Waiblingen

Anreiz für Senioren: Führerschein gegen Ticket

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Symbolbild. © Sarah Utz

Waiblingen. „Das will ich auch“, fordert eine 78-jährige gebürtige Waiblingerin: Ludwigsburger Senioren, die freiwillig ihren Führerschein abgeben, fahren ein Jahr lang gratis im VVS-Netz. Ältere nutzen das Angebot im Nachbarlandkreis rege. Der Rems-Murr-Kreis plant zumindest im Moment nichts dergleichen und wartet Gespräche ab. Nur ganz vereinzelt verzichten Senioren hier freiwillig auf ihren Führerschein.

Dieser Artikel wird mit großer Wahrscheinlichkeit unabhängig von seinem Inhalt diese Reaktion hervorrufen: Jetzt haut die Zeitung wieder die Alten in die Pfanne und tut so, als ob 65-Jährige nicht mehr Auto fahren könnten. Und wer sind die wahren tickenden Zeitbomben auf den Straßen? 18- bis 24-jährige Männer.

Doch es geht nicht darum, Junge gegen Alte auszuspielen und umgekehrt. Beide gelten als Risikogruppen im Straßenverkehr.

Keine verpflichtenden Fahreignungstests

Um Zwang geht es ganz offensichtlich auch nicht: Von verpflichtenden Fahreignungstests ab einem bestimmten Alter spricht kaum jemand ernsthaft. Nur sporadisch kocht das Thema hoch, um schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden.Ludwigsburg geht einen ganz anderen Weg: Der Landkreis schenkt Senioren seit Oktober 2015 ein VVS-Jahresticket im Wert von rund 550 Euro, sofern sie freiwillig auf ihre Fahrerlaubnis verzichten. Ein Jahr lang übernehmen Landkreis und VVS die Kosten, danach ist der Senior wieder auf sich selbst gestellt. Noch bis Jahresende gilt das Angebot, doch in Ludwigsburg zieht man jetzt schon Bilanz und will eventuell weitermachen: Gemeinsam mit dem VVS werde geprüft, „ob und unter welchen Bedingungen das Projekt auf das gesamte Verbundgebiet ausgeweitet und auch in Zukunft angeboten werden kann“, informiert Annegret Kornmann, Sprecherin am Landratsam Ludwigsburg: Das Thema werde mit den anderen Partnern im Verkehrsverbund Stuttgart besprochen; ein Ergebnis sei im Herbst zu erwarten.

„Wir beobachten das Projekt in Ludwigsburg mit Interesse“

Der Rems-Murr-Kreis hält sich derweil bedeckt: Derzeit sei eine Aktion dieser Art nicht geplant, heißt es in der Pressestelle des Landratsamts. „Wir beobachten das Projekt in Ludwigsburg mit Interesse“, so Sprecherin Martina Nicklaus. Nun stehe zuerst eine genaue Analyse an – dann sehe man weiter.

Ein Zahlenvergleich zeigt, wie heftig solch ein Angebot das Verhalten von Senioren beeinflusst: Im Rems-Murr-Kreis haben in den Jahren 2010 bis 2016 jeweils weniger als zehn Ältere aus eigenen Stücken auf ihren Führerschein verzichtet (Zahlen siehe Info-Box). Seit das Pilotprojekt im Landkreis Ludwigsburg läuft, haben dort rund 1300 Senioren ihren Führerschein abgegeben. Rund 80 Prozent der Antragsteller waren laut einer Sitzungsvorlage für den Ludwigsburger Umweltausschuss 75 Jahre und älter – und ebenfalls 80 Prozent der Antragsteller waren bisher Frauen. Rund 70 Prozent der Projektteilnehmer registrierten sich als ÖPNV-Neukunden. Von diesen entschied sich rund die Hälfte nach Ablauf des Gratis-Jahres, das Abo zu behalten.

