Waiblingen

Amtsgericht: Vater am Bahnhof Waiblingen verprügelt - trotzdem mildes Urteil

Amtsgericht Büze
Die Verhandlung des Schöffengerichts hat unter dem Vorsitz von Richter Martin Luippold (Mitte) im Welfensaal des Bürgerzentrums Waiblingen stattgefunden. © ZVW/Gabriel Habermann

Am Ende lag am 15. Dezember 2018 um 23.30 Uhr am Bahnhof Waiblingen ein „Wikinger“ bewusstlos und mit einer Gehirnerschütterung, Prellungen und Platzwunden im Gesicht und am Knie auf dem Bahnsteig. Mit Fausthieben, Tritten und Schlägen und mit einer Glasflasche wurde ein Ritter traktiert, selbst nachdem er zu Boden gegangen war und nur dank seines Helms vor schwereren Verletzungen verschont blieb. Vier junge Männer aus Polen, von denen einer den alarmierten Polizeibeamten fast direkt in die Arme lief, flohen mitsamt der als Beute erkämpften Wikingeraxt.

Die juristische Aufarbeitung fand nun am 19. November in der Jugendschöffensitzung des Amtsgerichts Waiblingen statt. 18 Zeugen waren zur Aufklärung in den extra dafür angemieteten Welfensaal des Bürgerzentrums geladen worden, dazu kamen zwei Mitarbeiterinnen der Jugendgerichtshilfe und eine Dolmetscherin für die polnische Sprache. Die drei Angeklagten (das Verfahren gegen den vierten beteiligten jungen Mann war bereits eingestellt worden) hatten sich allerdings nicht nur wegen der Schlägerei zu verantworten, sondern auch wegen eines Überfalls und anderer Delikte.

Die Angeklagten hatten Probleme in der Familie und in der Schule

Zwei der jungen Angeklagten sind Brüder. Sie wurden 2001 und 1999 in Polen geboren. 2011 kamen sie nach Deutschland. Die Jungen haben Schwierigkeiten in der Schule. Die Ehe der Eltern zerbricht und die Mutter kehrt nach Polen zurück, der Vater erkrankt und wird arbeitsunfähig. Das Leben des mit ihnen Angeklagten ist ähnlich verlaufen: Er ist 2001 in einem Dorf bei Krakau geboren, kommt 2014 nach Waiblingen, tut sich schwer mit dem deutschen Schulbetrieb. Einmal wird er von der Schule geworfen, ein anderes Mal scheitert er am Hauptschulabschluss. Mit dem Vater, einem Alkoholiker, hat er ebenfalls ständig Probleme. Das Bundeszentralregister weist für ihn vier Eintragungen auf: Erpressung, Sachbeschädigung, Diebstähle, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Angeklagte hatten zwischen 1,6 und 2,0 Promille Alkohol im Blut

Am 15. Dezember 2018 ist das nun angeklagte Trio in Waiblingen unterwegs und hat kräftig gefeiert. Die Alkoholkonzentration in ihrer Atemluft, so wird später ein Test ergeben, bewegt sich zwischen 1,6 und 2.0 Promille. Von Waiblingen aus wollen sie zum Weiterfeiern nach Backnang. Sie steigen in den ersten Waggon der S-Bahn direkt hinter das Triebwagenführerabteil, reden, hören laute Musik. Als der Lokführer sie ermahnt, die Musik leise zu drehen und sich zu benehmen, geraten sie mit ihm in Streit. Er fordert sie auf, den Zug zu verlassen, sie weigern sich. Daraufhin alarmiert er den Fahrdienstleiter, der wiederum die Polizei.

Opfer war zuvor auf dem Esslinger Mittelaltermarkt

Der Zug, erklärt der Triebwagenführer dem Gericht, bleibt erst einmal vorschriftsmäßig im Bahnhof stehen. An dem blockierten Zug befinden sich auch der „Ritter“, der „Wikinger“ und der damals 14-jährige Sohn des „Wikingers“. Sie waren in Esslingen auf dem Mittelaltermarkt, haben dort ebenfalls gefeiert und sind nun auf dem Heimweg. Sie bekommen den Wortwechsel, das Geschubse zwischen dem Lokführer und den jungen Männern mit. Der „Wikinger“ geht an die Tür des Wagens, in dem sich die jungen Männer befinden. Sein Sohn und sein Freund, der „Ritter“, versuchen, ihn zurückzuhalten. Dann geht alles sehr schnell, wird unübersichtlich: Der „Wikinger“ ruft in das Abteil hinein, die jungen Männer stürzen auf ihn los, schlagen und treten ihn. Als der die stumpfe Schaukampfaxt ergreift, die er am Gürtel trägt, entwaffnen ihn seine Gegner.

Als dann der „Ritter“ dazueilt und sein Schaukampfschwert zieht, kommt es zu einem kurzen Duell zwischen Schwert und Axt. Dann wird eine Glasflasche auf dem Helm des „Ritters“ zertrümmert. Er sinkt zu Boden, wird weiter mit Tritten und Schlägen traktiert, bis die Polizei eintrifft, die mittlerweile vom Fahrdienstleiter und dem vor Angst um seinen inzwischen bewusstlos zusammengebrochenen Vater völlig aufgelösten Sohn alarmiert wird.

