Waiblingen

Behinderte sagen, was sie stört

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Beim Grillabend des Behindertentreffs haben Leute wie Waltraud Gärtner (Zweite von links) erzählt, welche Schwierigkeiten sie in Weinstadt haben. Die Benzacherin hat Gehprobleme und fährt daher mit einem Elektroscooter zum Einkaufen, der eine Maximalgeschwindigkeit von 19 Kilometern pro Stunde erreicht. Waltraud Gärtner würde gerne auf den Gehwegen fahren statt auf der Straße – doch diese sind oft zu schmal und teilweise nicht eben. © Klopfer / ZVW
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Das Fleisch und die Würste wurden dem Behindertentreff dieses Mal gespendet. Im Haushalt der Stadt gibt es zudem ein kleines Budget, mit dem die Weihnachtsfeier des Treffs finanziert wird. © Klopfer / ZVW

Weinstadt. Endlich barrierefrei in die S-Bahn einsteigen, endlich breitere Gehsteige und ein Bürgerbus, der die Menschen von ihrem Zuhause zum Supermarkt bringt: Das sind nur einige Wünsche, die die Menschen vom Weinstädter Behindertentreff haben. Beim Grillabend bei der Jahnhalle haben sie erzählt, was ihnen im Alltag Probleme bereitet.

Wenn Waltraud Gärtner zum Einkaufen will, dann setzt sie sich auf ihren Elektroscooter. Anders geht es nicht mehr, die Rentnerin aus Benzach ist nämlich nicht mehr so gut zu Fuß. Bis zu 19 Kilometer pro Stunde ist ihr Gefährt schnell. „Er ist ein bisschen breiter als ein Kinderwagen“, sagt Waltraud Gärtner.

Belange von Behinderten künftig mehr berücksichtigen

Trotzdem kann sie damit laut eigenem Bekunden auf vielen Gehwegen in Weinstadt nicht fahren, weil diese entweder zu schmal oder zu uneben sind. Also ist Waltraud Gärtner auf der Straße unterwegs, wo sie sich längst nicht so sicher fühlt, zumal sie dauernd von Autos überholt wird.

Sie würde sich daher wünschen, dass die Stadtverwaltung zumindest bei Bauarbeiten in den Weinstädter Straßen gleich die Chance nutzt, Gehwege zu verbreitern. Und Waltraud Gärtner ist nicht die einzige Besucherin des Behindertentreffs, die fordert, dass die Belange von Behinderten künftig mehr berücksichtigt werden.

Wann kommen alle Ampeln Signalgeber für sehbehinderte Menschen?

Lorenz Halbauer, zweiter Vorsitzender vom Weinstädter Behindertenbeirat, fragt sich, wann es endlich möglich sein wird, dass alle Ampeln in Weinstadt Signalgeber für sehbehinderte Menschen bekommen. Denn wie sollen die Leute denn sonst merken, dass die Ampel auf Grün schaltet?

„Ich war wieder in Köln: Das ist sagenhaft – an jeder Ampel ein Ton für die Blinden“, sagt der gelernte Bäcker aus Schnait, der sich zur Begrüßung scherzhaft als „Laugenweckleschlossermeister“ vorstellt. Lorenz Halbauer hat erst jüngst beim gemeinsamen Ausflug des Behindertentreffs für alle selbst gemachten Hefezopf spendiert.

Menschen mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen

Beim Grillabend vor der Jahnhalle bietet er nun seine Hilfe als Fahrer an, schließlich ist nicht jeder so gut zu Fuß. Die Vorsitzende Brigitte Scheibner kümmert sich derweil darum, dass jeder der rund 20 Besucher mit Wurst, Fleisch, Kartoffelsalat und Ajvar versorgt wird.

Es ist ein richtiger geselliger Abend, es wird gelacht und geschwätzt, die Leute kennen sich untereinander zum Teil schon lange. Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen: Manche sind gehbehindert, andere sehen oder hören sehr schlecht, wieder andere haben eine geistige Behinderung.

