Waiblingen

„Barrierefrei geht anders“

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Werner Geier und Monika Bläsing finden, die Gemeinde sollte bei Bauprojekten mehr Wert auf Barrierefreiheit legen. © Ramona Adolf
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Monika Bläsing ist trotz Rollstuhls viel unterwegs. © Ramona Adolf
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Werner Geier hat 30 Jahre lang Fußball gespielt. © Ramona Adolf
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In der Wasserrinne bleiben die Räder hängen. © Ramona Adolf
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An der Tannäckerstraße kippt der Rollstuhl. © Ramona Adolf

Kernen-Stetten. Bordsteine, schmale Durchgänge, herumstehende Mülleimer, auf dem Gehweg parkende Autos und Türen, die nicht automatisch öffnen – vieles, was auf den ersten Blick zwar ärgerlich, aber alltäglich ist, kann für Rollstuhlfahrer zum Problem werden. Dann nämlich, wenn sie sich deshalb nicht ohne Hilfe fortbewegen können. Eine Rundfahrt durch Stetten.

„Das ist hier in Stetten wirklich ein Problem. Nullabsenkungen gibt es quasi nicht“, sagt Werner Geier. Der 61-Jährige ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt und seit sieben Jahren auf Rollstuhl und Rollator angewiesen. „Ich verstehe das nicht, in anderen Gemeinden klappt es doch auch mit der Barrierefreiheit“, fügt Geier hinzu. Wieso dann gerade hier in Stetten nicht, wo es durch die Diakonie besonders viele Menschen gibt, die auf barrierefreie Zugänge angewiesen wären?

Kleine Hindernisse, große Probleme

Das fragt sich auch Monika Bläsing. Die 44-Jährige ist ebenfalls MS-Patientin und sitzt seit ihrem 29. Lebensjahr im Rollstuhl – einem Elektro-Rollstuhl wohlgemerkt. „Deshalb habe ich es an vielen Stellen leichter, weil ich einfach Gas geben kann und kleinere Bordsteinkanten so überwinden kann“, erklärt sie. In einem manuellen Rollstuhl, den der Fahrer selbst durch Muskelkraft betreibt, können allerdings schon kleinste Hindernisse zum riesigen Problem werden, weiß Bläsing.

Ein Beispiel hierfür ist der Zebrastreifen an der Frauenländerstraße – einer der Hauptzugangswege zur Diakonie Stetten. „Die Bordsteine sind hier zwar abgesenkt, aber nicht auf null, sondern eben auf zwei, drei Zentimeter“, erläutert PFB-Gemeinderat Ebbe Kögel, der sich schon seit Jahren für die Barrierefreiheit seiner Gemeinde einsetzt. Für den sportlichen Werner Geier ist das anstrengend, aber kein großes Problem – 30 Jahre als aktiver Fußballer haben im positiven Sinne ihre Spuren hinterlassen. „Aber jemand im manuellen Rollstuhl, der weniger Kraft hat, kommt hier schon nicht mehr ohne Hilfe rauf“, sagt Geier.

Halb gute Lösungen bringen nichts

Eine Stelle, die auch für die Elektro-Rollstuhlfahrerin Monika Bläsing ein Problem darstellt, ist der Bordstein an der Tannäckerstraße, wo der Fußweg zur Diakonie einmündet. Der ursprüngliche, etwa zehn Zentimeter hohe Bordstein wurde hier notdürftig mit Teer aufgefüllt. „Das war sicher gut gemeint, hat aber nur halb gut funktioniert“, sagt Bläsing. Denn so bleibt immer noch eine steile Kante, die es zu überwinden gilt. „Für mich ist das schwierig, weil ich durch die Multiple Sklerose meine Muskeln nicht mehr gut kontrollieren kann“, erklärt sie. Sie laufe daher beim Hinunterfahren Gefahr, vorwärts aus dem Rollstuhl zu kippen oder zu rutschen, wenn sie nicht vorher schon richtig sitze. Den Bordstein hoch komme sie nur mit Vollgas – und unter der Gefahr, dabei nach hinten umzukippen.

Werner Geier hat hier sogar noch größere Schwierigkeiten: Während er beim Hinununterfahren mit den Fußstützen aufsetzt und sich nur helfen kann, weil er noch ein wenig Kontrolle über seine Beine hat, ist der Weg nach oben, von der Straße hinauf auf den Gehweg, für ihn nicht ohne Hilfe machbar – weder rückwärts, noch vorwärts, dafür ist der Absatz zu hoch.

Auch der Zebrastreifen am Sportplatz ist für Rollstuhlfahrer alles andere als einfach zu überqueren. Schuld ist hier vor allem die Wasserrinne: In ihr bleiben die vorderen kleinen Rädchen hängen, es geht weder vorwärts noch rückwärts. „Aus meiner Sicht ist das die schlimmste Stelle in ganz Stetten“, sagt Werner Geier. Das Argument, das Wasser müsse ablaufen, lasse er nicht gelten. „Woanders gibt es ja auch gute Lösungen“, sagt er. Auch für Monika Bläsing ist dieser Überweg nur schwer zu bewältigen: „Ich muss erst richtig Gas geben, um durch die Rinne und den recht steilen Anstieg hochzukommen, und dann sofort wieder bremsen, um nicht gegen den Stromkasten zu fahren, weil der Gehweg so schmal ist“, erklärt sie. „Sehr schlecht gelöst an dieser Stelle“, findet auch Ebbe Kögel. Und das, obwohl hier täglich Hunderte von Menschen mit Behinderung queren – es ist der Überweg von der Diakonie zum nahe gelegenen Supermarkt, der Post und anderen Einkaufsmöglichkeiten.

