Waiblingen

Amtsgericht: Freispruch in Verfahren um Kinderpornografie

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Ein Mann aus Kernen ist am Amtsgericht vom Vorwurf freigesprochen worden, ein kinderpornografisches Video im Internet verbreitet zu haben. Ein weiterer, jugendpornografischer Clip, den die Polizei bei einer Hausdurchsuchung gefunden hatte, konnte dem 55-Jährigen nicht zugeordnet werden.

Dass die Beweise nicht für eine Verurteilung des Angeklagten ausreichen würden, zeichnete sich früh ab in der eineinhalbstündigen Verhandlung. Der Mann bestritt die Vorwürfe vehement: erstens einen Kinderpornoclip heruntergeladen und im Netz bereitgestellt zu haben; und zweitens, bewusst im Besitz eines weiteren, jugendpornografischen Videos gewesen zu sein.

Der Kinderporno, der über die IP-Adresse seines Anschlusses heruntergeladen worden war, konnte nicht bei ihm gefunden werden. Der jugendpornografische Clip, der einen Mann beim Sex mit einer circa 15-Jährigen zeigt, wurde im gelöschten Bereich einer Festplatte im Haus des Mannes gefunden. Beides konnte dem 55-Jährigen nicht ohne Zweifel zugeordnet werden.

Angeklagter hat einen Verdacht

Der Familienvater verweigerte Aussagen zur Sache. Er ließ aber seinen Verteidiger eine Stellungnahme verlesen, in der er die Vorwürfe zurückwies und – besonders brisant – andeutete, ein Mitglied seiner Familie im Verdacht zu haben. „Er hat eine Vermutung, wer’s gewesen ist, möchte dazu aber nix sagen, weil es in den familiären Bereich geht“, so sein Verteidiger.

WLAN-Passwort weiteren Gästen bekannt 

Neben der Frau des Angeklagten lebten auch die beiden Söhne des Ehepaares im Haus. Das WLAN-Passwort sei auch weiteren Gästen bekannt gewesen. Überdies dienten IP-Adressen nur bedingt als Beweismittel, da sie auch von Hackern „entführt“ werden könnten, so der Verteidiger. Doch wie war der Mann überhaupt auf der Anklagebank gelandet?

Clip verfügte über Hash-Wert 

Der Stein kam am 31. August 2015 ins Rollen: Bei den Kriminalpolizisten des Arbeitsbereichs Internetrecherche in Stuttgart läuteten die Alarmglocken. Jemand lud über eine Tausch-Software ein Video herunter, das die Beamten zuvor als kinderpornografisch markiert hatten. Der Clip verfügte nun über eine unverwechselbare Ziffernkombination, eine Art Fingerabdruck, genannt Hash-Wert.

Software meldet der Polizei heruntergeladene Videos 

Die Beamten kennen die Hash-Werte einer Vielzahl von Kinderpornos, die im Internet kursieren. Eine Software meldet der Polizei, wenn irgendwo auf der Welt eines dieser Videos heruntergeladen und – so ist es in diesen Tauschbörsen üblich – gleichzeitig in einem freigegebenen Ordner für andere Nutzer bereitgestellt wird.

An sechs Jahre altem Mädchen vergangen 

Das Video, das am 31. August, vermutlich in Kernen, heruntergeladen wurde, zeigt zwei Frauen und einen Mann, die sich an einem etwa sechs Jahre alten Mädchen vergehen. Der Mann hat Geschlechtsverkehr mit dem Kind.

Video-Download wurde abgebrochen 

Von 19.57 Uhr bis 20.06 Uhr wurde das Missbrauchs-Video heruntergeladen, bei 86 Prozent brach es ab. Ob die Person, die es herunterlud, per Vorschau-Funktion bereits genug gesehen hatte oder den Clip ungesehen aus ihrem Freigegeben-Ordner entfernte, lässt sich nicht sagen. Für eine Anklage wegen Verbreitung von Kinderpornografie reichte die Sachlage den Beamten in Stuttgart aber aus. Sie legten der Telekom die IP-Adresse des betreffenden Anschlusses vor, bekamen Name, Straße und Hausnummer genannt und gaben die Daten ans Polizeirevier in Waiblingen weiter.

Der Arbeitsbereich Internetrecherche versteht sich als „Türöffner“ für die Ermittlungsarbeit der Polizei. Die Arbeit der Stuttgarter war nun getan. Das Polizeirevier Waiblingen übernahm.

Beamten durchsuchten Haus in Kernen 

Im Juni 2016 klingelten die Beamten an der Tür eines Reihenhauses in Kernen. Hier sollte das Video heruntergeladen worden sein. Die Frau des Angeklagten öffnete, der Mann wurde per Telefon benachrichtigt. Die Polizei durchsuchte das Haus, beschlagnahmte einige Geräte und begann mit der Auswertung.

Lediglich jugendpornografischen Clip gefunden 

Bis auf den einen jugendpornografischen Clip fanden sie nichts Verwertbares unter den vielen Tausenden Gigabytes an unverfänglichen Videos und Bildern auf den Festplatten und Servern der Familie. Wie ein Waiblinger Hauptkommissar im Zeugenstand bestätigt, kommt das selten vor. Nach entsprechenden Hinweisen beschlagnahmen die Beamten oft einschlägiges Material in rauen Mengen.

Freispruch für den Angeklagten 

Am Ende der Beweisaufnahme waren sich Staatsanwaltschaft und Richterin Dotzauer einig: Dem Mann waren die Taten nicht nachzuweisen. Auch dass keine weiteren strafrechtlich relevanten Dateien gefunden wurden, sprach klar gegen eine Verurteilung. So folgte Dotzauer dem Antrag der Verteidigung: Freispruch.