Waiblingen

Abschied: Frieder Bayer geht nach Sansibar

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Frieder Bayer, ein Grüner aus tiefstem Herzen, hört im Gemeinderat auf. © Ralph Steinemann

Waiblingen. Er ist kein Lauter im Gemeinderat. Keiner, der andere attackiert, aus Prinzip insistiert und endlos lang wiederholt, was andere längst gesagt haben. Wenn sich Frieder Bayer zu Wort meldet, hat er was zu sagen – und weiß, wovon er spricht. Fast zehn Jahre saß er für die ALi im Rat, jetzt ist Schluss. Im Herbst geht er für drei Monate nach Sansibar, in den Rat kehrt er nicht zurück. „Ich hätte weitermachen können“, sagt Bayer bedächtig-knitz: „Aber man muss auch anderen eine Chance auf diese Erfahrung geben.“

Im Video: Frieder Bayer aus Waiblingen geht für drei Monate nach Sansibar.

Eigentlich hat Frieder Bayer (60) schon immer Politik gemacht. Als Jüngster von vier Brüdern hörte er mit viel Interesse zu, wenn die großen Brüder mit dem Vater diskutierten. In den 70er Jahren engagierte er sich in der Jugendhausbewegung, war regelmäßig Gast in der Villa Roller in Waiblingen und in der Zehntscheuer in Beutelsbach und später fünf Jahre Sprecher des Dachverbands der Jugendzentren. „Da bin ich viel rumgekommen“, erinnert er sich. Schade, dass er neulich keine Zeit hatte, als der Kernener Gemeinderat Ebbe Kögel zum 40. Jahrestag der Stettener Hausbesetzung lud: „Da konnte ich nicht“, sagt Bayer. „Da hatte ich Aufsichtsratssitzung der Stadtwerke.“

Ganz bürgerlich ist er nie geworden

Was für ein Aufstieg. Vom Jugendhaus-Revoluzzer in den Aufsichtsrat: Wär’s ein anderer als Frieder Bayer – der Hüne mit dem wilden Bart, den Birkenstocklatschen und den riesigen selbst gestrickten Pullovern – man könnte auf die Idee gekommen, da habe sich einer über die Jahre zum Bourgeois entwickelt. „Nein, ich bin noch nicht ganz bürgerlich“ geworden“, versichert Frieder Bayer, aber betonen müsste er das eigentlich nicht. Talauenbeweidung, Jugendfarm, grünes Klassenzimmer: Er ist und bleibt ein Öko. Konsequent ist auch sein neues Projekt, dem er sich ab November verschrieben hat: Auf der Insel Sansibar wird er Aktionen und Projekte mit Permakultur, Recycling und einem grünen Klassenzimmer auf die Beine stellen.

Sein „Sozialprojekt“

Frieder Bayer, der Grüne aus tiefstem Herzen, hat die Natur für sich schon früh entdeckt. Er machte eine Lehre als Landschaftsgärtner, schloss die Technikerschule ab und machte sich Mitte der 80er Jahre selbstständig. Sein Traum war ein Kollektivbetrieb. Im Remstal habe er dafür aber keine Mitstreiter gefunden, bedauert er. Eine Zeit lang lebte und arbeitete er auf dem alternativen Finkenhof im Allgäu, bis es ihn zurück ins Remstal zog. Er startete das, was er heute sein „Sozialprojekt“ nennt: ein gemeinsames Unternehmen mit Drogenabhängigen. Acht Jahre hielt er durch, bis sie an ihre „finanziellen Grenzen“ stießen, wie er es rückblickend formuliert.

Ideen werden vom Alltag gefressen

1983 trat Frieder Bayer bei den Grünen ein. Jahr für Jahr kandidierte er ruhig und beharrlich für den Kreistag. Gewählt wurde er nicht, statt seiner saßen zuerst Siggi Bayer und dann Alfonso Fazio im Kreistag. Dann kandidierte er auf der Alternativen Liste für den Gemeinderat und rückte 2008 für Hanne Schnabel ins Gremium nach. Viel Zeit verbracht hat er seitdem mit Sitzungen und Satzungen, Diskussionen und Disputen, Abstimmen und Abnicken. Und festgestellt, dass man „mit brutal vielen Ideen startet, irgendwann aber vom Alltag im Gemeinderat aufgefressen wird“. Ob man von innen oder von außen mehr bewegen kann, darüber hat er neulich auch lange mit Ebbe Kögel diskutiert. Viel zu alt findet er das Gremium, das doch eigentlich ein Querschnitt der Bevölkerung sein sollte. „Das Problem ist, wir sind nicht nur an Lebensalter alt, sondern auch, weil man zu lange drin sitzt“, analysiert er. Nicht immer war er auch mit seiner eigenen Fraktion ganz einer Meinung. So gefiel ihm schon von Berufs wegen die Idee eines grünen Hochhauses, wie er zumindest anfangs auch ein Befürworter der Remstal-Gartenschau war. Heute bedauert er, dass nichts wirklich Verbindendes entstanden sei, sondern 16 Einzelschauen. Die Gartenschau in Schwäbisch Gmünd sei so erfolgreich gewesen, weil’s eine Mitmach-Schau war, findet er: „Das hat man nicht rübergebracht.“

Bayer fühlte sich ausgebrannt

Flächensuchlauf, Kindergartengebühren, Kunstlichtung, dazu seine Mitgliedschaft bei der IHK-Vollversammlung: Die Arbeit empfand er mehr und mehr als Belastung. Bis er sich im vergangenen Jahr total ausgebrannt gefühlt habe. Nicht nur wegen der drei Monate in Sansibar gibt er sein Mandat ab, sondern auch weil er „den Kopf wieder frei haben wollte für was Neues“. Was könnte da besser sein als ein Projekt auf der Trauminsel Sansibar vor Tansania, zumal er sich freut, dass ALi-Frau Iris Förster seine Nachfolgerin wird. Was er ihr wünscht? „Dass sie es schafft, das umzusetzen, was sie sich vorgenommen hat“, sagt er vergnügt. „Gute Nerven. Und Humor. Damit lebt es sich leichter.“

Lob und Dank im Planungsausschuss

Viel Dank und lobende Worte an den scheidenden Frieder Bayer gab’s in seiner letzten Sitzung im Ausschuss für Planung, Technik und Umwelt (PTU).

„Ich war froh, dass ich ihn neben mir hatte.“ Alfonso Fazio (ALi)

„Wenn Herr Bayer was sagt, ist es was Überlegtes. Er hat den Schalk im Nacken. Jetzt haben wir dafür nur noch Herrn Fessmann. Herr Bayer geht nach Sansibar. Das muss wunderschön sein.“ Baubürgermeisterin Birgit Priebe

„Ihre fundierte und sachliche Art hat mir gefallen. Kommen Sie gesund und munter zurück.“ Siegfried Kasper (CDU)

„Ich bin gespannt, wer in Zukunft nach dem energetischen Konzept fragt.“ Sabine Wörner (SPD)

„Er war ein Freund der Streuobstwiesen. Zu grünen Dächern hatte er ein fundiertes Wissen.“ Bernd Mergenthaler (FDP)

„Für mich ist es von ihm schon der dritte Abschied: Als Nachbar, im Ortschaftsrat und im Gemeinderat.“ Matthias Kuhnle (DFB)

„Ich habe noch nie so viel über Ökologie gehört wie von Ihnen. Ich habe viel gelernt. Mir tut es echt leid, dass Sie gehen.“ Christel Unger (SPD)

„Wenn alle so positiv über mich denken, ist jetzt der richtige Zeitpunkt zu gehen.“ Frieder Bayer.