Waiblingen

24-Jähriger soll zwei 17-Jährige überfallen haben

Gerichtsgeschichte
Das Ende der Szene auf dem Salier-Schulgelände: Ein Polizist, der in der Nähe wohnt, hält den Angreifer im Schwitzkasten fest, bis Verstärkung eintrifft. (Symbolbild) © Habermann/ZVW

Waiblingen. Ein vielfach vorbestrafter 24-Jähriger soll auf der Korber Höhe zwei junge Frauen verprügelt und die Herausgabe ihrer Smartphones gefordert haben. Ein junger Polizist, der in der Nähe wohnt, kam den beiden zur Hilfe. Vor Gericht räumt der drogensüchtige Angeklagte die Vorwürfe teilweise ein, verstrickt sich aber immer wieder in Widersprüche – und lacht bei der Verlesung seiner Vorstrafen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 24 Jahre alten Waiblinger vor, am Abend des 2. Aprils zwei 17-jährige Schülerinnen auf dem Gelände des Salier-Schulzentrums überfallen zu haben. Er forderte, so die Anklage, Geld und Smartphones von den jungen Frauen, die in Begleitung eines jüngeren Mädchens waren. Er soll ihnen gedroht haben, sie umzubringen, sie geschlagen, eine von ihnen gar zu Boden gestoßen und getreten haben. Im Nachhinein wurde bei einer der beiden Geschädigten gar eine gebrochene Rippe festgestellt, die andere hatte eine Schramme im Gesicht. Ein Polizist, der in der Gegend wohnt, hörte Hilfeschreie und kam den Frauen zur Hilfe. Er und ein weiterer Passant hielten den alkoholisierten Mann schließlich fest, bis weitere Polizisten eintrafen und den 24-Jährigen schließlich aufs Revier brachten. Der vielfach vorbestrafte, drogenabhängige Mann sitzt nun zum wiederholten Male im Gefängnis. Weil die wichtigsten Zeuginnen – die beiden jungen Frauen – verreist sind, wird die Verhandlung Mitte September fortgesetzt.

Beim ersten Termin mit Richter Steffen Kärcher kommt zunächst der Angeklagte zu Wort. Über einen seiner beiden Verteidiger lässt er die Vorwürfe „im Wesentlichen“ einräumen. Allerdings habe er die beiden Schülerinnen nicht berauben wollen. An die Details der Tat könne sich sein Mandant nicht erinnern, so der Anwalt. Dieser sei allerdings bereit, sich bei den jungen Frauen zu entschuldigen.

Die dritte Version der Geschichte

Diese Erklärung macht der der 24-Jährige, der in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, allerdings in der anschließenden Befragung zunichte. Er habe sich den Tag über betrunken und etwas frische Luft schnappen wollen, berichtet er. „Die sind auf mich zugelaufen. Die dachten, es wäre lustig mich zu beleidigen: Hurensohn, Missgeburt ...“, außerdem hätten die Schülerinnen versucht, ihn zu filmen. Das sei auch der Grund gewesen, dass er einer der beiden ihr Handy weggenommen habe. Ja, ein Mädchen habe er geschubst, sie sei zu Boden gegangen. Aber getreten oder geschlagen habe er niemanden.

Es ist seine nunmehr dritte Version der Geschehnisse – nach der Erklärung des Verteidigers und seiner ersten Aussage auf dem Polizeirevier Waiblingen. Am Tag nach dem Vorfall hatte er zwar jegliche Gewalt abgestritten, aber zugegeben, die Mädchen angepöbelt zu haben, weil sie Hiphop-Musik auf ihrem Handy abspielten. Als das vor Gericht zur Sprache kommt, prustet der Angeklagte laut los. Als sein Anwalt ihn verärgert ermahnt, murmelt er: „Ich kann nicht anders, das ist lustig.“

Junger Polizist beweist Zivilcourage

Auch der 24 Jahre alte Polizist, der den Angetrunkenen bis zum Eintreffen der Polizei festhielt, sagt als Zeuge vor Gericht aus. Er habe bei geöffnetem Fenster an seinem Schreibtisch gesessen, als er die Hilferufe der Mädchen hörte. Er wies seinen Vater an, 110 zu wählen, dann eilte er nach draußen. Auf dem Schulgelände traf er die beiden aufgelösten Mädchen an, in einiger Entfernung hielt sich der Angeklagte auf. Als dieser ihn erblickte, sei er auf ihn zugekommen und habe versucht, ihn zu schlagen. Der Polizist in Zivil wich aus und entschied sich, den zornigen Mann bis zum Eintreffen der Kollegen hinzuhalten. Dabei kam ihm seine sportliche Leidenschaft zugute: Parcours, also das Springen, Klettern und Balancieren über Mauern, Treppen und andere Hindernisse. „Ich wollte die Aufmerksamkeit weg von den Mädchen auf mich richten“, sagt der Polizist vor Gericht.

Auch der Angeklagte erinnert sich noch gut daran: sein Gegenspieler sei um ihn herumgehüpft wie ein Trampolinspringer: „Ich dachte mir: was für ein Vollpfosten.“

Allerdings: die Taktik des Polizisten ging auf, der aggressive Mann bekam ihn nicht zu fassen. Körperlich wurde es erst wieder, als es zu einer Rangelei zwischen einem weiteren Passanten und dem Angeklagten kam. Schließlich hatten der Polizist und der Fremde, den widerborstigen 24-Jährigen am Boden fixiert, kurz darauf traf die erste Streifenbesatzung ein und legte ihm Handschellen an.

Ellenlanges Vorstrafenregister

Seither sitzt er in Haft. Das ellenlange Vorstrafenregister des Mannes, der mit acht Jahren aus Kasachstan nach Deutschland kam, reicht zurück bis ins Jahr 2010: Mehrere Körperverletzungen, Diebstähle und Raubüberfälle gehen auf sein Konto. Als aus früheren Verfahren gegen ihn zitiert wird, muss er wiederholt lachen – viele Prozessteilnehmer wirken peinlich berührt. Mehrfach saß der 24-Jährige, der keine Berufsausbildung hat, im Gefängnis, zwei Drogentherapien sind gescheitert: Alkohol, Marihuana, Kokain, Heroin und Schmerzmittel sind seine Begleiter. Die Verhandlung wird am 10. September fortgesetzt.

Ratloser Gutachter

Der Sachverständige, der für das Verfahren ein psychologisches Gutachten über den Angeklagten erstellen soll, sagt nach dessen Ausführungen: „Ich bin ein bisschen ratlos, wenn ich höre, dass Sie sich nicht erinnern. Sie haben mir sehr detaillierte Angaben zur Tat gemacht. Soll ich sie vorlesen?“ „Nein“, interveniert Richter Kärcher da, Vorhaltungen aus derlei Vorgesprächen seien nicht zulässig.