Waiblingen

Bahnhofskäufer lässt Autos abschleppen

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Fassungslos waren diese beiden Frauen, als ihre Autos am Bahnhof weg waren. © ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen-Neustadt. Stell dir vor, du steigst aus der S-Bahn und dein Auto ist weg. Das hat Sonja Windisch erlebt, als sie vergangenen Dienstag aus Stuttgart kam und nach Hause fahren wollte. „Mir ist richtig schlecht geworden“, erinnert sie sich. Ihr Auto war abgeschleppt worden: auf Betreiben des neuen Besitzers des Neustädter Bahnhof-Gebäudes.

Wie Sonja Windisch ging es einer ganzen Reihe von Frauen, die am Dienstag und Mittwoch ihre Autos wie gewohnt am Neustädter Bahnhof abgestellt hatten. Übersehen hatten sie die neuen Schilder des Hausbesitzers mit dem Hinweis, dass die Straße zum Bahnhof Privatgelände ist. Als die Frauen nach Hause fahren wollten, waren die Autos weg. Abgeschleppt – wie sie durch Nachfragen bei der Polizei beziehungsweise einem Passanten erfuhren. Beim Abschleppunternehmen in Cannstatt konnten sie ihre Autos abholen. Kosten: 232 Euro. „Ich bin sauer“, sagt Sonja Windisch. „Das ist doch nicht verhältnismäßig“, ärgert sich eine andere Frau. Keiner habe die Schilder registriert, nachdem es viele Jahre gängige Praxis war, direkt am Bahnhof zu parken.

Damit ist es jetzt vorbei. Ende September war das marode Bahnhofsgebäude versteigert worden. Neuer Besitzer ist Yakup Yurdakul, dessen Familie seinen Angaben zufolge bereits mehrere Bahnhöfe gekauft, saniert und weitervermietet hat. Auch die Wohnungen im Neustädter Bahnhof sollen saniert und vermietet werden, sagt Yurdakul. Ins Erdgeschoss soll ein Imbiss einziehen, ein provisorischer Imbiss-Wagen steht schon bereit. Nun brauche er die Parkplätze für sich und die Handwerker. Um dies den Autofahrern klar zu machen, habe er am Freitag nicht nur Schilder aufgestellt, sondern auch Zettel hinter die Scheibenwischer der Autos gesteckt. „Am Dienstag habe ich dann abschleppen lassen“, sagt er. „Meine Geduld war erschöpft.“

Darf er das?

OB Hesky ist wenig begeistert

Ja, sagt ein Sprecher der Bahn. Fläche und Haus seien verkauft, „das ist jetzt Privatgelände.“ Ja, sagt auch der Waiblinger Ordnungsamtschef Oliver Conradt. „Er hat berechtigte Interessen, dass er da parken kann.“ Dass die Situation an einer S-Bahnhaltestelle aber nicht ganz einfach ist, weiß auch der Ordnungsamtsleiter. Am Freitag war er gemeinsam mit Ortsvorsteher Fatih Ozan vor Ort – eine Lösung fand sich nicht. Rein rechtlich handle es sich um eine privatrechtliche Angelegenheit, bei der die Stadt nichts zu sagen hat, sagt Oberbürgermeister Andreas Hesky. Gleichwohl ist er vom Vorgehen des Bahnhofsbesitzers wenig begeistert. „Ich halte das für keinen guten Stil.“ Vor allem sei es kein guter Beginn einer Partnerschaft.

Genau die vermisst der Oberbürgermeister auch bei der Deutschen Bahn. Die Stadt selbst hatte sich an der Versteigerung des Neustädter Bahnhofes nicht beteiligt. Bei der Auktion war das Gebäude für 340 000 Euro unter den Hammer gekommen, ein Preis, der nach Aussagen Heskys deutlich über dem Ergebnis des Gutachterausschusses lag. Damals war die Stadt davon ausgegangen, dass der Bahnhof nicht nur teuer saniert werden muss, sondern auch die Nutzungsmöglichkeiten des denkmalgeschützten Bahnhofgebäudes stark eingeschränkt sind. „Möglich sind dort Gaststätten und Gewerbe, Wohnungen sind aufgrund der Lärmbelastung aber nicht zulässig“, sagte der OB damals. Auch Vergnügungsbetriebe und Spielstätten seien ausgeschlossen. Andererseits müsse der neue Eigentümer der Räum- und Streupflicht auf dem Weg zu den Gleisen nachkommen.

Die beiden Wohnungen haben Bestandsschutz

Nun aber stellt sich die Situation anders dar als angenommen. „Die beiden Wohnungen haben Bestandsschutz“, räumt Hesky ein. Die Bahn mache keine Anstalten, das Gebäude zu entwidmen, weshalb es noch Teil des Bahnvermögens sei. Die Stadt sei für die Genehmigungen deshalb nicht zuständig. „Wir versuchen, mit der Bahn Kontakt aufzunehmen“, kündigt er an. „Aus Sicht der Stadt sagen wir, es ist falsch, Wohnungen zuzulassen. Qualitätsvolles Wohnen ist an dieser Stelle wegen Lärm und Erschütterungen nicht möglich.“ Späteren Mietern, die sich irgendwann beschweren mögen, sagt er schon jetzt: „Wendet euch an die Bahn.“ Diese hat auf Anfrage angekündigt, den Vorgang nochmals zu überprüfen. Wer am Ende über Parkplätze und Nutzung entscheiden wird, ist offen.