Waiblingen

Auf die Krankheit folgte die Armut

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Hanna M. hat MS und ist auf Hilfe angewiesen. © Ramona Adolf

Waiblingen. Hanna M. hat ein komplizierteres Leben als andere Menschen. Sie ist krank, und weil sie krank ist, ist sie arm. Vor neun Jahren wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert, inzwischen kann sie die Wohnung kaum noch verlassen. Hanna M. ist Kundin im Tafelladen, obwohl sie selbst gar nicht mehr einkaufen kann. Mehrere Gesprächstermine mit der Zeitung musste sie absagen, weil es ihr schlechtging. Nun hat sie uns ihre Geschichte aufgeschrieben und am Telefon erzählt.

Wie kommt es, dass Sie im Tafelladen einkaufen?

Ich war immer eine aktive gesunde Frau, die das halbe Leben in ihrer Freizeit tanzen ging, dies auch wenige Jahre beruflich im Bereich Standard und Latein tat. Die letzten Jahre war ich beruflich erfolgreich als freie Office Managerin tätig, bis ich Multiple Sklerose bekam. Anfangs war ich noch mit Gehhilfen, dann mit dem Rollator unterwegs. Heute bin ich hauptsächlich zu Hause. Geboren bin ich 1964, 2008 fing die Krankheit an. Inzwischen bin ich arbeitsunfähig und verrentet und froh, dass es die Tafel gibt. Heute, also knapp zehn Jahre später, kann ich nicht mehr selbst zur Tafel gehen und freue mich aber, das „feste“ Team der Tafel zu kennen und ab und zu kurz am Telefon zu sprechen. Telefonisch gebe ich durch, was ich gerne einkaufen möchte. Eine Bekannte darf die Waren holen. Die Waiblinger Tafel ist ein sehr gut organisierter, sauberer und mit freundlichen Menschen besetzter Laden.

Was kaufen Sie dort bevorzugt?

Wenn es gibt, kaufe ich gerne Kartoffeln, Zwiebeln, Ingwer und, wenn ich Glück habe, mein Lieblingsbrot. Obst und Gemüse muss man schnell verarbeiten, da muss bei mir gewährleistet sein, dass mir jemand helfen kann. Weiche, leicht braune Bananen nehme ich sehr gerne für Milchshakes. Wenn es Sauerkraut gibt, freue ich mich. Das ist leider selten. Etwas ganz Besonderes sind Luxuslebensmittel wie edler Käse und Lachs. Fertigprodukte sowie Wurst kaufe ich gar nicht.

Was bedeutet für Sie der Tafelladen?

Für mich hat die Tafel mehrere Bedeutungen: Zuallererst Armut, denn vor der Tafel stehen Menschen, die mit einem Minimum an Geld auskommen müssen. Manche davon sind sicher in Not. Die Passanten gehen verschämt an ihnen vorbei. Man trifft Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, das ist schön. Offensichtliche Neonazis habe ich keine getroffen. Die Tafel ist für mich das Engagement und der Fleiß der Ehrenamtlichen. Die Tafel bedeutet aber auch Politikversagen. Überall wird massenhaft weggeworfen. Die Läden, die spenden, sparen hohe Entsorgungskosten. Mit den gesparten Müllkosten könnten sie doch Einkaufsgutscheine an Menschen ausgeben, die kaum Geld haben. So könnten Produkte gekauft werden, die es nie bei der Tafel gibt. Der Begriff Würde muss meines Erachtens wieder mehr in Erinnerung gebracht werden. Auch darf jeder, der diesen Artikel liest, darüber nachdenken, ob er Kontakt zu Nachbarn hat und ob man sich schon gegenseitig geholfen hat. Mit Migranten sollte gesprochen werden, sonst können diese die schöne deutsche Sprache nicht lernen. Im Tafelladen kann über internationale Kochrezepte gesprochen werden, wenn man es will – ich habe es getan, toll. Schlimm sind die Ignoranz und Ahnungslosigkeit vieler Menschen, die womöglich morgen froh wären, bei der Tafel einkaufen zu dürfen.


Menschen helfen, die sich nicht helfen können

Hanna M. ist kein Einzelfall. Bedürftige Menschen, die einen Ausweis für den Tafelladen haben und gleichzeitig krank oder gehbehindert sind, gibt es immer wieder. „Wir überlegen zurzeit, wie wir Leuten, die nicht selber kommen können, den Einkauf ermöglichen“, sagt Ladenleiterin Petra Off. Ein genereller Weg ist allerdings noch nicht gefunden.

Ganz unbürokratisch hat Petra Off der kranken Hanna M. geholfen. Anfangs kam Hanna M. noch selbst in den Tafelladen, dann mit einer Gehhilfe, irgendwann ging es dann gar nicht mehr. Die Bestellungen, die sie von da an fernmündlich durchgab, hat Petra Off in eine Schachtel gepackt und bei Hanna M. kurz vorbeigebracht. Möglich war dies, weil dies damals kein großer Umweg für sie bedeutete. Bei manchen Menschen sei diese Hilfeleistung allerdings schlecht angekommen, erzählt Petra Off. Irgendwann bekam sie das Gerücht mit, eine Mitarbeiterin des Tafelladens bereichere sich, indem sie Waren mit nach Hause nehme ... „Die meinten mich“, erzählt die Ladenleiterin. Gleichwohl hat sie Hanna M. weiter unterstützt, bis diese wegen ihrer Krankheit umziehen musste. Nun holt eine Bekannte die Sachen für Hanna M. im Tafelladen ab.

Die Tafeln in Waiblingen, Weinstadt, Winnenden und Schorndorf arbeiten zusammen. Großspenden werden verteilt. Die Menschen können mit ihrem Berechtigungsschein in allen vier Läden einkaufen. Eine Kundenkarte erhalten Bezieher von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe / Grundsicherung, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Miet- / Lastenzuschuss nach dem Wohngeldgesetz sowie Haushalte mit geringem Einkommen.


Die Waiblinger Tafel

Bisher erschienene Teile der Serie