Waiblingen

Überraschung im Missbrauchsprozess

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen. Ein 41-Jähriger soll eine damals 15-Jährige sexuell missbraucht haben. Der Fall war bereits vor einem Jahr vor dem Amtsgericht verhandelt worden. Damals hatte der Verteidiger in letzter Minute ein psychiatrisches Gutachten über das geistig leicht behinderte Mädchens gefordert. Nun ist der Fall neu aufgerollt worden – mit überraschendem Ausgang.

Kennengelernt hatte der 41-jährige Badener das damals 15-jährige Mädchen aus dem Rems-Murr-Kreis im Internet, über den einschlägig bekannten Chat „Knuddels“ (wir berichteten). Aus Hin- und Hergeschreibe wurde mehr: Auf seine Aufforderung schickte das mit einem IQ von 65 als leicht geistig behindert eingestufte Mädchen dem Mann ein Masturbationsvideo. Nach insgesamt 290 Kontakten in Form von Telefonaten und Nachrichten kam es zu einem Treffen und auf einem Parkplatz nahe Rudersberg zu sexuellen Handlungen in einem Auto, unter anderem Oralverkehr. Der Angeklagte war damals 39 Jahre alt.

Fall wurde neu aufgerollt

Der Fall war 2016 schon einmal vor dem Waiblinger Amtsgericht verhandelt worden. Damals hatte die Verteidigung quasi in letzter Sekunde – nach Abschluss der Beweisaufnahme – ein psychiatrisches Gutachten über Mädchen gefordert. Dieses lag nun vor und der Fall wurde neu aufgerollt.

Dass an jenem Tag im April 2015 sexuelle Handlungen stattgefunden haben, bestritt der Angeklagte nicht. Doch er blieb bei der Aussage: Die geistige Behinderung des Mädchens habe er weder bemerkt noch für seine Zwecke genutzt. Weil er auch in der neuerlichen Verhandlung keine näheren Angaben zur Sache machen wollte, musste die Geschädigte erneut vor Gericht aussagen. Zum Schutz des Mädchens fand die Vernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Psychiatrisches Gutachten: Geschädigte sexuell erfahren

In der Folge ging es vorrangig darum, ob die damals 15-Jährige zum fraglichen Zeitpunkt in der Lage gewesen war, selbst über ihre Sexualität zu bestimmen. Von einer kognitiven Einschränkung lasse sich nicht direkt auf eine mangelnde sexuelle Selbstbestimmung schließen, sagte die Sachverständige, die das geforderte psychiatrische Gutachten erstellt hatte.

Zwar sei es einerseits richtig, dass die Geschädigte an eine Schule für geistig Behinderte gewechselt habe, weil sie an der Förderschule überfordert gewesen sei. Andererseits aber wirke das Mädchen auf den ersten Blick nicht unbedingt entwicklungsverzögert und habe damals bereits über sexuelle Erfahrungen verfügt. Aus ihrer Sicht als Psychiaterin sei es wohl so gewesen, dass die Geschädigte den Kontakt zum Angeklagten gewollt habe, allerdings die Situation nicht richtig habe einschätzen können. So sei sie nicht an schnellem Sex, sondern an einer Beziehung interessiert gewesen. Dies rechtlich richtig einzuordnen, darum gehe es nun, kommentierte Richter Luippold.

Staatsanwalt beantragt Freispruch

In einem überaus zahmen Plädoyer und unter Berufung auf den Bericht der Gutachterin beantragte der Staatsanwalt am Ende den Freispruch des Angeklagten. Dem stimmte auch der Verteidiger zu: Sein Mandant sei zwar kein unbeschriebenes Blatt und habe sich „gerade in dieser Sache sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert“. Doch auch er sah den Tatbestand des §§ 182 Abs. 3 (sexueller Missbrauch von Jugendlichen bei fehlender sexueller Selbstbestimmung) nicht erfüllt. Die Nebenklägerin, die im Prozess die Geschädigte vertrat, sah das freilich anders: Der Angeklagte hätte die kognitiven Einschränkungen des Mädchens erkennen müssen und habe sie bewusst aufgrund des Machtgefälles ausgesucht. Nachdem er sich etwa eine halbe Stunde lang mit seinen Schöffen beraten hatte, verkündete Richter Luippold das Urteil. „Wir sind uns darüber einig, dass wir den Angeklagten leider freisprechen müssen“, wobei er das Wort „leider“ betonte. Zwar habe der Sexualkontakt stattgefunden und ein Machtgefälle sei schon wegen des Alters vorhanden – die Frage nach der Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung des Mädchens sei aber nicht eindeutig zu klären und somit auch nicht zu negieren. Hinzu komme, dass das Mädchen zum Tatzeitpunkt bereits 15 Jahre alt war – vollständig gesetzlich geschützt sind nur Kinder bis zu einem Alter von 13 Jahren. Der Freispruch sei ihm „schwergefallen“, habe in diesem Fall aber sein müssen, betonte Luippold.

Mehrfach einschlägig vorbestraft

Es war schon 2016 nicht das erste Mal gewesen, dass der Badener sich vor Gericht hatte verantworten müssen. Neben Diebstahl und Fahrerflucht in einem nicht versicherten Auto war er bereits wegen der Verbreitung kinderpornografischer Schriften und sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen verurteilt worden.

Zuletzt verbüßte er eine auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von einem Jahr. Zu den Bewährungsauflagen gehörte damals auch eine psychotherapeutische Behandlung seiner pädophilen Neigungen. Diese beendete er allerdings auf eigenen Wunsch und mit Einverständnis des Psychiaters vorzeitig. An der Kompetenz des behandelnden Psychiaters waren damals Zweifel aufgekommen, wie Richter Luippold sich in der Verhandlung erinnerte.

Die Bewährungshilfe warf dem Angeklagten in zwei Berichten aus dem Jahr 2016 bagatellisierendes Verhalten und geringe Reflexionstiefe vor.

Eine weitere Behandlung sei demnach angebracht, um das Risiko weiterer Straftaten zu minimieren.