Waiblingen

120 Kunden mehr und hohe Nebenkosten: So ist die Lage bei der Tafel Waiblingen

Tafel Waiblingen
An der Tafel-Theke wird Gemüse mit „Schönheitsfehlern“ günstiger verkauft. © ZVW/ALEXANDRA PALMIZI

Vor dem Gebäude der Tafel Waiblingen in der Benzstraße reiht sich bereits um 11 Uhr morgens eine lange Menschenschlange. „Bis zu einer Stunde warten unsere Kunden an manchen Tagen“, erzählt Petra Off. Sie ist die Leiterin des Tafelladens, der von Montag bis Freitag geöffnet ist und zahlreichen Haushalten mit geringem Einkommen die Möglichkeit zum kostengünstigen Einkauf bietet. Etwa 600 Kärtchen, die zum Einkauf bei der Tafel berechtigen, seien derzeit im Umlauf. Das entspricht 600 Haushalten, denn pro Haushalt ist lediglich eine Karte erlaubt. Durch die Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind, kamen laut Petra Off weitere 120 Haushalte dazu.

Dieser Zuwachs stellt derzeit allerdings überhaupt kein Versorgungsproblem für die Tafel dar: „Durch die Corona-Pandemie haben wir einige Kunden verloren.“ Die neue Kundschaft gleiche das Verhältnis wieder aus, so dass der Andrang auf die günstigen Lebensmittel wieder dem Stand von vor der Corona-Pandemie entspreche.

Hilfe für Geflüchtete ohne Einkommen

Petra Off betont, dass es wichtig gewesen sei, schnell zu handeln, denn die Geflüchteten haben noch kein Einkommen in Deutschland und somit nur ein begrenztes Budget. Um den Einkauf bei der Tafel in Anspruch nehmen zu dürfen, sei lediglich wichtig gewesen, eine Unterkunft nachweisen zu können. Ab August, wenn etwas Zeit vergangen ist und die einen oder anderen ein Einkommen durch einen Job beziehen, werden Petra Off und ihre Kollegen die Verhältnisse der Einkäufer erneut prüfen und schauen, wem der Gang zur Tafel weiterhin zusteht.

Dass sich die Kundschaft der Tafel so rasant erweitert, bringt vor allem kommunikative Hürden mit sich: „Wir kommunizieren viel über die Übersetzungs-App auf dem Handy“, erzählt die Laden-Leiterin. Eine Anekdote ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „Weil wir nicht wussten, wie wir ‘Parmesan’ übersetzen sollten, haben wir die Tüte geöffnet, den Käse auf einen Teller geleert und auf Ukrainisch ‘geriebener Käse’ auf ein Schild geschrieben.“

Während die Kundschaft gewachsen ist, spüre die Tafel Waiblingen bezüglich der Lebensmittel allerdings kaum etwas von den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine: „Wir sind selbst erstaunt“, sagt Petra Off, die mit größeren Folgen für die Tafel gerechnet hatte.

Es ist genug für alle da

Während die Tafeln anderer Städte, beispielsweise in Stuttgart, in einem Bericht des SWR angespannte Situationen aufgrund des Krieges und der Inflation schildern, geht es der Tafel Waiblingen gut. Vorstandsvorsitzende Erika Nanny Severin vermutet, dass sich die Lage der Tafeln auf dem Land und in der Stadt unterscheidet: „In den Großstädten müssen mehr Menschen versorgt werden, außerdem haben wir hier in Waiblingen ein gutes Netzwerk zu den Gemüsebauern und Landwirten.“ Wenn es wirklich brenzlig würde, könne die Tafel dort weitere Ware anfragen.

Güter, die von den Lieferengpässen betroffen sind, habe es auch vorher kaum im Tafelladen gegeben. „Ich erinnere mich nicht daran, wann wir das letzte Mal Speiseöl im Angebot hatten“, sagt Erika Nanny Severin. Was im Laden angeboten wird, hängt immer davon ab, was gespendet wird. Sind doch einmal Luxusgüter wie Öl oder Nutella dabei, dann werde die Anzahl rationiert. Ein Haushalt bekomme dann genau ein Produkt.

Auch aufgrund der Spenden kann sich die Tafel in Waiblingen derzeit gut über Wasser halten. Erst vor kurzem erreichte die Tafel eine große Lebensmittel- und Geldspende vom Hilfsverein des Zeitungsverlages Waiblingen. 

Die hohen Lebensmittelpreise in den Supermärkten hingegen zeigen Wirkung: Süße, rote Erdbeeren und leckerer Spargel finden sich derzeit im Tafelladen in rauen Mengen. Dabei handelt es sich zwar auch um Exemplare, deren „Schönheitsfehler“ für den Supermarkt ein Ausschlusskriterium waren. Aber auch die nachlassende Kaufkraft bei teuren Produkten spiegelt sich im Sortiment der Tafel wider: Das, was im Supermarkt liegen bleibt, ist bei der Tafel vorrätig.

Eigentliche Last: Steigende Nebenkosten

„Was uns wirklich zu schaffen macht, sind die steigenden Nebenkosten“, sagt die Vorstandsvorsitzende. Die hohen Energiepreise machen sich auch bei der Waiblinger Tafel auf der Stromrechnung bemerkbar– und das kann bei einem zusätzlichen Kühlraum plus Tiefkühl-Lager teuer werden. „Wir sind sehr auf die Spenden angewiesen und ‘betteln’ teilweise schon um Gelder“, gibt Erika Nanny Severin zu.

Auch die Tankkosten belasten die Tafel, denn täglich werden laut Severin mit dem eigenen Lieferwagen bis zu 1,5 Tonnen Lebensmittel abgeholt und in das Lager unterhalb des Ladens transportiert. Durch die Anschaffung eines Lastenaufzuges, der installiert werden musste, damit die schwere Ware nicht zwei Stockwerke hochgetragen werden muss, seien alle Ersparnisse aufgebraucht worden: „Zehn Jahre hatten wir dafür Geld angesammelt.“

Doch obwohl der Schuh auf der einen Seite drückt, habe die Spendenbereitschaft für Lebensmittel auf der anderen Seite zugenommen. „Das war schon während Corona so, doch seit dem Krieg erhalten wir noch mehr Spenden“, erzählt die Vorstandsvorsitzende. Und diese werden dringend benötigt: Bis zu 90 Haushalte besuchen den Tafelladen laut Petra Off täglich, am Donnerstag seien es sogar bis zu 200, denn da hat der Laden bis um 17 Uhr geöffnet.

„Einige Menschen kommen sogar jeden Tag.“ Der Besuch bei der Tafel gibt vielen eine Struktur, die aufgrund von Arbeitslosigkeit fehlt. Aus diesem Grund limitieren die Mitarbeiter der Tafel Waiblingen die Anzahl der erlaubten Kaufgänge auch nicht – zwar darf pro Tag nur einmal eingekauft werden, doch das eben an jedem Tag unter der Woche.

Vor dem Gebäude der Tafel Waiblingen in der Benzstraße reiht sich bereits um 11 Uhr morgens eine lange Menschenschlange. „Bis zu einer Stunde warten unsere Kunden an manchen Tagen“, erzählt Petra Off. Sie ist die Leiterin des Tafelladens, der von Montag bis Freitag geöffnet ist und zahlreichen Haushalten mit geringem Einkommen die Möglichkeit zum kostengünstigen Einkauf bietet. Etwa 600 Kärtchen, die zum Einkauf bei der Tafel berechtigen, seien derzeit im Umlauf. Das entspricht 600

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