Waiblingen

Alleinerziehend – aber nicht allein

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Ein zukunftsfrohes Team (von links): Silas Steinhilber und Ina Dluhosch vom Beratungscenter für Alleinerziehende, die Kursabsolventinnen Carmela D’Aloja und Arda Bardajian und Gunnar Schwab und Alfred Huber vom Jobcenter. © Gabriel Habermann / ZVW

Waiblingen. Als alleinerziehende Mutter nach Jahren zu Hause wieder ins Berufsleben zurückzufinden, ist oft verzweifelt schwierig. Umso bemerkenswerter sind die Erfolgs- und Ermutigungsgeschichten aus dem „Beratungscenter für Erziehende“ in Waiblingen.

Ich war zwölf Jahre zu Hause, alleinerziehend mit zwei Kindern. Nur daheim sitzen und vom Staat abhängig sein, das ist gar nichts. Ich wollte einfach raus! Aber ich wusste nicht, wie ich das schaffen soll. Dann hat mich das Jobcenter in diesen Kurs vermittelt. Ich bin gelernte Friseurin. Zunächst hatte ich Angst: Es gibt neue Haarschnitte, muss ich da nicht alles von Anfang an wieder lernen? Es ging alles durcheinander in mir. Aber irgendwann machte es Klick: Okay, ich probiere es. Ich machte erst ein Praktikum, weil ich unsicher war. Nach drei Wochen wusste ich: Das ist meines. Ich schaffe es – ich will! Ich habe jetzt eine Arbeitsstelle in Schorndorf. Meine Kinder sind 13 und 9, es läuft wunderbar, morgens, wenn ich arbeite, sind sie in der Kernzeit. Der Große hat gesagt: Mama, find ich super, dass du wieder arbeiten gehst! Ich bin froh, dass ich nicht abhängig bin, sondern mein Geld mit Stolz verdienen kann. Eines Tages gab mir meine Chefin den Ladenschlüssel, sie ging in Urlaub und sagte: Du bist jetzt zweite Chefin. Ich war sprachlos: Dieses Vertrauen macht mich stolz.

Alleinerziehende Frauen tun jahrelang nichts für sich selbst, nur für andere

So weit die Geschichte von Carmela D’Aloja, sie hat im „Beratungscenter für Erziehende“ der Firma „team training“ einen Kurs durchlaufen, die Maßnahme wird vom Jobcenter finanziert. Was Carmela D’Aloja beschreibt, ist typisch: Frauen wie sie, die, auf sich allein gestellt, jahraus, jahrein um das Glück ihrer Kinder kämpfen, sind wohl keine Stunde lang ohne Arbeit, es gibt dauernd viel zu tun – aber im alles am Marktwert messenden Jargon unserer Gesellschaft gelten sie als „arbeitslos“; sie gehen ja keiner Erwerbstätigkeit nach. Ina Dluhosch, Projektleiterin des „Beratungscenters“: „Wir erleben Teilnehmerinnen, die jahrelang nichts für sich selber getan haben“, sich förmlich aufrieben für ihre Kinder – und gleichwohl mit Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen rangen. Noch eine Geschichte: Arda Bardajian . . .

Ich war ganz, ganz unten, als ich in diesen Kurs kam, verzweifelt: alleinstehend, mit drei Kindern, das älteste ist mittlerweile 19. Ich war 17 Jahre lang arbeitslos. Andere sind täglich mit neuen Menschen zusammen, dir kommt die Decke entgegen. Du bekommst keine Anregungen von außen, bist ständig am Kämpfen. Ich fühlte mich abgeschnitten und spürte, was manche denken: Sie ist 17 Jahre nur Hausfrau, hat nix gemacht – ist sie faul?! Anfangs im Kurs dachte ich: Muss das unbedingt sein, dass ich hier meine Privatsorgen erzähle? Aber dann merkte ich: Aha, ich bin nicht alleine – die neben mir sitzt, hat die gleichen Probleme! Es tut gut, sich auszutauschen. Ich stand morgens mit Vorfreude auf: Gleich sehe ich die Freundinnen! Ich bin gelernte Bürokauffrau. Mittlerweile habe ich ein Praktikum gemacht und ein gutes Zeugnis bekommen. Jetzt bewerbe ich mich.

