Waiblingen

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel im Gespräch

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Alice Weidel auf der Terrasse des Waiblinger Bürgerzentrums. © Ramona Adolf

Waiblingen. Das nennt man eine harte Woche. Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD, hat erst eine Wahlsendung verlassen, bei einer anderen ist sie gleich gar nicht angetreten und dann hat es noch eine Lokalzeitung getroffen: Abbruch des Interviews. Gestern konnte sie im Waiblinger Bürgerzentrum ihrem Kandidaten-Kollegen Nicolaus Fest zuhören, der passender Weise den Medien den Kampf angesagt hat. Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr – so sei’s.

Es ist kalt in Deutschland. Seit einer halben Stunde steht sie auf der Terrasse des Bürgerzentrums Rede und Antwort. Heute ist Sonntag, die Dinge entwickeln sich freundlicher. Der SWR hat seinen Kinderreporter nach Waiblingen geschickt. Dem Minenspiel nach zu urteilen ist das das angenehmste Ausgefragtwerden seit ihrem Einstieg in den Ring. Der SWR will noch Bilder von ihr. Wie sie mit dem sehr jungen Mann die Treppen hinabsteigt. Runter zu einer Kundgebung gegen die AfD. Ein Grüpplein. Die Antifa und Rems-Murr-Nazifrei waren schon besser aufgestellt.

Ja kein Foto mit "Gesichtshänger"

Die laufenden Bilder des SWR-Fernsehens werden sicherlich viel günstiger ausfallen als das, was sie meinte, beim Gespräch mit der „Oberhessischen Presse“ erdulden zu müssen. Das Internet ist voll mit Schilderungen, wie Alice Weidel versucht habe, zwei Minuten und 14 Sekunden lang die hessischen Journalisten anzuweisen, ja kein Foto zu machen, auf dem sie wieder „einen Gesichtshänger“ hat. Das sind eben auch Sorgen.

Ein freundliches Dankeschön an den Bodyguard

Es ist kalt in Deutschland, der Personenschützer sorgt sich. Da sitzt die durchaus gebrechliche Person nur im Blazer an der frischen Luft. Mit einem dankbaren Blick wird vernommen, dass wir, die Waiblinger Presse, mit zehn Minuten Interview auszukommen gedenken. Vor der letzten Frage kommt doch noch der Mantel. Wiederum ein freundliches Dankeschön. Jetzt an den Bodyguard. Man weiß eben, was sich gehört – im direkten Umgang. Bitteschön, die Frau hat den Doktor gemacht. Auch noch mit einer Fragestellung, die viel Interesse an einer ausländischen Nation voraussetzt. Nämlich, wie es die Chinesen mit ihrem Rentensystem halten.

In sozialen Netzwerken hält sie sich "eher weniger" auf

Frau Weidel, unsere erste Frage, wie informieren Sie sich eigentlich, wenn es an diesem Tag schon um die Medien geht. Antwort: Sie versuche, sich jeden Morgen über die „Leitmedien“ einen Überblick zu verschaffen. Mittels FAZ, Welt, ausländische Zeitungen wie die Schweizer NZZ oder Financial Times. Dann schaut sie noch in den Pressespiegel, den ihre Partei zusammenstellt. Auf Online-Seiten und in Netzwerken halte sie sich „eher weniger“ auf. Die Huffingtonpost etwa, die ihr „Pressehass“ vorwirft und sich jetzt auch beteiligt an einem Raunen über eine endgültig unsägliche Privatmail aus Weidels PC – die findet die Spitzenkandidatin „nicht so seriös“. Sie will sich, an diesem Sonntag, an diesem Ort, einer gemäßigten Sprechweise bedienen.

"Letzte Woche war wirklich turbulent"

Es ist ja auch zum Barmen. Warum tut sie sich das an? Sich etwa von einem Claus Strunz, Sat1-Krawallist unter den Moderatoren, vorführen zu lassen. Sat1-Seher interessiert offenbar nur das Aussehen von Politikern. Tiefer geht’s nicht. Man kann da, so betrachtet, schon einen Medienhass bekommen. Sie lacht auf ob der Frage, warum sie sich das antut. Fragt sie sich das selbst? Schnell geht sie zum Startblock zurück, die professionelle Wahlkampfsportlerin. „Ich gebe ja zu, letzte Woche war wirklich turbulent. Und es ist keine Tendenz zu erkennen, dass sich das entspannen sollte.“ Wie auch, bei den letzten Nachrichten aus den Tiefen des Netzes. Aber, erstens wisse sie, „was ich da mache“. Zweitens komme hinzu, „dass mir das Spaß macht“. Ist das wirklich so? Bei all den Verhetzungen und Verletzungen, hüben wie drüben? Das hat ja masochistische Züge. Ja, sagt sie, „ich musste schon lernen, damit umzugehen.“ Früher habe sie sich über „jede doppeldeutige Andeutung geärgert.“ Man müsse es so sehen: „Als Spitzenkandidatin muss man sich auf alles gefasst machen.“

Mit Slomka habe es die richtige getroffen

Wird bei ihr das Mikro heruntergedimmt? Marietta Slomka, die Fragenstellerin des ZDF, muss jetzt damit leben, von Alice Weidel als frech und grünrot unterwandert bezeichnet zu werden. Wir sind bei der Skandalsendung „Wie geht es Deutschland“. Frage, ob sie nicht viel eher gegen den impertinenten Herrn Scheuer von der CSU hätte losgehen müssen, hernach. Und nicht eine Erklärung loslassen kurz drauf gegen Slomka, die viele als bereits vorab formuliert ansehen. Nein, es habe schon die Richtige getroffen. Slomka sei mit Fragen bei ihr ständig dazwischengegangen, habe sie unterbrochen. Ja, bei der AfD war man sich hernach einig, dass Weidels Mikrofon gar heruntergedimmt war. „Sachlich auseinandersetzen“, das wünscht sie sich, das verlangt sie. Man fragt sich: Wer fängt an?


Freiheit nimmt ab

In der Einladung zur Wahlkampfveranstaltung kündigte AfD-Kandidat Jürgen Braun den Redner Nicolaus Fest, Sohn des Ex-FAZ-Herausgebers Joachim Fest an. Fest werde sich der „seit einigen Jahren abnehmenden Meinungsfreiheit in Deutschland widmen.“ Diese Freiheit sei „besonders gefährdet durch die zunehmende Islamisierung“. Was? Bestimmen jetzt schon die Imame, was in unseren Zeitungen steht? Alice Weidel findet den Vorwurf nicht abwegig. Man müsse nur schauen, wie die ARD mit dem Libanesen und Islam-Kritiker Imad Karim umspringe.