Waiblingen

Ausstellung zum Hochwasser an Weihnachten 1919

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Hochwasser in Waiblingen anno 1919 rum   hier am beinsteiner tor  aus Buch waiblingen in alten ansichtskarten
Boote in der Langen Straße. © Stadtarchiv
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Kristina Kraemer und Matthias Gandlau am Stadtmodell, das das Hochwasser simuliert. © ZVW/Benjamin Büttner
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„Rems-Korrektion“ am Häckerwehr in den 30er Jahren. © Stadtarchiv Waiblingen

Waiblingen.
Stell’ dir vor, es ist Heiligabend – und weite Teile der Stadt gehen in der Rems unter. Es waren alles andere als weiße Weihnachten, was die Waiblinger 1919 erlebten, sondern triefendnasse, schlammige und reichlich ungemütliche. 85 Gebäude wurden von den Fluten heimgesucht, die meisten davon in der Weingärtner Vorstadt und in der Badstraße. Die Talaue und die Erleninsel standen unter Wasser, durch den Schwanen-Saal schwappten die Wellen, bis zur Festhalle bei der alten Karolingerschule kroch der zum Strom angeschwollene Fluss voran. Das ganze Remstal zwischen Schwäbisch Gmünd und Waiblingen, berichtete die Zeitung, glich einem tosenden See von bis zu zwei Kilometern Breite.

Hätten sie sich damals am selben Ort befunden wie jetzt, das Wasser würde den beiden Historikern Kristina Kraemer und Matthias Gandlau bis über die Köpfe stehen. Im Foyer des Hauses der Stadtgeschichte, im Volksmund früher auch schlicht das „große Haus an der Rems“ genannt, richten sie eine Ausstellung über jenen Tag ein: „Als Weihnachten ins Wasser fiel“. Im Mittelpunkt steht ein animiertes Modell, das Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums in Winnenden mit Hilfe eines 3-D-Druckers gebaut haben. Eine handelsübliche Pumpe für Aquarien spült Wasser in die maßstabsgetreu nachgebildeten Gassen, um die Ausmaße der Flut zu verbildlichen.

Spendenbereitschaft war enorm hoch

„Man muss sich vorstellen, der Weltkrieg war erst zu Ende, eine neue Republik gegründet, es herrschte wirtschaftliche Not.“ Kristina Kraemer blättert durch die amtliche Schadensliste. In der Summe sind es mehr als 160 000 Mark, ein für damalige Verhältnisse gewaltiger Betrag. Am härtesten getroffen wurde ein Zimmermann, dessen kompletter Holzvorrat im Wert von 15 000 Mark nach Remseck trieb. Unter Mangel an Kohlen und Briketts litten die Menschen ohnehin. Dabei half gegen die unmittelbaren Folgen des Hochwassers nur eins: Lüften und Heizen. Die Feuchtigkeit schlich sich in Möbel, in die Wände und unter die Böden. Im Schwanen-Saal so sehr, dass es erneut zu Wellen kam: Das Holz krümmte sich knöchelhoch.

Schulkinder gingen durch die Stadt, um für die Geschädigten zu sammeln. „Die Spendenbereitschaft war enorm“, berichtet Matthias Gandlau. Man gab, was man konnte. Kleine Leute zwackten mühsam zwei Mark ab, reiche Unternehmer halfen mit stolzen Summen. Ein Auswanderer überwies 100 Mark aus den USA in die alte Heimat. 20 000 kamen zusammen, was bei weitem nicht reichte. Der auf schwachen Füßen stehende Staat hatte keine Reserven zu geben. Aber es wuchs die Überzeugung, dass etwas geschehen musste, um erneute Katastrophen zu verhindern.

Und dann wurde der Fluss über weite Strecken zum Kanal

Was in den folgenden Jahrzehnten geschah, spiegelte den Geist des 20. Jahrhunderts, den Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur: Die unberechenbare Gewalt der Rems musste in ihr Bett gezwungen werden. Die unendlichen Schleifen des natürlichen Flusses schienen nämlich Hochwasser zu begünstigen, denn in den versandeten Flachwasserzonen tendierte die Fließgeschwindigkeit gegen null. Im Zuge der „Rems-Korrektion“ wurden Durchstiche gegraben, aus Schleifen wurde eine lange Gerade, die Rems wurde zum Kanal. Das Wasser sollte schnell abfließen können. In großen Bauprojekten wurden Wehre errichtet, Brücken verstärkt und Ufer befestigt. Die Folgen sind heute noch entlang der Neustädter Straße zu sehen, allen Bemühungen um Renaturierung und Wiederbelebung der Ufer zum Trotz. Spätestens nach 1990 setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Fluss mehr Flächen braucht. Rückhaltebecken sollen zukünftigen Hochwassern die Spitze nehmen. Doch erst drei der neun vom Wasserverband Rems geplanten Becken sind realisiert. Und der menschengemachte Klimawandel, davon sind Kristina Kraemer und Matthias Gandlau überzeugt, wird dafür sorgen, dass vermeintliche „hundertjährliche“ Hochwasser immer häufiger auftreten.


 

Waiblingen.
Stell’ dir vor, es ist Heiligabend – und weite Teile der Stadt gehen in der Rems unter. Es waren alles andere als weiße Weihnachten, was die Waiblinger 1919 erlebten, sondern triefendnasse, schlammige und reichlich ungemütliche. 85 Gebäude wurden von den Fluten heimgesucht, die meisten davon in der Weingärtner Vorstadt und in der Badstraße. Die Talaue und die Erleninsel standen unter Wasser, durch den Schwanen-Saal schwappten die Wellen, bis zur Festhalle

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