Waiblingen

Ausstellung: Stankowskis freie Zeichenknechte

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Einstige „Zeichenknechte“, die alle ihren eigenen Weg gefunden haben: Hans Ginter, Peter Lorenz und Fritz Arnold (von links) bei der Hängung ihrer Arbeiten im Druckhaus Waiblingen. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Am Sonntag ist Vernissage im Zeitungshaus Waiblingen mit Arbeiten von Fritz Arnold, Hans Ginter und Peter Lorenz.

Waiblingen. Anton Stankowski (1906–1998) gilt als einer der einflussreichsten Grafik-Designer des 20. Jahrhunderts. Als „meine Zeichenknechte“ bezeichnete er im Stuttgarter Atelier vor Kunden gerne seine jungen Mitarbeiter. Darunter Fritz Arnold, Hans Ginter und Peter Lorenz, die diese Zeit als „Schule des Sehens und der Wahrnehmung“ erinnern. Als freie Künstler aber sind sie, wie in der exquisiten Ausstellung im Zeitungshaus zu sehen, ihre eigenen Wege gegangen.

Stankowski? Nie gehört? Und doch kennt jeder seine Gebrauchsgrafiken, ohne sie jedoch mit seinem Namen zu verbinden. Etwa das Firmenlogo der Deutschen Bank von 1974: aufwärtsstrebender blauer Balken in blauem, quadratischen Rahmen. Der immerwährende Kursanstieg im kantigen Safe als einprägsames Bildkürzel in fünf Strichen! Das machte das Genie – und den Erfolg – von Anton Stankowski aus.

"Man musste nach einer Weile gehen, um sich weiterzuentwickeln"

Zu unterschiedlichen Zeiten arbeiteten Fritz Arnold (geboren 1935 in Stuttgart), Peter Lorenz (1942 Korntal) und Hans Ginter (1944 Freiburg) im Stuttgarter Atelier von Stankowski. Ginter erinnert sich: „Er brauchte keine Grafiker mit eigenen Ideen; wir waren nur Ausführende.“ Daher auch der selbstironisch-selbstbewusste Gruppenname des Künstlertrios: „Zeichenknechte“. „Man musste nach einer Weile gehen, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Hans Ginter. Prägend ist die Zeit bei „Stanko“ dennoch für alle drei gewesen.

Vor allem sein Minimalismus, die Reduktion aufs Wesentliche und das konkret Auf-den-Punkt-Kommen. Nur bei des Meisters Absage an die „Handschrift“, also das Individuelle, haben die „Zeichenknechte“ im (beruflichen) Spagat zwischen angewandter und freier Kunst sich dann doch befreit; ohne dabei Vatermörder zu werden.

Wahrnehmungs-Aufklärung über die Suggestion des Bildraumes

Auf den ersten Blick hat Hans Ginter der Formenstrenge Stankowskis am stärksten die Treue gehalten. So bestehen die 25 quadratischen Täfelchen eines Bildensembles aus klaren geometrischen Formen in, neben Schwarz, Weiß und Grau, ungemischt leuchtenden Grundfarben. Und doch muten die Tafeln zusammen gelesen, in ihrem seriellen Minimalismus, wie ekstatisch gebändigte Farb-, Form- und Feld-Tönungen an, die in einer geradezu musikalischen Leichtigkeit dahinzuströmen scheinen. Die Formen spielen sich ihren eigenen Zauber vor.

Und bei aller Ordnung, die als zwanghaft hier denunziert wäre, gibt es bei Ginter Werke von einer raum-aufhebenden, schwebenden Transzendenz. Etwa wenn über Reihen schwarzer Vierecke, leicht versetzt, gleich große, aber farbige Parallelogramme gelegt werden. Der Eindruck ist bestürzend. Es ist, als ob die farbigen Elemente desertierten, sich aus dem Bild ablösten. Ordnung, die trügt. Aus konkreter Formspielerei wird hier kritische Wahrnehmungsaufklärung über die Suggestion des Bildraums!

"Entweder Ordnung oder Chaos"

Sehr viel expressiver, ja malerischer geht dagegen Peter Lorenz mit den auch bei ihm vorhandenen einfachen, geometrischen Formen um. Bei ihm aber öffnen sie sich osmotisch in ihre nachbarschaftliche Umgebung, scheinen gar zu pulsieren und haben keine Scheu, dem „Unreinen“, dem Spontanen, etwa in peinlichen Unfällen wie Flecken oder Farbspritzern, ein eigenes Gestaltungsrecht zuzugestehen.

Lorenz riskiert es, das Andere der scheinbar gefestigten Form mitzumalen; nämlich ihre Splitter, ihren Zerfall und ihre mögliche Auflösung. Damit bannt er das zerstörerische „entweder Ordnung oder Chaos“ in ein meditatives Zugleich, in eine potenzielle Versöhnung. Dazu gehört die subjektiv-objektive Verletzlichkeit dieser Bilder, dadurch, indem Lorenz die individuelle Spur seines Malstrichs ausstellt.

So entstehen raue Oberflächen, die dazu führen, dass sich das Bild vor innerer Spannung geradezu wölbt oder in missvergnügte Falten legt. Bei Stankowski undenkbar: Das glatte Bild nimmt hier Reißaus aus der Fläche ins Relief und zeigt sich als geschundene Haut!

Wunderbare Feier des konkreten Humors

Am weitesten entfernt von den „konkreten“ Formen Stankowskis hat sich von den drei Künstlern wohl Fritz Arnold. Dabei setzt er sich meist satirisch-frech mit unseren konkreten Lebensumständen auseinander. Aber, in alter Stankowski-Schule, ohne Geschwätzigkeit, sondern direkt auf den (abgründigen) Punkt gebracht.

Erotik? Entzückend Arnolds Kamasutra-Figuren aus Teig in den abstrusesten Stellungen. Aber der Teig, das Fleisch altert. Wilde Turnereien mit mürbe gewordenem Material. Das, so sieht’s wohl aus, blüht uns allen. Die Lust aber bleibet ewiglich, wie auf Arnolds altersironischem Cartoon zur Proust’schen „Suche nach der verlorenen Zeit“. Das hat zauberhaften Witz, der böse werden kann wie in der Zeichnung „Krisengipfel“, dem Shakehands zweier Politiker, deren Gesichter aus Backsteinen bestehen.

Eine grandiose Ausstellung – und eine wunderbare Feier des konkreten Humors!


Info

Die Vernissage der Ausstellung findet statt am Sonntag, 4. März, um 11.15 Uhr im Druckhaus Waiblingen. Zur Einführung spricht Marlies Weber-Raudenbusch. Die Ausstellung ist bis zum 20. April von Montag bis Donnerstag 8 bis 17.30 Uhr und freitags von 8 bis 16.30 Uhr geöffnet.


Neue Sachlichkeit

Anton Stankowski, der ab 1927 an der Folkwangschule Essen studiert hatte und nach dem Krieg an der Hochschule für Gestaltung Ulm lehrte, steht in der lebensreformerischen deutschen Werkbund- und Bauhaus-Tradition einer Neuen Sachlichkeit der Einheit von Form und Funktion.

Stankowski war auch Fotograf. Im Foyer des Druckhauses sind zehn seiner Arbeiten zu sehen. Dabei fasziniert etwa der Blick auf eine geöffnete Erbsendose oder ein Set von Löffel und Gabel in einer Serviette. Still-Leben, die in Zeiten der Massenproduktion die Wiederverzauberung des Einzel-Objekts inszenieren. Als melancholischen Abgesang.