Waiblingen

Amtsgericht: Vier Zeugen, fünf Geschichten

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen/Fellbach. Zwei junge Männer stehen vor Gericht, weil sie vor einer Fellbacher Diskothek einen Gast bedroht haben sollen. „Geld her oder ich box’ dich“, soll der eine gesagt haben. Danach soll er ihm einen Faustschlag verpasst haben. Versuchte räuberische Erpressung und Körperverletzung lautet der Vorwurf. Doch am Ende bleibt davon nicht viel übrig.

Wie Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ dürften die Anwesenden im Waiblinger Amtsgericht sich am Montagnachmittag gefühlt haben: Zwei Angeklagte und vier Zeugen präsentierten ihnen immer wieder dieselbe Geschichte, nur jeweils ein bisschen anders – bis am Ende nicht viel übrig blieb von dem Tatvorwurf der räuberischen Erpressung.

Fall trug sich im März 2016 zu 

„Drei Zeugen, vier Geschichten“, fasste der Vorsitzende Richter Luippold das bisher Gehörte in einer Pause zusammen. Aus Sicht der Angeklagten hatte sich an besagtem Abend im März des vergangenen Jahres Folgendes zugetragen: Die beiden heute 20-Jährigen seien mit einem gemeinsamen Freund nach Stuttgart aufgebrochen. Als sie den Club verlassen wollten, sei einer der beiden, Artan F. (alle Namen geändert), in einem Durchgang mit dem Geschädigten, Jonas K., aneinandergeraten. Man habe sich angerempelt, keiner habe ausweichen wollen. „Jugendliche und Alkohol, da will jeder den Stärkeren spielen.“

Es ging nicht um Geld...

So sei eines zum anderen gekommen: Es habe eine Diskussion gegeben und schließlich, das gibt Artan F. zu, habe er dem anderen mit der Faust ins Gesicht geschlagen – weil er aus dem Augenwinkel gesehen habe, dass Jonas K. die Hand heben wollte. „Ich dachte, er wollte mir die Faust geben“, erklärte Artan F. Um Geld sei es dabei nicht gegangen. Martin D., der andere Angeklagte, habe derweil einen Freund von Jonas K. zurückgehalten, der einschreiten wollte. Geschlagen, so wie es in der Anklage steht, habe er ihn aber nicht. Die beiden Angeklagten gaben an, sie seien nach der kurzen Auseinandersetzung zum Bahnhof gegangen, um dort die S-Bahn in die Stadt zu nehmen. Dorthin sei ihnen Jonas K. gefolgt – mit etwa zehn Freunden als Verstärkung. Es habe wieder eine lautstarke Diskussion gegeben, der die Polizei schließlich ein Ende setzte. Ein Unbeteiligter hatte die Beamten verständigt.

...oder doch?

Der erste Zeuge schilderte den Abend ganz anders. Er ist der Freund, der hatte dazwischengehen wollen. Sein Kumpel Jonas K. habe seinen 18. Geburtstag in der Disco gefeiert. Gerade seien einige Gäste in einem Vorhof des Clubs gesessen, als drei Jungs herübergekommen seien. „Auf einmal hieß es: Was schaust du so, anschauen kostet“, so der 18-Jährige. Dann habe Artan F. von Jonas K. Geld gefordert. Er selbst habe von Martin D. einen Faustschlag auf die rechte Wange bekommen.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Der nächste Zeuge, der gemeinsame Freund der Angeklagten, trägt wenig Erhellendes bei. Seine Geschichte deckt sich weder mit der seiner Kumpels, noch mit der des ersten Zeugen. Als der Geschädigte selbst aussagt, klingt seine Version eher so wie die der Angeklagten – aber eben auch nicht ganz. In seiner Erinnerung hat Artan F. sehr wohl Geld gefordert. Er selbst sei den Angeklagten aber nicht zum Bahnhof gefolgt, sondern habe dort nach einem Freund gesucht. An eine Rempelei in dem Durchgang erinnere er sich nicht, er könne sie aber nicht ausschließen. Er sei an dem Abend recht betrunken gewesen – ein Alkoholtest der Polizei ergab 1,6 Promille.

Aussagen belegen Vorwurf der räuberischen Erpressung nicht 

Die Aussage des vierten Zeugen hat ein wenig von allem. Nochmals erleben die Anwesenden den besagten Abend ähnlich, aber doch ein wenig anders. Am Ende ist nur das klar, was die Angeklagten selbst zugegeben haben: Artan F. hat Jonas K. einen Fausthieb ins Gesicht versetzt, Martin D. hat dessen Freund festgehalten. Den Vorwurf der versuchten räuberischen Erpressung belegen die Zeugenaussagen nicht: Niemand ist sich sicher, ob der Satz „Anschauen kostet“ und was da noch gefallen sein soll, ernst gemeint oder vielmehr alkoholisiertes Jugend-Geplänkel war.

Verfahren eingestellt

Weil sich ein Tatvorwurf nicht bestätigen ließ – und weil Artan F. bereits vor der Verhandlung eine schriftliche Entschuldigung sowie 300 Euro Entschädigung an Jonas K. gesandt hatte – wurde das Verfahren nach Paragraf 47 Abs. 2 des Jugendgerichtsgesetzes eingestellt.

Artan F. muss noch 200 Euro Geldstrafe an Amnesty International zahlen, Martin D. 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten.