Waiblingen

30 Jahre Mauerfall: Die Euphorie ist verflogen

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Bürgermeister Thomas Kaminski im Gespräch mit dem Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky. © Alexander Roth

Waiblingen/Schmalkalden. Herbst 1989. Es brodelt in der DDR. Montagsdemos und Massenfluchten lassen sich nicht mehr ignorieren, das Regime ist unter Druck. Am Abend des 9. November 1989 gehen die deutsch-deutschen Grenzen auf. 30 Jahre später ist die Mauer Geschichte, die Wiedervereinigung längst vollzogen. Doch wie fühlen sich die Menschen heute? Ein Gespräch mit Thomas Kaminski, dem Bürgermeister von Schmalkalden. Die thüringische Stadt ist mit Waiblingen seit der Wende offiziell befreundet.

Umfragen zeigen: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sehen die meisten Deutschen ihr Land auf einem guten Weg. Aber nicht überall und nicht in allen Bevölkerungsschichten wird das so gesehen. Wie ist die Stimmung 30 Jahre nach dem Mauerfall in Schmalkalden?

Die allermeisten Bürger haben sich über den Mauerfall und den Zusammenschluss beider deutschen Staaten sehr gefreut. Die Euphorie der ersten Monate und Jahre ist natürlich ein Stück verflogen.

Bei einer Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent ist die Lage in Schmalkalden auf dem Arbeitsmarkt fast traumhaft. Wer sind bei Ihnen die größten Arbeitgeber? Haben diese sich als Folge der Wende etabliert oder waren sie schon immer ein wichtiger Player des Arbeitsmarkts?

Schmalkalden war und ist eine Stadt der Werkzeugindustrie. Dennoch ist der größte Arbeitgeber aus einer völlig anderen Branche, nämlich der Papierherstellung, mit 450 Mitarbeitern. Unsere Fleisch- und Wurstwaren GmbH beschäftigt 320 Leute. Das Reinigungsunternehmen Putzteufel GmbH hat insgesamt 800 Mitarbeiter, verschiedene metallverarbeitende Betriebe haben jeweils um die 200 bis 250 Mitarbeiter. Aus dem Werkzeugkombinat Schmalkalden, dem größten Betrieb zu DDR-Zeiten, sind fünf Ausgründungen erfolgt, die bis heute existieren und entsprechend gewachsen sind. Auch die Fleisch- und Wurstwaren GmbH ist ein Betrieb, der sich über die Wendezeit hinaus positiv entwickelt hat. Die Putzteufel GmbH wurde erst nach der Wende gegründet und aufgebaut.

Reden wir über den Fachkräftemangel, unter dem auch Ihre Region zu leiden hat: Welche Strategien verfolgen Sie dagegen?

Wir informieren seit Jahren über eine Berufs- und Ausbildungsmesse unsere Jugendlichen über die Stärke unserer Unternehmen vor Ort und die attraktiven Ausbildungs- und Arbeitsangebote. Es geht darum, die Schulabsolventen dauerhaft an die Stadt und die Region zu binden. Einige Betriebe greifen auf Fachkräfte aus Polen, Tschechien und Rumänien zurück, was sich in großen Teilen ebenfalls bewährt. Seit einiger Zeit gibt es außerdem ein Programm, jungen vietnamesischen Menschen die deutsche Sprache zu vermitteln und sie in die Ausbildung in Schmalkalden zu bringen. Wir arbeiten auch daran, Auspendler auf unsere Betriebe vor Ort noch mehr aufmerksam zu machen. Alle Ansätze zeigen gewisse Erfolge.

In Schmalkalden, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, gibt es ein großes Angebot an Schulen - unter anderem ein Gymnasium, ein Berufsbildungszentrum und eine Hochschule. Eine große Anzahl von Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche also. Trotzdem leiden Sie noch immer unter den Folgen des Wegzugs vieler junger Menschen nach der Wende. Wie kommt das?

Nach der Wende ist der Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern und so auch in Schmalkalden regelrecht zusammengebrochen. Die Arbeitslosenquote lag deutlich über 15 Prozent. Die Betriebe als Arbeitgeber mussten sich erst neu orientieren und ihren Platz am Markt finden. Es gab viel zu wenig Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebote. Dies führte dazu, dass junge Menschen, die familiär noch ungebunden waren, anderswo in der Bundesrepublik einen Job und eine neue Heimat gesucht haben. Diese Entwicklung war von Anfang der 90er Jahre bis Anfang / Mitte der 2000er Jahre zu beobachten. Uns ist hierdurch fast eine halbe Generation verloren gegangen.

Deutschland hat seit 2015 viele geflüchtete Menschen und Asylbewerber aufgenommen. Wie hat Schmalkalden diese Herausforderung gemeistert? Wie viele Flüchtlinge leben heute noch in der Stadt?

