Waiblingen

96-Jährige Opfer falscher Polizisten

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Symbolbild. © Sarah Utz

Waiblingen. War er nur ein Kurier? Oder war er Teil der Bande, die sich als Polizisten ausgeben, um alte Menschen um ihr Geld zu bringen? Diese Frage konnte letztlich nicht geklärt werden. Am Ende hat das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Michael Kirbach einen 25-Jährigen wegen Beihilfe zu Betrug für drei Jahre ins Gefängnis geschickt. „Sie waren bereit, Geld zu transportieren, egal ob aus Drogen, Betrug oder Schwarzgeld“, sagte Kirbach. Der Angeklagte habe seinen Hintermännern die Beute gesichert und sei mitverantwortlich für die Folgen für sein Opfer.

Eine 96-jährige Frau in Fellbach bekommt von einer angeblichen Polizistin einen Anruf. Bei einer Einbrecherbande sei ein Zettel mit ihrer Adresse gefunden worden, sie selbst sei in Gefahr. Dann meldet sich ein weiterer angeblicher Polizist, ein netter Herr Walter, der ihr verspricht, sich um sie „wie um seine eigene Mutter zu kümmern“. Allerdings dürfe sie mit niemandem darüber reden, auch nicht mit ihrem Sohn, um nicht die Arbeit der Polizei zu gefährden. Über mehrere Tage wird die alte Dame von den angeblichen Polizisten – teils stündlich – angerufen, der Druck auf sie immer stärker. Bis man ihr irgendwann sagt, sie sei jetzt in höchster Gefahr: Die Polizei habe zwei Einbrecher festgenommen, einer habe aber entkommen können. Um ihre Wertsachen zu sichern, hebt die 96-Jährige ihr Geld ab, packt es mit Gold und Schmuck in eine Tasche und stellt nach telefonischer Anweisung alles vor die Tür. Eine Tasche mit einem Wert von fast 260 000 Euro. Als die Tasche abgeholt wird, schlägt die echte Polizei zu, die nach einem Hinweis rasch reagiert hat. Der Kurier wird überwältigt und festgenommen.

Vorstrafe wegen schweren Raubs und räuberischer Erpressung

Fünf Monate später sitzt der Kurier nun vor dem Waiblinger Amtsgericht, hinten im Saal seine ganze Familie nebst Verlobter. Adrett gekleidet, im weißen Hemd, mit Krawatte und dunkelblauem Pullover, sitzt Bülent M. (alle Name geändert) zwischen gleich zwei Verteidigern. Ein bisschen pummelig, die Haare sauber zurückgegelt, macht der 25-jährige Deutsche mit Migrationshintergrund den Eindruck eines freundlichen Schwiegersohns. Dabei wurde er bereits 2013 für schweren Raub mit gefährlicher Körperverletzung und schwerer räuberischer Erpressung verurteilt, später wegen gemeinschaftlichen Diebstahls und unerlaubten Besitzes einer Schusswaffe. 2011 musste er die Schule vor dem Fachabitur wegen zu schlechter Noten verlassen, er arbeitete kurz im Bauunternehmen seines Vaters auf Baustellen, bis er sich dann überlegte, dass die Arbeit doch sehr anstrengend sei, wie er dem Schöffengericht erzählt. Im Unternehmen seines Onkels findet er einen neuen Job, dieses Mal in der Logistik, wo er für die Prüfung der Ladungssicherung und für die Einweisung der Fahrer zuständig ist. 1100 Euro netto hat er monatlich - das große Geld ist damit offenbar nicht zu holen.

Der Angeklagte hoffte auf schnellen Geldsegen

Auf schnellen Geldsegen hofft er, als er in einer Shisha-Bar Hassan K. kennenlernt und sich von ihm für einen angeblichen Geldtransport anheuern lässt. Er habe angenommen, es gehe um Geld von Leuten, die ihr Geld ohne Banküberweisung in die Türkei transferieren wollen, beteuert Bülent M. immer wieder. Fürs Abholen des Geldes seien ihm, der zu dieser Zeit gar keinen Führerschein hatte, 500 Euro versprochen worden. Staatsanwältin und Richter haben große Zweifel an der Geschichte.