In Ludwigsburg gehen offenbar eine Vielzahl von Anfragen aus den anderen Verbundlandkreisen – demnach auch aus dem Rems-Murr-Kreis – und aus Stuttgart ein. „Bei einer Fortführung des Projekts würde eine verbundweite Lösung Sinn machen“, heißt es im aktuellen Ludwigsburger Sachstandsbericht. Die Verwaltung hält es jedenfalls nach den aus ihrer Sicht guten Erfahrungen für sinnvoll, zusammen mit dem VVS zu prüfen, ob das Pilotprojekt in ein Regelangebot münden kann.

Die eingangs erwähnte 78-jährige gebürtige Waiblingerin würde das selbstredend begrüßen: „Ich würde gern den Führerschein abgeben“, sagt die Inhaberin eines Schwerbehindertenausweises.

„Warum sollten wir nicht in den Genuss kommen?“

In ihrem Fall ändert sich dadurch in der Praxis nichts: Die Frau fährt sowieso aus gesundheitlichen Gründen schon lange nicht mehr Auto, wie sie erzählt. Sie selbst wohnt in Endersbach, ihr Mann lebt in einem Pflegeheim in Schnait, und dort fährt sie mit dem Bus hin. Ein Gratis-Ticket käme ihr gerade recht – „warum sollten wir nicht in den Genuss kommen?“, fragt sich die Seniorin mit Blick auf Privilegien der Ludwigsburger.

Dort würde man solche Fälle wohl unter unvermeidlichem Mitnahme-Effekt abbuchen. Denn Ziel ist, ÖPNV-unerfahrene Seniorinnen und Senioren von der Attraktivität des Angebots nachhaltig zu überzeugen, zumal „die neue Seniorengeneration flexibel ist und auch immer länger mobil bleibt“.

Frauen vorsichtiger

Die Zahl der Unfälle, bei denen Senioren beteiligt waren, hat sich im Rems-Murr-Kreis im Jahr 2016 auf 1025 erhöht (Vorjahr: 980).

Die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen steht im besonderen Fokus der Polizei. 892 Unfälle mit jungen Fahrern registrierte die Polizei 2016 im Rems-Murr-Kreis (Vorjahr: 924).

Die beiden Zahlen sind natürlich nicht vergleichbar. Die Zahl der Unfälle je Gruppe muss ins Verhältnis gesetzt werden zur Größe der Gruppe. Es leben mehr Menschen ab 65 Jahre im Rems-Murr-Kreis als Autofahrer im Alter von 18 bis 24.

Frauen lassen im Alter eher das Auto stehen als Männer: Aus der Umfrage „Altern im Rems-Murr-Kreis“, vergangenes Jahr veranlasst vom Landrastamt, ging hervor, dass 85 Prozent der über 65-jährigen Männer noch regelmäßig Auto fahren. Bei den Frauen lag der Anteil nur bei knapp 57 Prozent. Rund 35 Prozent der Männer und 77 Prozent der Frauen im Alter zwischen 85 und 89 Jahren fahren laut Umfrage nicht mehr selbst Auto.


Schorndorf. Ein 86-jähriger Mann hat vergangene Woche in Schorndorf nach einem Unfall sofort freiwillig seinen Führerschein überlassen. Der Mann war laut Polizei zu gebrechlich, als dass er noch sicher hätte Auto fahren können. Der Senior hätte fast zwei Fußgänger umgefahren.

Mit leichten Verletzungen kamen eine 77-jährige Frau und ein 83-jähriger Mann davon. Sie standen am späten Donnerstagnachmittag vergangene Woche am Eingang eines Ladens in der Ritterstraße, als der 86-Jährige laut Polizei die Kontrolle über seinen Mercedes verlor. Er verwechselte das Gas mit der Bremse, fuhr in einem Bogen über den Parkplatz, steuerte das Auto gegen einen Blumenständer und touchierte die beiden Fußgänger leicht.

Das hätte übel enden können. Der Vorfall erinnert an die tödliche Irrfahrt eines heute 85-Jährigen vor einem Jahr in Bad Säckingen. Erst vor wenigen Tagen ist der Mann zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Zwei Menschen starben, weil er von der Bremse aufs Gas gerutscht war. Der Mann darf nie wieder Auto fahren.