In Schmalkalden wurden zeitweise bis zu 500 Flüchtlinge untergebracht. Dies lief nicht völlig ohne Diskussion. Wir haben die Nachbarschaft der zu beziehenden Wohnungen aber im Vorfeld informiert und konsequent eine dezentrale Unterbringung der Asylbewerber im Stadtgebiet verfolgt. Zahlreiche Schmalkalder haben sich als ehrenamtliche Paten für ein Gelingen der Integration eingesetzt. Daher ist die Grundakzeptanz in Schmalkalden deutlich höher als vielleicht anderswo in den neuen Bundesländern. Derzeit werden statistisch 250 Flüchtlinge in Schmalkalden ausgewiesen. Tatsächlich leben allerdings noch mehr Syrer, Iraker, Afghanen und Eritreer in Schmalkalden. Sie gehen einer Arbeit nach und haben nicht mehr den Flüchtlingsstatus.

Die Zuwanderung der Flüchtlinge hat der fremdenfeindlichen AfD in Ost und West viele Stimmen gebracht. Wie erklären Sie sich die deutlich höhere Zustimmung in den neuen Bundesländern?

Dort wählt auf Bundes- und Landesebene derzeit jeder Vierte die Rechtspopulisten ...Für die neuen Bundesländer war die plötzliche und sehr intensive Auseinandersetzung mit fremden Kulturen eine völlig neue Erfahrung. Vor der Flüchtlingskrise hatten wir eine Ausländerquote von etwa einem Prozent. Da erscheint der starke Zustrom von Flüchtlingen offenbar wie eine Bedrohung. Dies kann und soll aber Dinge wie Pegida und fremdenfeindliche Übergriffe nicht entschuldigen. Allerdings hat sich offenbar mit der AFD ein Sprachrohr gefunden, das den Ton eines Teils der ostdeutschen Menschen zu treffen scheint. Es ist Aufgabe der Politik vor Ort, mit den Menschen über ihre Ängste zu reden, und nicht nur Probleme aufzuzeigen, sondern auch Antworten zu den Lösungen zu geben. Im zweiten Punkt mangelt es leider zu oft.Der Riss zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern ist mit dem Flüchtlingsthema also größer geworden ...Ich war noch im Jahr 2015 felsenfest davon überzeugt, dass es gelingen wird, innerhalb kürzester Zeit das Ost-West-Thema aus den Köpfen der Menschen in der Bundesrepublik zu beseitigen. Damals redete man über inhaltliche Themen und nicht über Unterschiede zwischen Ost und West. Mit der Flüchtlingskrise, den unterschiedlichen Reaktionen hieraus und dem daraus resultierenden unterschiedlichen Wahlverhalten ist der Riss nicht nur größer geworden, sondern auch deutlich tiefer. Das äußerst kontrovers diskutierte Thema der Flüchtlingskrise hat uns Deutsche im Zusammenleben um Jahre zurückgeworfen.

Was sind Ihre Ziele in Schmalkalden?

Ziel der Stadtentwicklung ist es, neben der Sanierung unserer wunderschönen Fachwerkinnenstadt die Infrastruktur für ein gutes Leben unserer Bürgerinnen und Bürger in Schmalkalden zu erhalten und zum Teil neu zu schaffen. Wir sind froh über Einrichtungen wie die Hochschule Schmalkalden mit knapp 3000 Studenten und unser Elisabeth-Klinikum, ein Kreis-Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung. Dennoch verzeichnen wir gerade in der medizinischen Versorgung Lücken, die in den alten Bundesländern nicht existieren.

Wie halten Sie junge Familien in der Stadt?

Die wirtschaftliche Entwicklung muss dazu genutzt werden, attraktive Jobs mit guter, im besten Fall überdurchschnittlicher Vergütung zu schaffen. Junge Familien erleben heute schon ein umfassendes und qualitativ sehr hochwertiges Betreuungsangebot im Kindergarten, der Grundschule und in den weiterführenden Schulen hier in Schmalkalden. Erklärtes Ziel ist es, eine stabile Bevölkerungsentwicklung in den nächsten Jahren bei ausgewogener Alterspyramide zu erreichen. Statistisch lassen sich solche Tendenzen mittlerweile ablesen.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wohin führt die Entwicklung? Was muss sich ändern? Und was ist jetzt schon gut?

Wir sollten einander besser zuhören und nicht nur über die Probleme, sondern auch über Erfolge sprechen. Was mich stört: Viele überregionale Medien machen Stimmung gegen den Osten. Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten im Osten. Die müssen auch erzählt werden.

Waiblingen/Schmalkalden. Herbst 1989. Es brodelt in der DDR. Montagsdemos und Massenfluchten lassen sich nicht mehr ignorieren, das Regime ist unter Druck. Am Abend des 9. November 1989 gehen die deutsch-deutschen Grenzen auf. 30 Jahre später ist die Mauer Geschichte, die Wiedervereinigung längst vollzogen. Doch wie fühlen sich die Menschen heute? Ein Gespräch mit Thomas Kaminski, dem Bürgermeister von Schmalkalden. Die thüringische Stadt ist mit Waiblingen seit der Wende offiziell

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