Waiblingen

Asylbewerberunterkunft wird weiter gebraucht

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Beim Begegnungscafé vor dem Asylbewerberheim Neustadt-Hohenacker. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Zeitweise war die Asylbewerberunterkunft beim Bahnhof Neustadt-Hohenacker überbelegt, inzwischen hat sich die Lage entspannt. 91 Menschen aus verschiedensten Ländern und mit unterschiedlichem Status leben noch in dem Gebäude, das nach Einschätzung des Landratsamts noch auf unbestimmte Zeit gebraucht wird.

Bis zu 147 Menschen gleichzeitig lebten schon in dem verwinkelten Gebäude des früheren Rockpubs beim Bahnhof Neustadt-Hohenacker, das seit mehr als zwei Jahren als Sammelunterkunft für Asylbewerber dient. Zur Spitzenzeit der Flüchtlingskrise war die Unterkunft überbelegt – woran niemand groß Anstoß nahm angesichts unbestreitbar schlechterer Alternativen wie Sporthallen oder Container.

38 Bewohner befinden sich im laufenden Asylverfahren

Derzeit sind es 91 Bewohner, darunter fünf Familien mit insgesamt 13 Kindern oder Jugendlichen. Sie stammen aus Syrien, Kosovo, Gambia, Algerien, Afghanistan, Tunesien oder sind Kurden. 38 Bewohner befinden sich im laufenden Asylverfahren, 44 haben eine Duldung. Neun Bewohner sind anerkannt, konnten bisher aber weder im Rahmen der Anschlussunterbringung durch die Stadt noch auf dem Wohnungsmarkt eine Bleibe finden. Sie zahlen eine Gebühr an den Landkreis. Kleines Rechenbeispiel: Hat ein Flüchtling ein Nettoeinkommen von 1000 Euro, zahlt er für einen Platz im Mehrbettzimmer 294 Euro monatlich.

Wenn die Miete plötzlich das schmale Gehalt auffrisst

Auf Bitte der Neustädter kam Sozialarbeiter Bastian Gasch in die Ortschaftsräte, um einen Bericht abzugeben und sich den Fragen der gewählten Vertreter zu stellen. Zeitweise musste er zu 50 Prozent in einer Backnanger Notunterkunft aushelfen, jetzt steht er in Neustadt-Hohenacker wieder voll zur Verfügung.

Die Bewohner wissen die Unterkunft demnach zu schätzen. Was nicht zuletzt daran liege, dass beeindruckendes Engagement vieler Bürger einen guten Start ermöglicht hätte. Ehrenamtlich wurden über das Netzwerk Asyl Sprachkurse, eine Fahrradwerkstatt und ein Begegnungscafé organisiert.

Vom Arzt bis zum Analphabeten

Die Flüchtlingshelfer unterstützen die (ehemaligen) Bewohner auch nach Auszug aus der Unterkunft, so wurden neben der städtischen Anschlussunterbringung auch privat Wohnungen vermittelt. Haben anerkannte Flüchtlinge erst einmal einen – meist gering bezahlten - Job, können neue Probleme entstehen, auf die in der Sitzung in Hohenacker die Helferin Rosemarie Rothmund-Timm hinwies: Bisher zahlte das Jobcenter die Miete, doch das eigene Einkommen reicht nicht. Angesichts der Wohnungsnot säßen Flüchtlinge und andere Leute mit schwachem Einkommen in einem Boot.

Soziologisch finde sich ein Spiegelbild der Herkunfts-Gesellschaften wieder – vom Arzt bis zum Analphabeten. Ein als Schreiner talentierter junger Mann bekam eine Lehrstelle in Aussicht gestellt - unter der Voraussetzung dass er sich die nötigen Deutschkenntnisse in Wort und Schrift erarbeitet.

Gute Lage und Qualität der Immobilie

Die allermeisten wollten Deutsch lernen, arbeiten und sich integrieren – es gebe freilich auch Ausnahmen. Stadtrat Wolfgang Bechtle meldete deutlich Skepsis am „wunderschönen Szenario“ des Sozialarbeiters, der auf Nachfrage einräumte, dass es Fälle von Drogenhandel gibt: Ein früherer Bewohner sitze deshalb in Haft und soll abgeschoben werden.

Die Sorgen, die bei der Bürgerversammlung vor Inbetriebnahme der Unterkunft geäußert wurden, bestätigten sich nicht, meint die im Netzwerk Asyl aktive Neustädter Ortsvorsteherin Daniela Tiemann. Trotz mancher Probleme, die es wohl überall gibt, ist die Sammelunterkunft Neustadt-Hohenacker eine der besseren, bestätigt sie.

Das liege an den vielen Verbindungen in die Ortschaften sowie an Lage und Qualität der Immobilie. Wobei der bauliche Zustand an der intensiven Nutzung der vergangenen beiden Jahre litt. Die Wasserleitungen waren für eine hohe Belegung nicht ausgelegt, mehrfach kam es zu Wasserschäden – daher wurden die Sanitärräume inzwischen in Container ausgelagert.

Kein Zeitplan

  • Der Zustrom an Asylbewerbern ist zwar stark zurückgegangen, doch die Unterkunft Neustadt-Hohenacker wird noch gebraucht. Auf der Abbau-Liste des Landratsamts steht sie jedenfalls „nicht ganz oben“, wie Pressesprecherin Martina Nicklaus sagt. Zumal sich die Anschlussunterbringung schwierig gestaltet.