Waiblingen

Büstenhalter und Stahlhelme: Das Stadtmuseum Waiblingen nutzt Corona-Ausfälle, um sein Inventar zu durchforsten

Stadtgeschichte
Helm oder Gülleschöpfer? © Gabriel Habermann

Wenn ein Büstenhalter neben der Statue des reuigen Petrus und einem Stahlhelm liegt, haben sich die Kuratoren nicht etwa vergriffen. Vielmehr haben sie bewusst ein ganzes Regal aus dem Depot ins Haus der Stadtgeschichte verfrachtet. Intervention heißt die so entstandene neue Schau. Die ursprünglich für Herbst und Winter geplanten Ausstellungen wurden verschoben, da lange unklar war, wann und wie das Haus öffnen kann und ob Begleitprogramme stattfinden können.

„Wenn wir keine Ausstellung zeigen können, zeigen wir das Museum als Ordnungsinstitution, uns und unsere Arbeit“, erklärt Sammlungsleiterin Kristina Kraemer. Sie hat die Intervention gemeinsam mit ihrer Kollegin Tanja Wolf und Gerhard Prinz konzipiert. Prinz, der früher bei der Landesstelle für Volkskunde tätig war, unterstützt das Haus der Stadtgeschichte regelmäßig mit Wissen und Tat.

Wer weiß, wo der reuige Petrus stand?

Doch was genau tun die Mitarbeiter eines Museums? Im Zentrum der Arbeit stehen die Objekte der Sammlung. Mehr als 16 000 sind bereits in der internen Datenbank aufgelistet, und dabei sind noch nicht einmal alle erfasst. Gezeigt wird bei Ausstellungen nicht einmal ein Prozent davon. Die meisten Objekte lagern viele Jahre lang in den Depots des Museums, vor Staub geschützt in nummerierten Kartons. Nummer 752 enthält Arbeitshandschuhe, eine Schürze, ein Brokatkleid und einen Wäscheklammersack. Es ist einer der Kartons, die aktuell im Haus der Stadtgeschichte zu sehen sind. „Die Intervention bietet die einmalige Chance, Schätze zu zeigen, die sonst nie zusammen gezeigt werden könnten“, sagt Kraemer. Dabei tauchen zwischen den Exponaten, die zufällig nebeneinander im Regal lagern, manchmal ungeahnte Querverbindungen auf. So sind beim Auspacken der Kisten für die Intervention etwa historische Pantoffeln sowie ein Stoffmuster-Buch der Seidenweberei Küderlin zum Vorschein gekommen. „Beides ist aus Seide, und so regen die Objekte zum Nachdenken an, wer wohl bei welchen Anlässen den luxuriösen Stoff trug“, findet Kraemer.

Unter den Exponaten, die derzeit zu sehen sind, befinden sich auch Dinge, über die die Experten selbst kaum etwas wissen. „Der reuige Petrus kam ohne weitere Infos in den 80er Jahren zu uns“, erzählt Kraemer. Nun hofft sie auf Hinweise von Besuchern, vielleicht weiß jemand, ob die Statue in einer Waiblinger Kirche stand? „Häufig verbergen sich hinter kleinsten Exponaten tolle Geschichten, doch die müssen wir kennen.“ Über den Stahlhelm neben Petrus weiß sie, dass er in seinem „zweiten Leben“ als Gülleschöpfer in einem Waiblinger Vorgarten verwendet wurde. Wer den Büstenhalter daneben trug, ist nicht bekannt. Er muss ein Lieblingsstück gewesen sein, davon zeugen zahlreiche Flickarbeiten und das Gummiband, mit dessen Hilfe er mit seiner Besitzerin zusammengewachsen ist. Die persönlichen Geschichten hinter den Objekten interessieren die Museumsmacher am meisten. „Es ist eine tolle, spannende Arbeit“, sagt Krämer.

So funktioniert das Inventarisieren

Die Intervention gewährt auch Einblick in die weniger aufregenden Teile der Museumsarbeit, das Inventarisieren etwa. Dabei wird nicht nur jedem Objekt eine Nummer zugeordnet, sondern jedes Exponat auch genau beschrieben, ermittelt, aus welchem Kontext es stammt, entschieden, wie der Gegenstand verpackt und aufbewahrt werden soll und ob er gereinigt oder restauriert werden muss. Wie dieser Prozess abläuft, kann jeder Besucher mit seinem Kuli oder seiner Armbanduhr einmal selbst ausprobieren. „Mit der Intervention wollen wir nicht nur Einblick in unsere Arbeit geben, sondern auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen“, sagt Kristina Kraemer, die in den kommenden Monaten ihren Arbeitsplatz stundenweise in den Ausstellungsraum verlagert.

Info

Die Intervention ist bis 31. Januar 2021 im Haus der Stadtgeschichte, Weingärtner Vorstadt 20, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Wegen der Corona-Auflagen dürfen maximal acht Besucher gleichzeitig in den Ausstellungsraum, eine Anmeldung ist aber nicht erforderlich.

Wenn ein Büstenhalter neben der Statue des reuigen Petrus und einem Stahlhelm liegt, haben sich die Kuratoren nicht etwa vergriffen. Vielmehr haben sie bewusst ein ganzes Regal aus dem Depot ins Haus der Stadtgeschichte verfrachtet. Intervention heißt die so entstandene neue Schau. Die ursprünglich für Herbst und Winter geplanten Ausstellungen wurden verschoben, da lange unklar war, wann und wie das Haus öffnen kann und ob Begleitprogramme stattfinden können.

„Wenn wir keine

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