Auf zwei Säulen ruht das Programm, erklärt Ina Dluhosch. Erstens: Jede Teilnehmerin erhält etwa eine Stunde pro Woche Einzelberatung, alle Probleme, die gerade anstehen, werden durchgesprochen und angepackt, von Schuldenlasten über Sorgerechtsfragen bis zu Berufsperspektiven.

Zweitens: An drei Vormittagen die Woche treffen sich die Teilnehmerinnen zu Workshops. Bewerbungstraining und Computerschulungen gehören dazu, erörtert werden aber auch juristische, gesundheitliche, lebenspraktische Fragen: Wie ernähre ich mich richtig? Welche Entspannungstechniken helfen mir? Welche Rechte habe ich als Teilzeitkraft? Welche Versicherungen brauche ich? Wie kann ich im Haushalt sparen?

Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen hat schon Arbeit gefunden

Die Abbrecherinnenquote in diesem auf maximal ein Jahr angelegten Kurs liegt unter 20 Prozent – und von den 51 Frauen, die das Programm bislang absolviert haben, hat mehr als die Hälfte mittlerweile Arbeit gefunden. Gunnar Schwab, Geschäftsführer des Jobcenters Rems-Murr, erklärt sich diese bemerkenswerten Erfolgszahlen so: Alleinerziehende haben „zu Hause schon ziemlich viel zu stemmen“ gelernt und legen eine „sehr hohe Motivation“ an den Tag. Ihre Lage ist oft prekär: Sie sind hohen Gesundheits- und Armutsrisiken ausgesetzt. Aber sie bringen auch ungewöhnliche Kräfte und reiche Erfahrungen mit in Sachen Zeitmanagement, Alltagsorganisation, Lebenskompetenz.

Eine letzte Geschichte:

Als Hausfrau und alleinerziehende Mutter gilt man als jemand, der nur nimmt, nur Geld kostet – dieses Stigma bekommt man zurückgespiegelt: Warum bist du zu Hause? Warum hast du keine Arbeit? Als ich den Kurs begann, war meine Tochter gerade drei geworden. Ich wollte nicht ständig vom Staat abhängen. Ich habe einen Hochschulabschluss, aber als Kulturwissenschaftlerin kann man alles und nichts. Museum? Unterrichten? Übersetzerin? Ich hatte ganz viele Ideen und verzettelte mich ein bisschen. Die Einzelberatung war deshalb sehr wichtig. Als Alleinerziehende trägt man unglaubliche Verantwortung – und nun hatte ich jemanden, der ein bisschen von der Verantwortung mitträgt, und sei es nur durch Zuhören: Am Anfang habe ich mir einfach nur den Frust von der Seele geredet. Ich arbeite jetzt in der Verwaltung für eine Schule, ich mache Öffentlichkeitsarbeit und Prüfungsaufsicht. Und der Ganztageskindergarten ist direkt daneben.


Das Beratungscenter für Alleinerziehende in Waiblingen gibt es seit Januar 2015, seit einem halben Jahr ist die „ttg team training GmbH“ auch in Schorndorf mit so einem Angebot präsent. Die ttg arbeitet eng mit den Arbeitsvermittlerinnen und -vermittlern des Jobcenters Rems-Murr-Kreis zusammen. Ein Kernsatz aus der Info-Broschüre des Beratungscenters: „(Allein-)Erziehende haben Fähigkeiten und Erfahrungen, die am Arbeitsmarkt gesucht sind!“ Der Kurs dauert regulär zwölf Monate, kann aber vorzeitig abgebrochen werden, wenn es früher gelingt, Arbeit zu finden.

Die ttg team training Gmbh wurde 1997 in Reutlingen gegründet und hat 60 Mitarbeitende an elf Standorten.