Der 86-jährige Mann, der in Schorndorf zum Glück nicht allzu großen Schaden angerichtet hat, sah laut Polizei noch am Unfallort ein, dass er nicht mehr sicher Auto fahren kann. Er übergab den Beamten an Ort und Stelle seinen Führerschein.

Geisterfahrer waren Seniorinnen

Fälle wie diese wecken traurige Erinnerungen, etwa an die jüngste Geisterfahrt auf der B 29 bei Lorch. Am 15. Januar war eine 72-Jährige an der Anschlussstelle Lorch-Ost in falscher Richtung auf die B 29 aufgefahren. Beim Frontalzusammenstoß ihres Autos mit dem Daimler eines 20-Jährigen kamen sowohl der junge Mann als auch die Geisterfahrerin ums Leben.

Ebenfalls eine Seniorin hatte im Mai 2015 auf demselben Abschnitt der B 29 einen tödlichen Unfall verursacht. Die 86-Jährige war in falscher Richtung gefahren. Den Zusammenstoß ihres Wagens mit dem BMW eines 22-Jährigen überlebten weder die Seniorin noch der junge Mann.

Vom Gaspedal gerutscht

Zum Glück nur Sachschaden hat ein 92-jähriger Autofahrer am Mittwoch vergangener Woche in Kernen angerichtet – doch anschließend beging der alte Herr Unfallflucht. Er beschädigte mit seinem Wagen ein geparktes Auto, verschwand – und wurde erwischt, als er einige Zeit später an den Unfallort zurückkehrte. Die Polizei war noch vor Ort. Der Senior war laut Polizei aus Unachtsamkeit vom Gaspedal abgerutscht.

Gibt es nach Vorfällen wie diesen Anhaltspunkte, dass jemand nicht mehr fahrtüchtig ist, informiert die Polizei die Fahrerlaubnisbehörde. Je nachdem, wie deren Einschätzung ausfällt, muss der Autofahrer sich bei einem Amts- oder Facharzt vorstellen, sich einer Fahrprobe unterziehen oder an einer medizinisch-psychologischen Untersuchung teilnehmen. Läuft ein Strafverfahren, kann ein Richter im Zuge dessen eine Fahrerlaubnis entziehen.

Der jüngste Vorstoß in Richtung verpflichtende Tests für Senioren kam Anfang Januar von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins. Diese forderte verpflichtende Gesundheitstests für Autofahrer ab dem 75. Lebensjahr.

Das sind die Fakten, Fakten, Fakten

Im Jahr 2016 haben im Rems-Murr-Kreis acht Personen aus Altersgründen freiwillig ihren Führerschein abgegeben. Es handelte sich um Autofahrer mit Geburtsjahrgängen zwischen 1929 und 1940.

Im laufenden Jahr 2017 haben bereits vier Ältere auf ihren Führerschein verzichtet (bis 4. Mai).

Die Zahl derer, die sich aus eigenem Entschluss vom Autofahren verabschieden, bewegt sich auf konstant niedrigem Niveau: 2010: vier, 2011: neun, 2012: sieben, 2013: fünf, 2014: fünf, 2015: fünf.

Seit 1. Oktober 2015 erhalten Ältere im Landkreis Ludwigsburg gratis ein Senioren-Jahres-VVS-Ticket, sobald sie ihren Führerschein freiwillig abgeben. 1300 Senioren haben seither das Angebot genutzt. Teilnehmen kann, wer seinen Wohnsitz im Landkreis Ludwigsburg hat, mindestens 65 Jahre alt ist oder bereits als 60-Jährige(r) Rente oder Ruhegehalt bezieht.

Das Ticket berechtigt ohne zeitliche Beschränkung zu Fahrten im gesamten Netz des VVS. Nach einem Jahr geht das Angebot in ein kostenpflichtiges Abo über, sofern keine Kündigung vorliegt.

Der Verzicht auf den Führerschein muss nicht von Dauer sein, wie es im Merkblatt zum Projekt heißt: „Sollten Sie bereits während des Gültigkeitszeitraums des kostenlos gewährten Seniorenjahres-Tickets wieder in den Besitz der Fahrerlaubnis kommen, ist das Ticket bei Wiederausgabe der Fahrerlaubnis zurückzugeben.“