Waiblingen

Aus für das grüne Hochhaus

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Es bleibt eine Utopie: Das grüne Hochhaus auf der Korber Höhe. © ARCHY NOVA Projektentwicklung Gm

Waiblingen. Das grüne Hochhaus ist Geschichte. Erwartungsgemäß hat der Gemeinderat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause mit klarer Mehrheit gegen den experimentellen Neubau auf der Korber Höhe gestimmt. Zuvor hatten die Verwaltung und vor allem SPD-Chef Roland Wied nochmals eindringlich für den „Living Tower“ der Archy Nova geworben. Doch die Bedenken überwogen.

Seinen „Living Tower“ hat der Projektentwickler Archy Nova in der Sitzung gar nicht mehr vorgestellt. Wie berichtet, hatte sich bereits im Vorfeld eine klare Mehrheit gegen das Projekt abgezeichnet, so dass nur noch die Verwaltung und die Sprecher der Fraktionen und Gruppen ihre Stellungnahmen abgaben.

„Es ist experimentelles Bauen“

Eine offene Ausschreibung, neun Bewerber, von denen der Gemeinderat drei auswählte und am Ende keiner mehr übrig war: In einem kurzen Abriss erinnerte Oberbürgermeister Andreas Hesky an die Geschichte des Projekts. Dann habe sich Archy Nova ins Spiel gebracht und die Verwaltung mit gutem Grund – und mit Blick auf die Internationale Bauaustellung – vorgeschlagen, am Projekt festzuhalten.

Allerdings seien die Vorstellungen beim Hochhaus-Bau derzeit vom Gewa-Tower in Fellbach überschattet, sagte Hesky – auch wenn aus Sicht des Oberbürgermeisters die Situation in Waiblingen eine völlig andere ist. Nur halb so hoch wie der pleite gegangenen Gewa-Tower sollte das grüne Hochhaus werden, ganz anders sei die Lage mit Blick in die Stadt und freie Landschaft.

Zudem, ergänzte Baubürgermeisterin Birgit Priebe, solle das Risiko durch eine Finanzierungszusage der Bank minimiert werden. „Es ist experimentelles Bauen“, warb sie. „Und es wäre eine unglaubliche Chance, etwas Besonderes zu machen.“

„Zu einem utopischen Preis alle Vorstellungen unter einen Hut“

Überzeugen konnte sie die Mehrheit nicht mehr. Diese Art von Wohnungen würden in Waiblingen nicht benötigt, meinte ALi-Sprecher Alfonso Fazio, eine soziale Mischung werde es in diesem Hochhaus nicht geben. Das grüne Hochhaus stehe für ihn für Luxus-Wohnungen und ein finanzielles Risiko, gab Bernd Wissmann (Bübi) zu Protokoll.

Hohe Kosten nannte auch CDU-Chef Siegfried Kasper als Grund für die Ablehnung seiner Fraktion. Während des Wettbewerbs habe sich rausgestellt, dass die Realisierung mit unverantwortlichen Kosten verbunden wäre, sagte er.

„Wir tun gut daran, die Finger davon zu lassen“

Die Vorstellungen des neuen Investors seien ein Konzept der Beliebigkeit: Zu einem Preis, den die anderen utopisch fanden, wolle er alle Vorstellungen unter einen Hut bringen. Fragwürdig fand Kasper auch das zugrunde liegende Genossenschaftsmodell: „Wir tun gut daran, die Finger davon zu lassen.“

Am Genossenschaftsmodell störte sich auch DFB-Chef Wilfried Jasper. Zum Mieten einer 100 Quadratmeter großen Wohnung seien zunächst für 60 000 Euro Genossenschaftsanteile zu erwerben. „Die Monatsmiete beträgt dann 1280 Euro plus ca. 200 bis 300 Euro Nebenkosten, zusammen also ca. 1550 Euro“, rechnete er vor.

