Waiblingen

Auch Waiblingen hat beim Klimaschutz noch viel Luft nach oben

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Goldboden bei Winterbach: Wind und Sonne als Alternative. © Joachim Mogck

Energieberater Uwe Schelling ist eigentlich ein Mann bedachter Formulierungen. Bei der Vorstellung des neuen Klimaschutzkonzeptes für die Stadt wurde er dafür ziemlich deutlich: „Die Energiewende ist in Waiblingen noch nicht vollzogen.“ Die ganze Stadt nutze nur einen Bruchteil ihres Potenzials an erneuerbarer Energie. Sonne, Wind, Wasser und Wärmedämmung: Was derzeit gemacht wird und was möglich wäre, hat er ausführlich untersucht. Eine erste Konsequenz hat der Gemeinderat schon gezogen.

Mit der „Stadt“ ist nicht etwa nur das Rathaus gemeint, sondern auch Gewerbebetriebe, Privathaushalte, der Verkehrsektor – einfach alles. So sieht die Kohlendioxid-Bilanz aus: 394 000 Tonnen an Treibhausgasen werden jährlich freigesetzt. Fast ein Drittel kommt von den Privathaushalten, jeweils knapp 100 000 Tonnen von der Industrie (verarbeitendes Gewerbe) und vom Verkehr. Pro Einwohner ergibt sich ein Ausstoß von 7,2 Tonnen pro Jahr, was immerhin unter dem Bundesdurchschnitt von 9,2 Tonnen liegt. Aber: Das selbst gesteckte Ziel aus dem 15 Jahre alten Stadtentwicklungsplan liegt bei der Hälfte des damaligen Standes und und damit bei 4,3 Tonnen. Dieses Ziel könne nur mit „intensivsten Bemühungen aller“ erreicht werden.

Der Stromverbrauch wird weiter zunehmen

Es gibt viel Arbeit. Das Gute daran: Es schlummern ungehobene Potenziale in Waiblingen. Allein durch nachhaltige Energiegewinnung und Wärmenutzung könnten 108 000 Tonnen Kohlendioxid vermieden werden. Der Verkehrssektor ist dabei noch nicht berücksichtigt. Große Anstrengungen werden unausweichlich sein, führt man sich die Entwicklung vor Augen: 2018 war das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – und der Januar 2020 war der wärmste Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Baden-Württemberg verzeichnet bereits eine Erwärmung um etwa 1,5 Grad. Diese Zahl global nicht zu überschreiten, wurde im Pariser Klimaschutzabkommen zum obersten Ziel erklärt.

Die Stadt Waiblingen will beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen. 2018 wurde sie dafür mit dem European Energy Award in Gold ausgezeichnet. Doch die kommunalen Liegenschaften machen lediglich zwei Prozent der Emissionen in ganz Waiblingen aus – der direkte Einfluss erscheint so gesehen gering. Die Stadt Waiblingen kann also nur als Katalysator agieren und versuchen, Gebäudeeigentümer, Haushalte und Gewerbe zum Umdenken und Handeln zu motivieren. Und: Im Bebauungsplan für Berg-Bürg in Bittenfeld schrieb sie Fotovoltaik verpflichtend fest.

Wo aber liegen die Potenziale? Die Energieversorgung vor Ort erscheint ausbaufähig, ihre Ausbeute liegt bei weniger als fünf Prozent des Stromverbrauchs. An der Wasserkraft liegt’s nicht, dort werden schließlich schon 60 Prozent des Potenzials genutzt - doch der Beitrag bleibt verschwindend gering. Anders sieht’s bei der Sonnenenergie aus: Nur neun Prozent der nutzbaren Flächen in Waiblingen werden tatsächlich genutzt. Ein Drittel des örtlichen Stromverbrauchs könne theoretisch aus Fotovoltaik gedeckt werden: rund 100 Gigawattstunden. Freiflächen entlang der Bahnlinien, so Schelling, könnten weitere sieben Prozent beitragen.

Die Windkraft scheint derzeit keine Option zu sein, nachdem bisher alle Bemühungen um Windräder auf der Buocher Höhe vergeblich waren. Allerdings ließ Uwe Schelling neben dem Windkraft-Verfechter und Oberbürgermeister Andreas Hesky viele Ratsmitglieder aufhorchen mit der Feststellung, dass das Potenzial der Windenergie fast ebenso groß sei wie das der Sonne über Waiblingen. Ganz gewiss, glaubt der Energieberater, wird im Zuge technischen Fortschritts durch effizientere Anlagen Strom gespart. Trotzdem wird der Verbrauch steigen – nicht zuletzt wegen des Ausbaus der Elektromobilität.

Sanierung von Gebäuden als drängendes Thema

Durch Solarthermie könnten auf 100 000 Quadratmetern Dachfläche 45 Gigawattstunden an Wärme erzeugt werden – immerhin ein knappes Fünftel des gesamten Wärmebedarfs aller Wohngebäude. Biomasse deckt derzeit 6,5 Prozent des Wärmebedarfs. Erdwärme gibt’s zwar ausreichend, allerdings hängt die Sinnhaftigkeit der Geothermie von etlichen anderen Faktoren ab. Viel verspricht sich Schelling im Klimaschutzkonzept von Wärmeschutzmaßnahmen an Gebäuden. Mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs von mehr als 400 Gigawattstunden könnte eingespart werden, „wenn ambitioniert saniert wird“. Aus seiner Sicht ist dies das vordringliche Thema, wenn es um Wärme geht. Der Ausbau von Fernwärmenetzen soll bei der Realisierung helfen.

Von alledem passiert nun nichts sofort – eins aber doch. Die Stadt engagiert sich noch mehr in der Vorbild- und Vermittler-Rolle und will den Wandel mit Hilfe eines Klimaschutzmanagers organisieren. Die Grünt-Gruppe hätte die Stelle am liebsten gleich vor den Sommerferien ausgeschrieben und für 2021 noch eine zweite. Der Antrag fand allerdings keine Mehrheit. Der Vorschlag der Verwaltung zur Schaffung einer Klimaschutzmanager-Stelle mit hälftiger Förderung durch den Bund und damit vorgeschriebenem Schwerpunkt auf nachhaltiger Mobilität aber durchaus. Das Klimaschutzkonzept soll Richtschnur für künftiges Handeln sein – Stadtrat Alfonso Fazio spricht gar von einer „kleinen Bibel“.

Energieberater Uwe Schelling ist eigentlich ein Mann bedachter Formulierungen. Bei der Vorstellung des neuen Klimaschutzkonzeptes für die Stadt wurde er dafür ziemlich deutlich: „Die Energiewende ist in Waiblingen noch nicht vollzogen.“ Die ganze Stadt nutze nur einen Bruchteil ihres Potenzials an erneuerbarer Energie. Sonne, Wind, Wasser und Wärmedämmung: Was derzeit gemacht wird und was möglich wäre, hat er ausführlich untersucht. Eine erste Konsequenz hat der Gemeinderat schon

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