Waiblingen

Als die Zeitung "Intelligenzblatt" hieß: Uralte Ausgaben digital lesbar für alle

Kreisarchivar
Kreisarchivar Andreas Okonnek hat alte Zeitungen aus dem Gebiet des heutigen Rems-Murr-Kreises bis 1900 digitalisiert – unter anderem auch den Vorgänger der Waiblinger Kreiszeitung. Dieser nannte sich erst Intelligenz-Blatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen und Umgebung, später dann Remstalbote. Zugänglich sind die alten Zeitungen unter www.historischezeitungen-rmk.de. © Alexandra Palmizi

Als die Waiblinger Kreiszeitung noch Intelligenz-Blatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen und Umgebung hieß, regierten in Württemberg Könige – und Auswanderer mussten ihre Pläne in der Zeitung bekanntgeben. Im 19. Jahrhundert war Württemberg ein Armenhaus, viele zog es daher nach Amerika. Zehn bis 14 Tage hatten Gläubiger damals Zeit, nach der Bekanntmachung in der Zeitung ihre Schulden bei der Person einzutreiben, bevor diese das Königreich verließ. „Die Auswanderung nach Baden war damals auch eine Auswanderung“, sagt Kreisarchivar Andreas Okonnek und lacht. Rund 32 000 Zeitungen aus dem Gebiet des heutigen Rems-Murr-Kreises hat er digitalisieren lassen – und dabei vieles entdeckt, was für Heimatforscher, Vereine, Firmen oder den Geschichtsunterricht an Schulen interessant sein könnte.

Wohlerzogener Bäcker-Lehrling gesucht

Unter www.historischezeitungen-rmk.de sind Zeitungen von 1832 bis 1900 digitalisiert. Es sind die Vorgänger der Waiblinger Kreiszeitung, der Welzheimer Zeitung, der Winnender Zeitung, der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung. Einzig die Schorndorfer Nachrichten fehlen noch. Das, sagt Andreas Okonnek, soll aber bis nächstes Jahr nachgeholt werden. Vom sogenannten Amts- und Intelligenzblatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen und Umgebung sind die Ausgaben von 1839 bis 1842 digital vorhanden, vom Intelligenzblatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen und Winnenden die Ausgaben von 1843 bis 1850 und vom Intelligenzblatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen die Ausgaben von 1851 bis 1872. Danach hieß die Zeitung Remstalbote, hier sind Ausgaben von 1873 bis 1899 online verfügbar.

Auch Stellenanzeigen gab es schon

Der Name Intelligenzblatt bedeutete allerdings nicht, dass die Leserschaft überdurchschnittlich gebildet war. Intelligenz kommt vom lateinischen Wort „intellegere“, was so viel wie „verstehen“ bedeutet. „Es war für jedermann bestimmt, jedermann konnte annoncieren“, erläutert der Kreisarchivar. Am Anfang umfassten die Zeitungen nur drei bis vier Seiten, auch war das Format kleiner als bei der heutigen Waiblinger Kreiszeitung. Wer Brennholz oder Lebensmittel zu verkaufen hatte, gab damals genauso eine Anzeige auf wie der Wirt, der seinen Gasthof veräußern wollte. Auch Stellenanzeigen gab es schon – allerdings waren die aus heutiger Sicht eher ungewöhnlich formuliert. Am 8. Februar 1862 wird in der Waiblinger Kreiszeitung für das Bäcker-Handwerk ein wohlerzogener Lehrling von ordentlichen Eltern gesucht – mehr verrät die Stellenbeschreibung nicht.

Hochzeitseinladungen und Aufrufe zum Sport

Ein verlorener rechter Handschuh, der gesucht wird, ist in der Waiblinger Kreiszeitung vom 28. Januar 1862 genauso ein Thema wie ein paar Tage später die Waisenvermittlung (Ausgabe vom 1. Februar 1862). Die Zeitung schreibt über Fahrpläne von Eisenbahnen, Lebensmittelpreise, Hochzeitseinladungen oder Aufrufe zum gemeinsamen Sport. Wer im Kriegsfall eingezogen wird, darüber wird etwa im Fall des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 berichtet – und zwar unter Nennung der Namen. Ob das jeder Betroffene toll fand, ist eine andere Frage.

