Waiblingen

Aus Angst mach Hass und Gewalt

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Prof. Peter Kaiser. © Jamuna Siehler
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© Jamuna Siehler

Waiblingen. Journalisten werden beschimpft, auch kreativ. Menschen äußern zu Artikeln und Themen ihre Meinung, oft emotional. Doch zunehmend fallen bei Reaktionen auf die tägliche Berichterstattung Hemmungen. Äußerungen rutschen weit unter die gesellschaftlich anerkannte Sprachnorm. Warum? Und was folgt darauf? Eine Einordnung.

„Abschieben diese bastard Kinder. Ich sehe es selber was für hurensohne das sind wie die Frauen und Mädchen anschauen null Respekt null Anstand. Hurensohne“

Das ist ein Zitat. Ein Zitat aus der langen Liste von Kommentaren, die zu unserer Berichterstattung über die Flüchtlinge fast täglich die Redaktion erreichen. Sehen wir mal über Schreib- und Grammatikfehler hinweg. Die mögen der Eile oder dem Nicht-Wissen geschuldet sein. Betrachten wir nur die Aussage. Ist das die Art, in der wir anderen Menschen unsere Meinung sagen? Über andere Menschen reden? Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat vor wenigen Tagen bei einer Fernsehpreisverleihung eine vielbeachtete Rede gehalten. Sie beklagte die unzähligen Hasstiraden in sozialen Netzwerken, die Beschimpfungen von Journalisten. Sie sagte: „In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit so ein hohes Gut ist, darf und muss jeder seine Sorgen und seine Ängste äußern (können), ohne gleich in die rechte Naziecke gestellt zu werden. Aber wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.“

Es gibt eine Sprachnorm, die schon den Kleinen von der Mama eingeimpft wird. Der klassische Satz lautet: „Das sagt man nicht.“ Gemeint sind Beschimpfungen aller Art. Erreicht wird damit die Einhaltung von Regeln, die die konfliktfreie Kommunikation zumindest meistens möglich machen. Das Stichwort lautet: Höflichkeit. Höflichkeit aber scheint seit einiger Zeit ein rares Gut. Und zwar nicht nur die Großen des Journalismus betreffend. Der Verlust der zwischenmenschlichen Achtung geht bis hinunter zum kleinen Lokalblatt. Bis zu uns.

„warum merkel hat gelassen so viel schwain in deutschland kommen“

Das geht gegen die Flüchtlinge.

„Linksliberal und gutmenschlich. Taugt nicht mal als Klopapier, weil schon beschissen.“

Das geht gegen die Redaktion.

Was ist das für ein Phänomen? Warum vergessen so viele Menschen ihre gute Kinderstube? Prof. Dr. Dr. Peter Kaiser, Psychologe und Psychotherapeut, ehemaliger Chefarzt beim Klinikum Schloss Winnenden und zurzeit beim Sozialministerium für ebensolche Themen und auch für die Flüchtlingsproblematik zuständig, erklärt es kurz und griffig: „Das ist Angst.“ Wer Angst hat, zeigt die Zähne. Erst verbal:

„Da hilft nur noch Ausmerzen und BÜRGERKRIEG!!!!“

Oder:

„Das Wort Asylant, Flüchtling ist gleichzusetzen mit Hass .... Ja und wenn wieder Waffen lieferbar sind, werden diese auch in meinen Autos sein. Und nicht nur da.“

Doch was hier nur eine Fantasie ist, kann Wirklichkeit werden. Aus verbaler Aggression kann, sagt Kaiser, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, Handgreiflichkeit werden. Solche Leute, sagt Kaiser, können, wenn sie in einer kritischen Masse auftreten, etwa Tomaten werfen. Oder Schlimmeres tun.