Familienvater muss vier Tage im Krankenhaus bleiben

Die vier jungen Männer geben Fersengeld, die Schaukampfaxt nehmen sie als Beute mit, sie ist seitdem verschwunden. Der „Wikinger“ kommt nach Winnenden ins Krankenhaus, wo er vier Tage bleiben muss; anschließend ist er zwei Wochen krankgeschrieben. In der Notfallaufnahme werden nicht nur seine Verwundungen dokumentiert, sondern auch eine Blutalkoholkonzentration von 1,2 Promille.

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung

Der mit den zwei Brüdern Mitangeklagte wird nach kurzer Verfolgungsjagd in der Bahnhofsunterführung am Ausgang Richtung Ameisenbühl von der Polizei gestellt. Er versucht, sich loszureißen, die Beamten drücken ihn zu Boden, legen ihm Handschellen an. Als sie ihn in ihr Dienstfahrzeug verfrachten, macht er sich steif, tritt um sich. Dies bringt ihm eine Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter Körperverletzung ein.

Er wird auch angeklagt, am 15. Februar 2020 am Waiblinger Bahnhof einen Roller gestohlen zu haben, am 24. Juli 2020 aus einer Garage in Winnenden zwei Fahrräder. An dem Roller, der von einem Freund des Bestohlenen am Schwaikheimer Bahnhof gefunden wird, findet sich DNA des Angeklagten. Was die Fahrräder betrifft, so wird er dabei gefilmt, wie er mit einem wegfährt.

Überfall am Bahnhof Neustadt: Opfer sind zwei Jugendliche

Der letzte Anklagepunkt ist ein Überfall, der sich am 23. Mai 2020 vor dem Bahnhof in Neustadt ereignete. Gegen 19.45 Uhr sollen der jüngere der Brüder und ein weiterer Täter zwei Jugendliche, die an ihnen vorbeigegangen sind, mit Schlägen und Tritten gezwungen haben, ihnen eine Musikbox, ein Armband, eine silberne Kette, eine Umhängetasche, einen Turnbeutel und einen Geldbeutel mit rund 20 Euro Bargeld zu übergeben. Bei der Durchsuchung des Zimmers des jüngeren Bruders finden die Polizisten die Umhängetasche, geringe Mengen Marihuana, mehrere Bankkarten, 1610 Euro Bargeld, mehrere Schmuckstücke. Der Angeklagte, berichtet der Beamte des Kriminaldauerdienstes dem Gericht, habe eingeräumt, dass die Tasche von dem Überfall in Neustadt stammte.

Zwischendurch droht die Verhandlung zu platzen

Das Gericht hatte es im Verlauf dieser Marathonverhandlung, die sich mit einer kurzen Mittagspause von 9 Uhr morgens bis abends hinzog, nicht immer einfach mit der Wahrheitsfindung. Die ganze Verhandlung geriet schließlich in Gefahr zu platzen, als der Anwalt des jüngeren Bruders, Rechtsanwalt Jens Rabe, darauf hinwies, dass der wegen der Bahnhofsschlägerei angeklagte ältere Bruder nicht durch einen Rechtsanwalt vertreten sei, obwohl dies gemäß Paragraf 140.1 der Strafprozessordnung für Schöffengerichte zwingend gefordert werde.

Gemeinsam umschifften Anwälte, Staatsanwältin und Gericht diese Klippe, indem das Verfahren im Zusammenhang mit dieser Straftat gegen alle drei Angeklagten eingestellt wurde. Dem älteren Bruder wurde auferlegt, in den nächsten zwei Monaten 35 Stunden gemeinnütziger Arbeit abzuleisten. „Sie können heimgehen“, entließ ihn Richter Martin Luippold.

Die Kosten des Verfahren trägt die Staatskasse

Der jüngere Bruder wurde schließlich wegen Raubes und räuberischer Erpressung zur Ableistung von 70 Stunden gemeinnütziger Arbeit, zu einem Gespräch in der psychosozialen Beratungsstelle Waiblingen und zur Zahlung von 390 Euro Wertersatz für die am Bahnhof Neustadt geraubten Gegenstände verurteilt, der Mitangeklagte zu 50 Stunden und zwei Beratungsgesprächen in der psychosozialen Beratungsstelle Backnang wegen Widerstands und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte, wegen Diebstahl des Rollers und Unterschlagung des Fahrrads. Die Kosten des Verfahrens übernimmt die Staatskasse. Da alle auf Berufung oder Revision verzichteten, wurde das Urteil sofort rechtskräftig.

Am Ende lag am 15. Dezember 2018 um 23.30 Uhr am Bahnhof Waiblingen ein „Wikinger“ bewusstlos und mit einer Gehirnerschütterung, Prellungen und Platzwunden im Gesicht und am Knie auf dem Bahnsteig. Mit Fausthieben, Tritten und Schlägen und mit einer Glasflasche wurde ein Ritter traktiert, selbst nachdem er zu Boden gegangen war und nur dank seines Helms vor schwereren Verletzungen verschont blieb. Vier junge Männer aus Polen, von denen einer den alarmierten Polizeibeamten fast direkt in die

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