Waiblingen

Aus der Zeit gefallen

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Sein Meisterwerk: Danny Pagels mit der Standuhr im Stil von 1890. © Gabriel Habermann

Waiblingen. Ein „nicht zeitgemäßes“ Meisterstück hat der Fellbacher Danny Pagels der Handwerkskammer der Region Stuttgart abgeliefert.  Und gerade damit ein Plädoyer geschaffen fürs zeitlose Handwerk: eine Uhr im Stil der Gründerzeit, mit Materialien aus- und gebaut in der Manier der Gründerzeit; eine Uhr voller Geschichte und Geschichten, die nachdenken lässt über die Zeit.

Wer die Zeit zum Klingen bringen möchte, muss erst mal an der Kurbel drehen. Wie überhaupt der Zeitenlauf stets Spannung braucht, sonst bleibt sie stehen – die Zeit. Nein, die ja eigentlich nicht. Es ist die Uhr, die mechanische, deren Rädchen ohne den Zug auf der Feder keinen Rucker mehr täten. Aber steht nicht die Uhr so manches Mal doch für die Zeit, die zum Beispiel überhaupt nicht vergehen will beim ungeliebten, sterbenslangweiligen Geschäft? Denn siehe da, nach der gefühlten Ewigkeit ist der Zeiger gerade mal ein, zwei, höchstens drei winzige Minutenstrichlein weitergerückt? Da sag noch einer, Herr Chronos, der Gott der Zeit, von dem man sagt, er lasse sie vergehen, gar enden, habe mit seinem Chronometer nichts zu tun.

Fast zu schnell verflossen ist die Zeit Danny Pagels, dem Fellbacher, der in einer Hegnacher Restauratorenwerkstatt diese Uhr, sein Schreiner-Meisterstück, gebaut hat. 120 Stunden durfte er brauchen, das hat ihm nicht ganz gereicht. Denn das ist knapp bemessen für eine solche Arbeit. Egal, die Arbeitszeit war nicht in der Kritik. Doch das Möbel, das er um das Uhrwerk von 1889 und um das Spielwerk aus der gleichen Zeit gebaut hat, ist, wie sein Lehrer anmerkte, „nicht zeitgemäß“. Man könnte auch sagen, es ist aus der Zeit gefallen. Oder klingt das besser: zeitlos? Als zeitlos werden so gut wie immer jene Klassiker des Designs bezeichnet, die dem Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen sind. Zeitlos, sagt man, seien sie, weil sie in ihrer Schlichtheit, Schnörkellosigkeit immer anzugucken seien. Immer als schön empfunden würden.

Kein Meisterstück wie die anderen

Man muss die Uhr von Danny Pagels nicht schön finden. Sie ist nicht schlicht und schnörkellos mit ihren gründerzeitlichen Schnitzereien, den kleinen Türmchen, Kuppeln, Säulen, Gesimsen. Sie entspricht nicht dem modernen Geschmack, für den sich in der Feuerbacher Festhalle Ende September sicherlich viel mehr fand. 37 Meisterschüler der Stuttgarter Fachschule für Holztechnik zeigten da, was sie geschaffen hatten, um den „Schüler“ ablegen zu dürfen. Sie hatten Stücke gebaut, die dem Leben heute entsprechen: TV-Möbel zum Beispiel. Möbel, die sogar mit dem Mobiltelefon per Bluetooth gesteuert werden können. Möbel aus modernem Plattenmaterial oder mit viel Glas. Möbel, gebaut mit Hilfe von Computerprogrammen und CNC-Fräsen. Das alles war „meisterlich“, wie ein Meisterstück nun mal sein muss. Wobei „meisterlich“ wahrlich ein sehr vager Begriff ist und daher der Meisterschüler für sein Meisterstück auch ein gewichtiges Pfund an überzeugenden Argumenten einsetzen muss.

Am Ende Schellack poliert, stundenlang

Danny Pagels Argument war das Handwerk. Handwerk ist niemals „nicht zeitgemäß“, sondern zeitlos, weil durch alle Zeiten hin unverzichtbar. Und Danny Pagels hat Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes abgeliefert. Er hat selbst geschnitzt, selbst furniert. Dabei die gewölbten Flächen mit heißen Sandsäckchen in die gewünschte Form gebracht. Wer kann das noch? Am Ende Schellack poliert, stundenlang. Wer macht das noch? Wer nimmt heute, im Zeitalter der Chemiefabriken und schnelltrocknenden, wasserabweisenden Nitroversiegelungen, noch den Stoff, den die Lackläuse zur Brutpflege herstellen und der schon seit über 3000 Jahren bekannt ist? Dessen Beherrschung früher nur Menschen zugetraut wurde, die mehrere Jahre lang gelernt hatten? Danny Pagels hat für seinen Zeitmesser ein Gehäuse gebaut, für das er viel Zeit gebraucht hat, in dem viel Geschichtliches steckt. Und was ist Geschichte, was sind Geschichten, anderes als mit Leben angefüllte Zeit? Was könnte man vom Holz wissen, das im Uhrgehäuse verbaut und schon bald 200 Jahre alt ist, könnte man in ihm lesen wie in einem Buch? Stammt es doch aus alten Möbeln, die – so kaputt, dass ein Restaurieren nicht mehr möglich oder lohnend war – schon um 1820 in den Stuben der Menschen standen. Was da wohl passiert war, geredet wurde?

Sein Meisterstück, sagt Danny Pagels, haben manche Besucher der Ausstellung in Feuerbach nicht einmal als selbiges wahrgenommen. Denn es stand nahe der Bühne, es sah aus, meint er, als sei’s Dekoration gewesen. Es sei halt „komplett was Ausgefallenes“. Und es „lebt“. Es sagt seinem Betrachter, dass es an der Zeit ist – zu arbeiten, zu ruhen, zu leben. Mit warmen, tönenden Glockenschlägen.

Die Mechanik

Die Uhr hat, neben dem Schwarzwälder Uhrwerk von 1898, auch noch ein Spielwerk, das den vollen Stunden zum Stundenschlag Musik hinzufügt.

Das Spielwerk stammt aus derselben Zeit und ist ebenfalls rein mechanisch.

Die Töne werden mit Hilfe von Metallzungen erzeugt. Je kürzer die Zunge, desto höher ist der Ton.

Die Melodie wird mit Hilfe einer Blechplatte erzeugt. In die Platte werden Löcher gebohrt. Die Haken, die dabei in der Oberfläche entstehen, reißen dann die Tonzungen an, die dabei erklingen. Mit der richtigen Anordnung der Löcher und ihrer Haken entstehen die vielstimmigen Melodien.

Das Spielwerk in Danny Pagels Uhr war ursprünglich ein Tischkasten.