe Wechselwirkungen mit anderen Einrichtungen aus allen Bereichen aufweisen. Daher muss es erstes Ziel sein, die Zahl der Ärzte und vor allem die vielen Fachärzte zu halten oder - wo regulatorisch möglich - auszubauen.

Was bedeutet das konkret?

Im Rahmen unserer Wirtschaftsförderung unterstützt die Stadt Ärzte bei der Standortsuche und bei der Nachfolgeregelung, oder es werden Impulse für Projektentwicklungen gesetzt, um der Ärzteschaft die guten Rahmenbedingungen zu erhalten und auszubauen. Oder die Stadt wird aktiv und schafft selbst Eigentum für Praxen, wie in Bittenfeld geschehen. Den Strukturwandel wird eine Kommune nicht aufhalten können. Ebenso wenig kann sie in den Markt eingreifen und Ärzte ansiedeln, da die vertragsärztliche Versorgung über die sogenannte Bedarfsregelung festgeschrieben ist und von der Kassenärztlichen Vereinigung festgelegt wird. Ärztinnen und Ärzte werden sich für Waiblingen dann interessieren und hier niederlassen, wenn sie gute Räume und eine gute Infrastruktur, auch in einem Netzwerk mit anderen Ärzten, vorfinden.

Wie wichtig sind Ärzte und Pflege für eine Gesellschaft im demografischen Wandel?

Sehr wichtig. Dass eine älter werdende Gesellschaft mehr Ärzte und Pflegepersonal benötigt, liegt auf der Hand, und die Bedeutung des gesamten medizinischen Sektors wird uns allen in der Corona-Pandemie noch deutlicher vor Augen geführt. Aber auch für junge Familien ist das Thema wichtig. Für viele Familien ist die Wahl eines Wohnorts mit von der ärztlichen Versorgung abhängig. Da geht es vor allem um Kinderärzte, die wir dankenswerterweise auch in Waiblingen haben.

Wie stark muss oder kann die öffentliche Hand im Medizinsektor mitmischen?

Die öffentliche Hand muss es zum Thema machen. Für Waiblingen als Kreisstadt ist eine gute ärztliche Versorgung ein wichtiger Teil der Infrastruktur und ein Standortfaktor. Ob Kommunen auch Medizinische Versorgungszentren errichten müssen, wird die Zukunft zeigen. Ich setze in diesem Sektor vor allem auf Investoren, die solche Zentren gemeinsam mit Ärzten errichten. Ich will nicht ausschließen, dass sich Kommunen daran beteiligen. Wichtig ist aber vor allem, dass sie dieses Feld besetzen und sich einbringen. Es sind aber auch andere staatliche Akteure gefordert. Ich denke an die sinkenden Zahlen der Medizinstudenten. Hier sind die Länder gefragt.

Was würde Waiblingen ein Ärztehaus bringen?

Ein Ärztehaus oder ein medizinisches Versorgungszentrum kann eine gute Antwort auf die strukturellen Herausforderungen und ein Beitrag zur Sicherung der medizinischen Versorgung sein. Ich würde mich freuen, wenn das Ärztehaus als wichtige Infrastruktureinrichtung realisiert werden könnte. Es gibt in Waiblingen private Investoren, die eine entsprechende Einrichtung errichten möchten. Ein Modell - gemeinsames Engagement von Investoren mit Ärzten -, das auch bereits bei der Waiblinger Zentralklinik erfolgreich praktiziert wird. Ein Ärztehaus wäre ein echter Mehrwert für Waiblingen, und angesichts der demografischen und strukturellen Entwicklungen der Bevölkerung und in der Ärzteschaft ist eine zeitnahe Realisierung wichtiger denn je. Vor allem wären positive Wechselwirkungen mit anderen medizinischen und medizinnahen Einrichtungen gegeben. Dabei denke ich an Apotheken, Sanitätshäuser, Krankengymnastik- und Reha-Praxen und weitere Dienstleistungen.

Dieses Interview ist erstmals am 10. Dezember 2020 in der ZVW-Beilage "Solidarität - So stark ist der Rems-Murr-Kreis" erschienen.

Der Verlust des Krankenhauses hat sich auf die ambulante medizinische Versorgung in Waiblingen „nicht so sehr ausgewirkt“. Das stellt Oberbürgermeister Andreas Hesky im Interview fest. Dennoch sei die Stadt gefordert, aus eigenem Antrieb die medizinische Versorgung der Bevölkerung in Zukunft zu sichern. Das betrifft vor allem die an den ländlichen Randzonen. Ein zentrales Ärztehaus wäre für den Rathauschef die besondere Krönung in der Versorgung.

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