Orient-Reisender schwärmt von seinem Opium-Rausch

Die große Weltpolitik taucht trotz aller lokalen Nachrichten immer wieder auf, von Kriegen bis zur Entdeckung von Erdölquellen in den USA. Und auch bunte Themen schaffen es ins Blatt – mit bisweilen skurrilem Ansatz: Im Murrtalboten vom 27. März 1840 wird doch tatsächlich ein Drogen-Selbsterfahrungsbericht abgedruckt, in dem ein Reisender von seinem Opiumrausch im Orient („Morgenland“) schwärmt und diesen gleichzeitig positiv vom Alkoholrausch abhebt. Während der Betrunkene am Toben und Lärmen eine Freude habe, suche der andere Ruhe und Einsamkeit, heißt es in dem Text. Wer heute harte Drogen in einer Zeitung derart verharmlost, würde vermutlich einen gewaltigen Protest bei Lesern auslösen.

Kurioses gibt es auch im Intelligenzblatt vom 28. Juni 1851 zu finden. Gerichtsnotar Knecht beklagt darin eine aus seiner Sicht üble Angewohnheit mancher Bürger: Diese würden ohne Rock oder Wams in bloßen Hemdsärmeln, mit der Arbeitsschürze oder auf eine andere Weise „ungebührend auf dem Amtszimmer erscheinen“.

Warum wurden nicht die Zeitungen bis 1945 digitalisiert?

Mancher wird sich fragen, warum bislang nur Zeitungen bis 1900 digitalisiert wurden. Schließlich fehlen so der Erste und Zweite Weltkrieg. Andreas Okonnek kann diesen Einwand verstehen und betont, dass in den nächsten Jahren auch die Ausgaben bis 1945 digitalisiert werden sollen. Da im 20. Jahrhundert die Zeitungen zunehmend dicker wurden, ist dies mit einem höheren Aufwand verbunden – zeitlich und auch von den Kosten. Dass bislang die Ausgaben bis 1900 nun online verfügbar sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Möglich wurde dies nur durch Gelder der Kreissparkassenstiftung und der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung.

Für alle Nutzer kostenlos

Wer aber denkt, dass das 19. Jahrhundert aus heutiger Sicht uninteressant sei, der verkennt die Lage. Es gab Auswanderungswellen nach Russland, Südosteuropa und Nordamerika. Württemberg wandelte sich in jener Zeit vom Armenhaus zum Industriestandort, was sich auch am Ausbau der Eisenbahn zeigt – wie etwa der Rems- und Murrbahn. Deutschland wurde nach Jahrhunderten der Kleinstaaterei zum Nationalstaat – und auf lokaler Ebene wurden viele Vereine gegründet. Bei wem nun bald ein Vereinsjubiläum ansteht, der kann nun dank der digitalisierten Zeitungen bequem von zuhause aus Infos für seine Festschrift erhalten – in Coronazeiten durchaus ein Vorteil. Und alles ist für den Nutzer völlig kostenlos.

Wer allerdings kein genaues Datum zu seiner Vereinsgründung hat, muss mehrere Zeitungen durcharbeiten. Eine Stichwortsuche, bei der einfach nur ein Wort eingegeben werden muss, damit eine Suchmaschine ein Ergebnis ausspucken kann, gibt es nicht. Das, gibt Kreisarchivar Andreas Okonnek zu, wäre doppelt so teuer geworden – allerdings könne diese Funktion im Nachhinein noch nachgerüstet werden.

Als die Waiblinger Kreiszeitung noch Intelligenz-Blatt für den Oberamtsbezirk Waiblingen und Umgebung hieß, regierten in Württemberg Könige – und Auswanderer mussten ihre Pläne in der Zeitung bekanntgeben. Im 19. Jahrhundert war Württemberg ein Armenhaus, viele zog es daher nach Amerika. Zehn bis 14 Tage hatten Gläubiger damals Zeit, nach der Bekanntmachung in der Zeitung ihre Schulden bei der Person einzutreiben, bevor diese das Königreich verließ. „Die Auswanderung nach Baden war damals

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