Remstäler Selbsthilfegruppe „Fische“

Marlies Vögele aus Benzach zum Beispiel ist hörgeschädigt und wünscht sich daher, dass mehr Menschen das Fingeralphabet lernen. Wenn die Leute dann im Gespräch mit ihr zumindest den ersten Buchstaben der Worte, die sie sagen, mit den Fingern zeigen können, hilft ihr das schon mal ungemein.

Sie gibt selbst seit vielen Jahren in ihrer Wohnung in Benzach Unterricht in lautsprachbegleitenden Gebärden und engagiert sich in der Remstäler Selbsthilfegruppe „Fische“, dem Förderkreis zur Integration von Schwerhörigen und Ertaubten.

„Ich komme mit dem Fuß kaum rein“

Ein großes Problem haben einige Leute vom Behindertentreff auch mit der Beutelsbacher Bahnhaltestelle, denn das Höhengefälle zwischen Bahnsteig und S-Bahn ist ihnen eindeutig zu groß. „Ich komme mit dem Fuß kaum rein“, sagt eine Beutelsbacherin. Folge: Sie und andere fahren immer mit dem Bus von Beutelsbach zum Endersbacher Bahnhof, wo dann gerne mal die nächste Hürde auf sie wartet, nämlich in Form von Treppenstufen zum Bahnsteig, dank eines häufiger mal defekten Fahrstuhls.

Ein Beutelsbacher, der im Betreuten Wohnen beim Luitgardheim wohnt, wünscht sich, dass es endlich einen Bürgerbus gibt. Also ein Kleinbus, der Leute, die aus Krankheits- oder Altersgründen nicht mehr so gut zu Fuß sind, nach vorheriger Anmeldung von ihrem Zuhause zum Beispiel zum Arzt oder zum Einkaufen fährt. Der Stadtseniorenrat ist an dem Thema übrigens schon länger dran.

Es kommt auf den Versuch an

Nicht alle Besucher des Behindertentreffs glauben, dass sich die Weinstädter Politik wirklich für sie einsetzt. Aber der ein oder andere hat doch noch Hoffnung, immerhin hat Oberbürgermeister Michael Scharmann den Treff erst vor einigen Monaten besucht. Waltraud Gärtner findet, dass es auf einen Versuch ankommt. „Ich bin dafür, dass man dem Herrn Scharmann ausrichtet, dass er sich Gedanken macht.“


Jeden ersten Mittwoch im Monat

Den Behindertentreff gibt es in Weinstadt seit mehr als 25 Jahren. Er findet an jedem ersten Mittwoch im Monat statt, außer wenn dieser zufällig ein Feiertag ist wie dieses Jahr am 1. November – da wird dann die Zusammenkunft einfach um eine Woche verschoben.

Grillabende organisiert der Behindertentreff jedes Jahr, genauso wie eine Weihnachtsfeier, Vorträge und gemeinsame Ausflüge. 2016 ging es zum Beispiel nach Alfdorf und Spraitbach, inklusive Pferdekutschenfahrt und dem Besuch eines Instrumentenbauers, 2015 fuhren alle auf die Alb und besichtigten dort unter anderem eine Käserei. „Diese Ausflüge sind preisgünstig: 25 Euro mit Eintritt“, sagt Lorenz Halbauer, zweiter Vorsitzender des Weinstädter Behindertenbeirats.

Für den Behindertentreff gibt es bei der Stadt Weinstadt einen kleinen Etat, aus dem unter anderem die Weihnachtsfeier finanziert wird. Dazu gehen auch immer wieder Spenden ein, wie zuletzt vom Lionsclub. Ansprechpartnerin für den Behindertentreff ist bei der Stadt Gabriele Knabenschuh. Sie ist unter ) 0 71 51/69 32 23 erreichbar.