Spannend und experimentell

Dafür dürfe man keine eigene Waschmaschine betreiben, habe keinen Auto-Stellplatz, sollte an der Gemeinschaftsverpflegung teilnehmen und müsse für alle Angebote separat bezahlen. Vorgefertigte Küchen und Nasszellen in den Wohnungen, gemeinschaftliche Essenszubereitung und pauschale Abrechnungen seien aber nicht jedermanns Geschmack.

Spannend und experimentell fand dagegen SPD-Chef Roland Wied das Modell. „Statt Haare in der Suppe zu suchen, könnte man das mit Begeisterung angehen“, meinte Wied und appellierte an die Räte, neu nachzudenken.

Der Kaufpreis fürs Grundstück käme der Stadt gelegen, die Zeiten für Wohnungsbau seien günstig: „Wir wollen und brauchen kostengünstige Wohnungen. Serviceleistungen, eine gemeinsame Küche, Waschmaschinen und Gästezimmer sind doch positiv zu bewerten!“

„Für mich ist das zukunftsweisend“

Die Nebenkostenabrechnung sei dagegen nicht Sache des Gemeinderats. Die Finanzierung müsse gesichert sein, für die Einhaltung der Vorgaben sei die Verwaltung zuständig. „Wir sollten das Projekt auf die Schiene setzen“, appellierte Wied an seine Kollegen. Ins selbe Horn stieß auch Daniel Bok (Grünt). „Für mich ist das zukunftsweisend“, sagte er. „Und eine Chance für Waiblingen, innovatives Bauen mit großen Partnern voranzutreiben.“

Doch gerade das Modell überzeugte Julia Goll (FDP) ganz und gar nicht. Das Konzept sei noch nirgends umgesetzt worden, stelle viele Bedingungen und bleibe völlig unkonkret. Es sei klar, dass man spart, wenn gemeinsam gewaschen und gekocht wird, stellte sie pragmatisch fest. Niemand wisse aber, ob all das die Voraussetzungen seien, damit das Modell funktioniert. Das habe den Rat schon zu interessieren. „Schlichter Optimismus hilft nicht. Wir müssen die Einzelheiten bewerten.“

Am Ende wurde das Hochhaus mehrheitlich abgelehnt. Mit knapper Mehrheit angenommen wurde der Antrag der DFB, das Grundstück derzeit nicht anderweitig zu bebauen. Konkrete Pläne dazu gibt es derzeit aber ohnehin nicht.


Das Konzept der Archy Nova fürs Öko-Haus

  • Baustoffe wie Holz und Flachs, weniger Beton, robuste Materialien und Verzicht auf unsinnige Technik sollen den Energieverbrauch im Living Tower minimieren. Fotovoltaik mit Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung sollen den größten Teil an Strom und Wärme zurückbringen.
  • Zum Konzept der Archy Nova gehören soziale Komponenten wie Mehrgenerationen-Wohnen, bei dem Senioren beispielsweise mittags nach den Kindern schauen sollen, die von der Schule kommen und ihr Mittagessen im Gemeinschaftsbereich erhalten. Jüngere sollen für Ältere einkaufen, zum Haus sollen Serviceleistungen in Küche oder Wäscherei gehören, außerdem fünf Elektrofahrzeuge und ein gemeinschaftliches Gästeapartment, das das eigene Gästezimmer in der Wohnung überflüssig macht.
  • Die Betriebskosten sollen niedriger liegen als bei vergleichbaren Neubauten herkömmlicher Bauweise, wobei Unterhalt und Pflege der Balkone bereits eingerechnet seien. Durch eine professionell organisierte gemeinschaftliche Essenzubereitung, mehrere Gemeinschaftswaschküchen, Mieträume für Arbeit, Sport und Spiel, Car-Sharing und diverse Services wie Waschen und Bügeln sollen ein entspanntes und konsumreduziertes Leben gefördert werden.

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14.07.2017: Mehrheit gegen grünes Hochhaus

07.02.2017: Zwei Entwürfe im Rennen ums grüne Hochhaus

21.01.2016: Hochhaus auf der Korber Höhe: Schöner als der Gewa-Tower