Von der Gemeinde wünschen sich die beiden Rollstuhlfahrer vor allem eines: bei Planungen bedacht zu werden. „Es sollte selbstverständlich sein, dass beim Bauen an barrierefreie Zugänge gedacht wird“, fordert Monika Bläsing. „Und wenn etwas gemacht wird, dass es auch richtig gemacht wird“, ergänzt Werner Geier. Das spare der Gemeinde teure Nachbesserungen. Bisher könne man über Stetten leider nur sagen: „Barrierefrei, das geht definitiv anders.“ Dabei sind die beiden durchaus realistisch: „Perfekt für alle wird es nie sein, das ist klar“, sagt Bläsing. Aber ein Mittelding, mit dem alle gut leben könnten und das auch Menschen mit Behinderung echte Teilhabe ermögliche, das müsste doch machbar sein.

Was bedeutet eigentlich barrierefrei?

In § 4 des Behindertengleichstellungsgesetzes ist festgehalten: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“

Die Planungsgrundlagen für barrierefreies Bauen im öffentlichen Raum finden sich in der Norm DIN 18024-3.

Nullabsenkungen ermöglichen Rollstuhlfahrern und Rollatornutzern das Überqueren einer Straße. Dabei wird der Bordstein auf einer Breite von etwa einem Meter auf Fahrbahnniveau abgesenkt. Die Steigung der Absenkung darf nicht mehr als sechs Prozent betragen.

Dieser Bord muss taktil und visuell gesichert sein, um ein ungewolltes Verlassen des Gehweges zu verhindern. Die Bordsteine haben daher eine andere Farbe, zudem werden Blindenleitlinien auf dem Boden angebracht.

Die Querneigung von barrierefreien Gehwegen darf generell nicht mehr als 2,5 Prozent betragen, bei der Längsneigung sind drei Prozent die Obergrenze. An Rampen bis zu einer Länge von zehn Metern sind sechs Prozent Steigung erlaubt.

Auch Lichtschalter, Steckdosen und Türöffner können barrierefrei sein: Wenn sie in 85 Zentimetern Höhe und mit einem seitlichen Abstand von einem halben Meter bis zur nächsten Wand angebracht sind.

 


Barrierefreie Nachrüstung

Kernen.

„Für Neubaumaßnahmen im öffentlichen Raum gibt es bei der Gemeinde die Vorgabe, dass Nullabsenkungen und taktile Zeichen eingeplant werden müssen“, berichtet Hauptamtsleiter Bernhard Bühler. Zudem werde dort, wo es möglich sei, nachgerüstet. So geschehen jüngst an der Weinstraße, nahe dem Parkplatz der Glockenkelter: Dort hatte es bislang nur auf einer Seite eine Nullabsenkung gegeben, nun wurde auf der anderen Seite nachgebessert. „Aber natürlich werden wir nicht mit aller Gewalt überall die Gehwege aufreißen“, erklärt Bühler. Der barrierefreie Umbau müsse sinnvoll geplant und wenn möglich in ohnehin stattfindende Baumaßnahmen integriert werden. Im Falle der Telekom, die im vergangenen Jahr überall im Ort neue Leitungen verlegt und dazu auch Gehwege aufgefräst hatte, sei eine derartige Kooperation allerdings an der mangelnden Bereitschaft des Telekommunikationsunternehmens gescheitert, so Bühler. An manchen Stellen könne es zudem sein, dass sich „aus technischen Gründen“ keine zufriedenstellende, barrierefreie Lösung finden lasse. Beratend bei Bauplanungen tätig werden soll in Zukunft möglicherweise auch ein Arbeitskreis Barrierefreiheit. PFB-Gemeinderat Kögel hatte Ende Januar einen entsprechenden Antrag gestellt. Der müsse im Detail zwar noch diskutiert und konkretisiert werden, so Bühler. Bei der Gemeinde sei man aber inzwischen für das Thema Barrierefreiheit ohnehin sensibilisiert.

Multiple Sklerose – was ist das?

Oft wird Multiple Sklerose (MS) mit Muskelschwäche gleichgesetzt. Das ist jedoch nicht ganz richtig, denn erkrankt sind nicht die Muskeln, sondern die Nerven. MS ist eine chronische Entzündung des zentralen Nervensystems – Rückenmark, Gehirn und Sehnerv können betroffen sein. Die Symptome sind sehr unterschiedlich: Empfindungsstörungen in Armen und Beinen, Sehstörungen, Lähmungen und Sprachstörungen können auftreten. Auch Beeinträchtigungen von Gleichgewicht und Koordination kann eine MS-Erkrankung hervorrufen. Man nennt MS daher auch „die Krankheit mit den vielen Gesichtern“. Als Ursache wird eine Autoimmunreaktion angenommen: Entzündungs- und Abwehrzellen des Körpers greifen fälschlicherweise körpereigene Strukturen an. Weshalb es dazu kommt, ist nicht geklärt. Frauen erkranken häufiger als Männer, oft sind Betroffene in fortgeschrittenem Stadium der MS in ihrer Mobilität eingeschränkt und auf Gehhilfen oder Rollstuhl angewiesen. Multiple Sklerose ist nicht heilbar, jedoch lässt sich der Krankheitsverlauf durch gezielte Therapie günstig beeinflussen. Auch Krankengymnastik oder Sport können helfen, die Bewegungsfähigkeit länger zu erhalten.