Waiblingen

Aus Langeweile Roller geklaut

Schild
Symbolbild. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Doppeltes Glück hat ein 25-Jähriger aus Korb gehabt, der sich vor dem Amtsgericht wegen siebenfachen Diebstahls und schwerer Körperverletzung verantworten musste: Weil er einerseits zum Zeitpunkt der einen Tat erst 20 Jahre alt war, wurde Jugendstrafrecht angewandt. Weil die Taten andererseits mehr als vier Jahre zurückliegen, gab es eine Geldstrafe statt Jugendarrest.

Die Liste seiner Vorstrafen ist lang: Aus den Jahren 2010 bis 2012 liegen fünf Einträge im Bundeszentralregister vor, darunter Diebstahl, Sachbeschädigung, Bedrohung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollzugsbeamte. Mehrfach war der heute 25-jährige gebürtige Schorndorfer mit italienischen Wurzeln zu jeweils einer Woche Jugendarrest verurteilt worden.

Nun musste er sich vor dem Waiblinger Amtsgericht wegen zweier Vergehen aus den Jahren 2011 und 2012 verantworten, die er gemeinsam mit Freunden begangen haben soll. Die Freunde sind längst verurteilt und haben ihre Strafen verbüßt, einer sitzt – allerdings wegen anderer Vergehen – im Gefängnis. Der junge Mann aus Korb hingegen wurde erst jetzt angeklagt. Er hatte sich Anfang 2012 nach Sizilien, auf den Bauernhof seines Großvaters, abgesetzt. Erst als er im vergangenen Jahr nach Korb zurückkehrte, wurde die Polizei wieder auf ihn aufmerksam.

Sieben Motorroller geknackt

Vorgeworfen wird ihm, gemeinsam mit Freunden an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im August 2011 insgesamt sieben Motorroller geknackt und kurzgeschlossen zu haben, um damit herumzufahren. An einem Achten sollen sie sich versucht haben. Ging ihnen der Sprit aus, haben die Jungs demnach den alten Roller liegen gelassen und einen neuen gestohlen. In der Silvesternacht 2011/2012 soll der damals bereits 21 Jahre alte Deutsch-Italiener dann an einer Auseinandersetzung zwischen zwei Jugendgruppen beteiligt gewesen sein, die in eine Massenschlägerei ausartete.

Vor Gericht präsentiert sich ein ruhiger, junger Mann mit etwas verlorenem Blick. Er wirkt so gar nicht wie der Rowdy, den man bei seinem Vorstrafenregister erwarten könnte. Einen Verteidiger hat er nicht, er vertritt sich selbst, setzt sich möglichst weit vom Vorsitzenden Richter Luippold und den Schöffen weg auf die Anklagebank. Mitgebracht hat er nur seine Freundin.

Angeklagter ist geständig

Die Herkunft des jungen Mannes ließe sich als prekär bezeichnen: Als er vier Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern, der Vater geht zurück nach Italien. Jahrelang hat er keinen Kontakt zu ihm. Der Junge wächst mit seinem älteren Bruder bei der Mutter auf. Die arbeitet als Kantinenhilfe und Kellnerin, um sich und ihre Söhne durchzubringen. Er bleibt in der vierten Klasse sitzen, geht 2006 ohne Abschluss von der Hauptschule. Beginnt eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, aber bricht sie nach wenigen Monaten ab. Beginnt eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, hält diesmal etwas länger durch, wiederholt das erste Lehrjahr, bricht wieder ab. 2010 holt er seinen Hauptschulabschluss nach. Danach kommt erst mal nichts – nur die Straftaten, für die er nun angeklagt ist.

Die gibt er auch unumwunden zu. Langeweile sei es gewesen, die ihn und seine Freunde zum Rollerklau getrieben habe. „Und dann hat der erste geklappt, das war ein Erfolgserlebnis. Dann haben wir halt weitergemacht“, schildert der Angeklagte. Was die Schlägerei an Silvester angehe, da sei es einfach eskaliert, alles. „Wir haben Alkohol getrunken, jede Menge“, gibt er zu. Dann habe jemand Böller geworfen, daraufhin habe es ein Handgemenge gegeben. „Um mich herum sind die Backpfeifen geflogen, da waren auch Frauen auf dem Boden“, erinnert er sich. Er selbst habe aber nur einmal geschlagen und vielleicht einmal „gekickt“.

Es sei damals einfach das falsche Umfeld gewesen, die falschen Freunde mit den falschen Ideen. Während seiner Zeit in Italien hat der Angeklagte im landwirtschaftlichen Betrieb seines Großvaters gearbeitet. Das scheint ihn geläutert zu haben: Zu den Leuten von damals habe er heute keinen Kontakt mehr und seine Ausbildung zur Altenpflegehilfskraft, die er im April 2016 begonnen hat, wolle er auf jeden Fall abschließen, beteuert er.

Am Ende hatte der Angeklagte in zweifacher Hinsicht Glück: Das Gericht entschied, der Empfehlung der Jugendgerichtshilfe zu folgen und das Jugendstrafrecht anzuwenden, obwohl er zum Zeitpunkt der schweren Körperverletzung bereits 21 Jahre alt und somit voll strafmündig gewesen war.

Möglich war das, weil beide Taten gemeinsam verhandelt wurden. Glück hatte der Angeklagte auch, da er am Ende nur zu einer Geldstrafe in Höhe von 750 Euro verurteilt wurde, zu zahlen in monatlichen Raten zu je 50 Euro.

Wäre der Fall gleich im Jahr 2012 verhandelt worden, wäre der Angeklagte nicht so glimpflich davongekommen. Da wäre es wohl auf Jugendarrest ohne Bewährung hinausgelaufen, wie der Vorsitzende Richter Luippold betonte.

Weitere Geldstrafe

  • Der Angeklagte muss noch eine weitere Geldstrafe abbezahlen.
  • Bevor er sich im Jahr 2012 nach Italien absetzte, geriet er in eine Auseinandersetzung mit zwei Polizisten. Bei einer Polizeikontrolle weigerte er sich, seinen Ausweis zu zeigen.
  • Sein Protest ging so weit, dass er einen Polizisten im Gesicht, den anderen am Daumen verletzte und beide beleidigte. „Mein Bruder ist 81 in Stuttgart (Mitglied der Hells Angels, Anmerkung der Redaktion), er bringt euch alle um“, soll er zudem gedroht haben.
  • Er wurde deshalb zu einer Geldstrafe von 1800 Euro verurteilt, zu zahlen in monatlichen Raten à 60 Euro.