Waiblingen

Aufarbeitung: Zwänge und Missbrauch in der Nachkriegszeit

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Mitzuarbeiten war üblich für die Bewohner – hier in der Malerwerkstatt im ehemaligen Männerhaus in der Schlossanlage. © Diakonie Stetten
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Die Neuerscheinung haben diese Fünf am Montag gemeinsam vorgestellt. Links steht Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt, daneben für die Diakonie Stetten die Projektbeiräte Hannah Kaltarar und Steffen Wilhelm, Bewohnerin Hannelore Poré sowie Vorstand Rainer Hinzen. © Benjamin Büttner
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Alle sechs Wochen wurden die Haare geschnitten – und zwar immer gleich: Eine Frisur gab’s für Männer, eine für Frauen.

Kernen. Strikte Regeln und Zwänge, Strafen und ja, auch Gewalt und Missbrauch hat es in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten in der Nachkriegszeit gegeben. Diesem geschichtlichen Erbe hat sich die Diakonie Stetten mit einem Forschungsauftrag gestellt: Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt untersuchte Alltag und Entwicklung der Anstalt zwischen 1945 und 1975. Ihre Ergebnisse sind nun in einem Buch zusammengefasst und veröffentlicht worden.

Ein Bewohner der Heil- und Pflegeanstalt Stetten erschlägt Hausvater Friedrich Lutz, nachdem dieser ihm wohl eine Backpfeife gegeben hatte. Ein Vikar fällt durch so massive Bestrafungen in der Schule auf, dass er vor Gericht landet – und wird wegen seines „Züchtigungsrechts“ freigesprochen. Einzelnen Pfleglingen werden neue Medikamente verabreicht, die ihnen helfen sollen – aber im Prinzip getestet werden. Eine Bewohnerin, als 14-jährige Waise nach Stetten gekommen, berichtet nicht nur von Gewalt unter Bewohnern, sondern auch von Schlägen, die sie allein wegen ihres französischen Nachnamens „Poré“ von der Hand ihrer Betreuer erleidet. Haarsträubend? Allemal. Die neue Veröffentlichung „... und da gab’s noch ein Tor, das geschlossen war – Alltag und Entwicklung in der Anstalt Stetten 1945 bis 1975“ der Diakonie Stetten ist abschnittsweise keine leichte Kost.

Vorstand Rainer Hinzen: „Vieles macht betroffen“

„Vieles macht betroffen“, sagt Pfarrer Rainer Hinzen, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. „An mancher Stelle habe ich mich wirklich geschämt.“ Doch genau darum ging es bei der Forschungsarbeit von Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt, die die Diakonie Stetten vor vier Jahren in Auftrag gegeben hat: den Finger in die Wunde zu legen. Eine Fachfrau von außen sollte einen ehrlichen, vorurteilsfreien Blick auf die Nachkriegszeit werfen, auf die Anstalt, deren Alltag, Entwicklungen und Veränderungen. Denn diese Zeit war noch nicht aufgearbeitet worden.

Im bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Archiv der Diakonie durchforstete Silberzahn-Jandt Dokumente, Briefwechsel, Nachtwächterbücher, las rund 100 Patientenakten und sprach schließlich mit 30 Zeitzeugen. Stoff für mindestens fünf Doktorarbeiten habe sie gefunden, sagt sie. Auch Auszubildende der Diakonie Stetten führten als Teil des Projekts Interviews.

Das Ergebnis der Recherchen ist ein rund 300 Seiten langes Buch. Darin wird in verständlicher Sprache beschrieben, wie Ludwig Schlaich die Anstalt nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut hat, und wie sich nach und nach die räumliche und rechtliche Lage, Ansprüche und Alltag änderten.

 

Buchvorstellungen

Ihr Buch „... und da gab’s noch ein Tor, das geschlossen war – Alltag und Entwicklung in der Anstalt Stetten 1945 bis 1975“ stellt Gudrun Silberzahn-Jandt am Donnerstag, 28. Juni, von 18 Uhr an im „La Salle“ vor. Im Anschluss an Präsentation und Lesung gibt es eine Diskussionsrunde.

Bei der Veranstaltung liegen kostenlose Exemplare des Buches aus. Die Publikation ist außerdem an der Information der Diakonie Stetten kostenlos erhältlich. Darüber hinaus soll sie künftig auf der Homepage der Diakonie als PDF-Datei verfügbar sein.

Am Sonntag, 1. Juli, informiert Andreas Stiene, der die Recherchen ehrenamtlich unterstützt hat, von 13 Uhr an beim Jahresfest der Diakonie Stetten über die Forschungsarbeit.

Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei.

Das Buch kann häppchenweise gelesen werden, betont Projektleiterin Hannah Kaltarar. 70 000 Euro hat sich die Diakonie die Forschungsarbeit kosten lassen – nun sollen so viele Menschen wie möglich davon profitieren. Deshalb wird die 1000 Exemplare umfassende Erstauflage auch kostenlos von der Diakonie ausgegeben.

Konfliktpotential: Enge und Personalmangel

Vieles, wovon Hinzen, Silberzahn-Jandt und Bewohnerin Hannelore Poré im Pressegespräch berichten, scheint aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Einiges scheint schon damals nicht wohlgelitten gewesen zu sein; nicht alle Pflegekräfte fuhren einen harten Kurs. Auch Züchtigungsverbote wurden ausgesprochen. Doch die Realität sah oft anders aus. Enge und Personalnot schufen allerlei Konfliktpotenzial: Menschen mit Behinderungen, mit Traumata, mit Lernschwäche lebten gemeinsam mit anfangs ungelernten Pflegekräften.

Dazu kamen die Zwänge im Kleinen: Jeder Tag hatte eine feste Routine, die einige Jahre lang um 20 Uhr mit der Nachtruhe endete. Der Frühstücksbrei, der wohl als abscheulich galt, musste aufgegessen werden. Individualität war unwichtig: ein Haarschnitt für alle, ähnliche Kleidung für alle, Handarbeit statt Hobbys. Männer und Frauen wurden strikt getrennt, das Tor zum Schlossgelände verschlossen. Hinaus durfte nur, wer einen Pass und einen Betreuer an seiner Seite hatte. So eingeschränkt fühlten sich die Bewohner, dass junge Männer heimlich einen Durchgang schufen, durch den heimwehkranke Bewohner ausbüchsen konnten, berichtet Poré.

Eine handfeste Konsequenz zieht die Diakonie neben aus der Forschung. Sie hilft Betroffenen, bei einer Stiftung Anerkennung für Erlebtes und Rentenausgleich für geleistete Arbeit zu bekommen (siehe Infokasten). Und, betont Hinzen: Es müsse stets hinterfragt werden, was als selbstverständlich und hinnehmbar gilt – denn was heute undenkbar scheint, war früher normal.

Hilfe für Betroffene

Die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ unterstützt Menschen, die zwischen 1949 und 1975 als Minderjährige in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe gelebt und dort Leid und Unrecht erfahren haben. Sie ist 2017 von Bund, Ländern und Kirche ins Leben gerufen worden.

Bis 31. Dezember 2019 können Anträge auf individuelle Anerkennung und finanzielle Hilfe gestellt werden. Die Diakonie Stetten unterstützt dabei: Ansprechpartner ist Helmut Reder (helmut.reder@diakonie-stetten.de).

Weitere Informationen gibt es online und telefonisch unter der Nummer 0711/6195661.