Über ein Handy, das er von Hassan K. bekommen hatte, wurde er auf seiner Fahrt von Hanau nach Fellbach minuziös instruiert. Hassan K. habe ihm nur das Telefon gegeben und die Postleitzahl von Fellbach genannt. „Die Straße sollten mir meine Auftraggeber nennen“, so der Angeklagte. Kurz vor Fellbach hielt er auf Anweisung an, um zu warten, bis „die Jungs das Geld bereit“ hätten. Auf einem Spielplatz habe er eine Zigarette geraucht, dann sein Auto 300 Meter von der angegebenen Adresse entfernt geparkt. Als eine alte Frau die Tasche rausstellte, sei er sehr irritiert gewesen. Bülent M. nahm die Tasche trotzdem, - und wurde sofort verhaftet. Erst bei der Polizei, beteuert er, habe er von den falschen Polizisten erfahren.

Die alte Frau hat ihr Vertrauen in ihre Sicherheit verloren

Was der 25-Jährige wusste und was er nun vorschiebt, über diese Frage gibt es vor dem Amtsgericht auch nach Stunden keine Sicherheit. Was für seine Verteidiger durchaus glaubhaft klingt, ist für die Staatsanwältin ein schlechter Witz. „Sie wollen sagen, Sie haben erst am Schluss bemerkt, dass es um eine Frau ging? Wollen Sie uns für blöd verkaufen?“, fragt sie mit Bezug auf dem Gericht vorliegende Telefongespräche. Dass die Sache illegal war, müsse ihm schon wegen des konspirativen Ablaufs klar gewesen sein, hält ihm Richter Kirbach entgegen. Es sei klar gewesen, dass es um etwas Kriminelles ging: „Die Geschichte mit dem Geldtransfer ist dem Bereich der Märchen zuzuordnen.“ Dafür habe es den Aufwand nicht gebraucht.

Während beide Verteidiger darauf pochen, dass die Angaben ihres Mandanten nicht widerlegt werden könnten, weist es die Staatsanwältin als völlig lebensfremd zurück, dass er nichts gewusst und nichts gefragt haben will. Am Ende wird er vom Schöffengericht wegen Beihilfe zu Betrug und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Dass er geständig war, habe zu seinen Gunsten gesprochen, so Kirbach. „Aber Ihr Tatbeitrag und Ihre kriminelle Energie waren nicht gering.“ Auch für die psychischen Folgen, unter denen die 96-Jährige leidet, sei er mitverantwortlich. Nach Angaben der ermittelnden Beamtin hat die alte Frau, die vor der Tat noch fit war und Fahrrad fuhr, keinen Lebensmut mehr. Aus dem Haus geht sie nicht mehr. Und das Vertrauen in ihre Sicherheit hat sie gänzlich verloren.


Hintermänner agieren von der Türkei aus

Auf den Betrugsfall in Fellbach wurde die Polizei durch einen Hinweis aufmerksam. Die Hintermänner standen nicht vor dem Amtsgericht. Mittlerweile ist aber auch einer der Haupttäter verhaftet worden: Der Mann, der Bülent M. angeworben hat. „Er sitzt für andere Taten in Haft“, sagte Richter Michael Kirbach. Die Verfahren seien getrennt worden.

Nach Angaben des Richters agiert die Tätergruppe von der Türkei aus. „Von dort aus werden die Anrufe getätigt und ältere Bürger in Angst und Schrecken versetzt, so dass sie ihr Vermögen preisgeben.“ Danach würden „Läufer“ wie Bülent K. in marsch gesetzt. Was die Läufer im Einzelfalle wissen, sei nicht bekannt.

Betrugsfälle mit angeblichen Polizisten haben nach Angaben der ermittelnden Polizeibeamtin massiv zugenommen. Zum materiellen Schaden, der im Schnitt zwischen 20 000 und 50 000 Euro liege, kommt der seelische Schaden der Opfer. Die Betrüger spielten ganz bewusst mit dem Wertesystem der älteren Menschen, die in die Polizei ein großes Vertrauen setzten.

Inzwischen hätten die Beamten aber zunehmend Probleme mit misstrauisch gewordenen Bürgern: Die 96-jährige Dame habe erst überzeugt werden müssen, dass sie es nun mit der richtigen Polizei zu tun habe.