Waiblingen

24-Stunden-Warnstreik bei Stihl

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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth
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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth
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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth
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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth
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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth
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24-Stunden-Streik bei Stihl in Waiblingen. © Alexander Roth

Waiblingen. Warnstreik in der Metaller-Branche: Am Mittwoch standen bei Stihl für 24 Stunden die Bänder still. „Ich platze vor Stolz, wenn ich sehe, was hier los ist“, sagte Stihl-Betriebsrat und Gewerkschafter Timo Sabbadini vor den Werkstoren. Als „unverantwortlich und völlig unangemessen“ bezeichnet Stihl-Vorstand Dr. Michael Prochaska den Ausstand.

„Für uns wird’s heute ein langer Tag, für die Arbeitgeber wird’s ein teurer Tag!“ Timo Sabbadini ist erstens Betriebsrat und zweitens leitender Vertrauensmann bei Stihl. Das heißt, dass er erstens von der gesamten Belegschaft und zweitens von den bei der IG Metall gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewählt worden ist. Gewählt für Tage wie diesen kalten Mittwoch, an dem schon die erste, die Morgenschicht, in Streik getreten ist und auch die zweite und die Nachtschicht nicht arbeiten werden.

„Heute geht keine einzige Motorsäge vom Band.“ 24 Stunden Warnstreik – die IG Metall hat „nach langen Jahren“ mal wieder zu einer größeren Aktion aufgerufen. 21 Betriebe im Südwesten sind schon am Mittwoch mit dabei, darunter auch die rund 700 Stihler. Bosch in Murrhardt und das Bosch-Kunststoffwerk in Waiblingen folgen mit 43 weiteren Betrieben an diesem Donnerstag.

Im Ausprache-Modus

Die Metaller bei Stihl sind bislang noch im Absprache-Modus: Die Zufahrten aufs Werksgelände und die Straße entlang des Firmengeländes sind abgesperrt. Posten schicken Leute zum einzigen offenen Eingang. Denn mit der Stihl-Geschäftsleitung wurde vereinbart, dass nur die Produktion bestreikt wird, die Leute aus der Entwicklung dürfen an ihren Arbeitsplatz. Bei der nächsten Runde aber, sagt Timo Sabbadini, würde man noch „einen Zahn zulegen“.

Wie viel Druck noch nötig sein wird, um die Metall-Arbeitgeber von den Gewerkschaftsforderungen zu überzeugen? Der Waiblinger IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs erklärt, dass bislang nur Haare in der Suppe gefunden, aber kein Vorschlag gebracht würde. Sechs Prozent mehr Lohn will die IG Metall und außerdem die sogenannte „kurze Vollzeit“. Und zwar für alle. An diesem Konstrukt scheiden sich die Geister ganz extrem: Die IG Metall möchte, dass Arbeitnehmer, die in Vollzeit arbeiten, das Recht haben, über einen befristeten Zeitraum die Arbeitszeit reduzieren zu können. Etwa zur Pflege von Angehörigen oder wenn kleine Kinder im Haus sind. Damit die finanziellen Einbußen dabei nicht zu groß sind, fordert die IG Metall einen Ausgleich. Dieser könnte über ein erhöhtes Urlaubsgeld gewährt werden, das bei eben diesem Bedarf in freie Tage umgerechnet wird.

Forderungen aus Sicht der Arbeitgeber "rechtswidrig"

Die IG Metall will dieses Anrecht unbedingt festschreiben. Denn: Wer in solchen Situationen ganz offiziell den Arbeitsvertrag von Vollzeit in Teilzeit ändere, habe nicht die Gewissheit, dass hinterher wieder Vollzeit genehmigt wird. Aus Sicht der Arbeitgeber ist diese Forderung „rechtswidrig“. Michael Kempter, Geschäftsführer von Südwestmetall in Waiblingen, bezeichnet daher auch alle Streiks dazu als „rechtswidrig“. „Arbeitgeberverbände reichen daher Klage beim Arbeitsgericht in Frankfurt am Main ein.“ Die Begründung: Beschäftigte, die schon in Teilzeit sind, würden benachteiligt. Die Unternehmen würden sich außerdem weitere rechtliche Schritte vorbehalten, „um mögliche Schadensersatzansprüche, die sich aus den Streiks ergeben, geltend machen zu können“.

Eine Rechtswidrigkeit könne man nicht einfach wegstreiken. Die Stihl-Geschäftsführung bekam von dem Streik samt mitreißender Gitarrenmusik („Talking ‘bout a Revolution“) im Übrigen nichts mit: Vorstand und Führungskräfte waren bei einer Veranstaltung außer Haus. Man habe aber, hieß es aus der Presseabteilung, nicht die Flucht ergriffen. Das Führungskräfteforum sei seit bereits einem Jahr geplant.


Der Stihl-Standpunkt

„Wir haben keinerlei Verständnis für diese Eskalation“, sagte Dr. Michael Prochaska, Stihl-Vorstand und Rems-Murr-Vorsitzender im Arbeitgeberverband Südwestmetall.

Die drohenden Schäden gingen bei diesem Warnstreik weit über das übliche Maß hinaus: „Ein ganztägiger Produktionsstopp bringt nicht nur uns, sondern auch unseren Kunden Probleme. Wenn darunter unsere Zuverlässigkeit, unser guter Ruf leidet, beschädigen wir unser wichtigstes Kapital.“

Die Arbeitgeberseite habe in der letzten Verhandlungsrunde der Tarifgespräche ein finanzielles Angebot auf den Tisch gelegt, das bereits 2018 ein sattes Lohnplus und 2019 im Durchschnitt für jeden Beschäftigten 4000 Euro mehr im Jahr bedeutet hätte.

Zudem sei die Einigung auf ein zukunftsweisendes Tarifmodell zur Arbeitszeit zum Greifen nahe gewesen – mit einem Anspruch auf befristete Teilzeit, einer Wahloption Geld oder Zeit für besonders belastete Beschäftigte, mehr Flexibilität beim Arbeitszeitvolumen für die Betriebe, zusätzlichen Verdienstchancen für mehr Mitarbeiter, die dafür länger arbeiten wollen, sowie Regelungen zu mobilem Arbeiten.