Die Angst der Menschen, sagt Peter Kaiser, ist normal. Es geht um das Unbekannte, das Fremde. Das Fremde könne man nur akzeptieren, wenn man selbst auf einem soliden Wertegrund stehe. Dann könne der Mensch offen sein, sich das Fremde anschauen, müsse aber nicht alles akzeptieren. „Es kumuliert“, sagt Kaiser, „alles an den Frauen. Unsere Frauen haben null Bock, sich anders zu verhalten“, als sie es seit den Zeiten der Gleichberechtigung tun. Sie wollen sich frei bewegen können, im Bikini auf dem Balkon liegen und nicht angegrapscht werden. Mit den Flüchtlingen aber kommen Bilder von Frauen in Burkas, die nicht aus den Landeserstaufnahmestellen hinausdürfen, und von Männern, die nicht wissen, dass sie ihre Finger gefälligst bei sich zu behalten haben. Die Ereignisse von Köln: ein Tiefschlag für die Flüchtlingspolitik. Die Reaktion:

„Ganz offensichtlich haben diese Neubürger unkontrollierbare sexuelle Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Eine einfache Lösung für dieses Problem wäre, dass alle Willkommens-Klatscher verpflichtet werden, diese Bedürfnisse persönlich zu befriedigen unter der Prämisse, dass ausschließlich die Willkommens-Klatscher zu diesem Zweck herangezogen werden dürfen.“

Köln ist mit nichts zu entschuldigen – aber ist dieser Vorschlag besser?

Peter Kaiser fordert in Sachen Flüchtlingspolitik ganz klare Maßnahmen: Unsere Werte, unser Gesetz – „das muss ein Migrant lernen!“ Und: „Wir brauchen Grenzen.“ Die eine Million, die bislang bei uns gelandet sei, „die können wir locker verkraften. Wenn’s so weitergeht, bekommen wir ein Problem.“ Denn: „Unsere Bürger fühlen sich hilflos.“ Die einzige Möglichkeit, dieser Hilflosigkeit abzuhelfen, sei, dass die Menschen die Fremden kennenlernen. Die Masse der Flüchtlinge in den übergroßen Landeserstaufnahmestellen: „Ein Graus“. Doch der eine, „mein“ Flüchtling, den ich kenne, der ist okay.

Ob die Hass-Schreiber alles Rechte sind? „Vermutlich nicht“, sagt Kaiser. „Aber sie schießen übers Ziel hinaus.“ Diese Beschimpfungen und Bedrohungen? „Überlegen Sie mal“, sagt Kaiser, „wie Menschen, Paare, die sich mal geliebt haben, so unter die Gürtellinie gehen.“ Und da, sagt er, liegt die große Gefahr. Worte, wie sie zurzeit fallen, gegen Flüchtlinge, gegen Journalisten, „das ist sehr unverschämt“. Und: „Das ist ganz schwer, das zu verzeihen.“ Mit Worten kann unglaublich viel kaputt gemacht werden.

Wer verängstigt ist, den soll man ernst nehmen. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Die Verängstigten sollen ihre Kontrahenten ernst nehmen. Und sie so behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen. „Mit solchen Äußerungen geht das nicht.“

Hetze wird bestraft 

Die Hetze im Netz wird zunehmend gerichtlich verfolgt und bestraft. Im Oktober 2015 etwa verurteilte ein bayrisches Gericht einen 31-Jährigen zu mehr als zwei Jahren Haft. Der Mann hatte auf Facebook mehrere Hetzparolen veröffentlicht. Unter anderem habe er geschrieben, man solle Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Helfer „an die Wand stellen und standrechtlich erschießen wegen Verrat am deutschen Volk“. Außerdem habe er in einem Post formuliert, Menschen sollten „in Auschwitz in den Ofen“.

Das Landgericht Hamburg hat einem Facebook-Nutzer jetzt untersagt, die ZDF-Journalistin Dunja Hayali zu beleidigen. Wenn er seine Hasskommentare wiederholt, droht ihm ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro.

Viele bösartige Kommentare aber können schwer strafrechtlich verfolgt werden, denn sie werden anonym abgegeben. Deshalb haben einige Zeitungen und Zeitschriften inzwischen die Kommentarfunktion ihrer Internet-Auftritte abgeschaltet. Unsere Redaktion ist noch nicht so weit gegangen. Doch Kommentare, wie die im Artikel veröffentlichten und diskutierten, werden von unserem Online-Team nicht freigeschaltet.