Waiblingen

2000 Kilometer mit dem Solar-Pedelec

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Rainer Idler, früherer Physiklehrer an der Rumold-Realschule, berichtete über seine Deutschlandtour mit dem Solarfahrrad. Idler hatte mit seinen Schülern auch das Smart-Grid-Versuchslabor im Jugendhaus Rommelshausen eingerichtet. © Habermann / ZVW

Kernen-Rommelshausen. Drei Monate lang war Rainer Idler mit dem Pedelec unterwegs. Das große Aha-Erlebnis stellte sich nach der Einreise in die Niederlande ein. Dort rede man nicht nur von Barrierefreiheit und Fahrradkultur, sondern lebe seit Jahrzehnten die entsprechende Tradition. Diese Erkenntnis brachte Rainer Idler von seiner 2000-Kilometer-Reise mit, die er 2017 mit dem Pedelec von Stuttgart aus an die Nordseeküste und wieder zurück unternommen hatte.

Das Jugendhaus in Rommelshausen war am Samstag das Ziel einer Exkursion des Solarvereins Rems-Murr. Diese war Baustein einer sechsteiligen Reihe, die der Verein in Kooperation mit dem Kreis im Rahmen des Klimaschutz-Handlungsprogramms 2016-2018 veranstaltet, um anhand konkreter Beispiele zu zeigen, wie Innovationen für den Klimaschutz in der Praxis gelingen können, erläuterte die Vereinsvorsitzende Hanne Barth. In Rommelshausen wollten sich die Vereinsmitglieder nicht nur von den Projekten der Solar-AG der Rumold-Realschule einen Eindruck verschaffen, sondern ließen sich auch von Rainer Idler über dessen Sommerreise von Stuttgart an die Nordseeküste berichten.

Drei Monate unterwegs, übernachtet hat er im Freien

Diese Reise mit dem Pedelec habe er unternommen, so Idler, weil er neugierig gewesen sei, ob sie überhaupt machbar sei. Sie führte ihn von Stuttgart aus auf Radwegen nach Mannheim, durch das Rheintal über Köln bis Düsseldorf, dann nach Wuppertal, Dortmund, Münster, Leer, Groningen, Leeuwarden, Amsterdam, Den Haag, Rotterdam wieder nach Düsseldorf und von dort aus wieder auf derselben Strecke wie beim Hinweg zurück. Insgesamt drei Monate war Idler unterwegs; er übernachtete dabei ausschließlich im Freien; bei gutem Wetter unter freiem Himmel, bei Regen im Zelt oder auch einfach mal unter einer Plane auf einer Parkbank. „Ich bin einfach losgefahren, und so, wie ich mir als junger Mensch keine Gedanken darüber machte, wo ich übernachten könne, wenn ich eine Radtour an den Bodensee unternahm, hielt ich es auch diesmal. Ich sagte mir, wild campen ist bei uns in Deutschland verboten, aber wild übernachten auf einer Wiese, am Altrhein oder einfach auf einem Steg, nicht.“

Mini-Kraftwerk und Reisegepäck auf selbst gebautem Anhänger

Als Transportmittel diente Idler ein Pedelec, die Energie, die er benötigte, um dessen 750-Watt-Akku aufzuladen, lieferte ein 150-Watt-Solarpanel, das wiederum mit einem 2-kW-Akku gekoppelt war. Dieses Mini-Kraftwerk war auf einem Anhänger untergebracht, ebenso das gesamte Reisegepäck. Den Anhänger habe er ganz im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens mit Freunden selbst gebaut, das Pedelec geliehen. Insgesamt 210 Kilo wog das Gefährt, und die Anlage habe ihm genug Energie geliefert, um fünfzig bis sechzig Kilometer am Tag zurückzulegen – „mehr als genug für jemanden in meinem Alter und mit meiner Konstitution“. Nur ein einziges Mal, in Wuppertal, habe er an die Steckdose müssen, gestand Idler. Interessante Menschen habe er unterwegs kennengelernt. Und in jeder Stadt gebe es eine Fahrradgruppe, zu der er über Twitter Kontakt aufnahm.

Aha-Erlebnis in den Niederlanden

Sein persönliches Aha-Erlebnis hatte Idler, als er in Friesland in die Niederlande wechselte. Dort gebe es parallel zu den Autobahnen breit ausgebaute Fahrradstraßen mit einem durchgängigen und funktionierenden Wegweisernetz. Ladestationen für Fahrräder an den Supermärkten seien selbstverständlich, ebenso Fahrradstellplätze sowie der mobile Pannendienst für Radfahrer. In den Niederlanden rede man nicht nur von Barrierefreiheit, sondern lebe sie. Baff erstaunt gewesen sei er über die unübersehbar große Zahl von Krankenfahrstühlen, die auf Radwegen und auch sonst überall unterwegs, in Deutschland aber so gut wie unsichtbar sind. Es habe eine Weile gedauert, bis er begriff, dass es in den Niederlanden nicht besonders viele alte und behinderte Menschen gebe, sondern dass man ihnen dort Mobilität ermögliche, während man sie bei uns einsperre.


Das Jugendhaus

Das Jugendhaus in Rommelshausen ist mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet, deren 150 Module im Jahresmittel 31 400 kWh elektrische Energie liefern soll. Betreut wird die Anlage von Schülern der Rumold-Realschule unter Anleitung von Rainer Idler, Andreas Gaspar und Davood Houssein. Jüngstes Projekt ist ein Smart-Grid-System, um die gewonnene elektrische Energie zu erforschen sowie verschiedene Geräte über das Smartphone individuell anzusteuern.